Umfrage bei Gemeinde und Politik zum Wohnraumversorgungskonzept / Teil 1: Bürgermeister Niels Thomsen, Grüne, „Besser“

„Denkanstoß ja, Handlungsanweisung nein“

stuhr - Von Andreas Hapke. Für Bürgermeister Niels Thomsen ist das Thema Wohnraum „eines der wichtigsten Handlungsfelder überhaupt“. Was kann das Versorgungskonzept des Landkreises, das auf die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum abzielt, für die Gemeinde leisten? Können die darin getroffenen Aussagen eine Handlungsanweisung für die Politik sein? Wir haben beim Verwaltungschef und den Fraktionsvorsitzenden nachgefragt. Im ersten Teil kommen außer Thomsen die Grünen und „Besser“ zu Wort.

Laut Grünen-Chefin Kristine Helmerichs erfüllt das Konzept seinen Auftrag. Es diene als Voraussetzung dafür, Zuschüsse für den Bau von bezahlbarem Wohnraum abzuschöpfen. Private Investoren könnten von günstigen Krediten für Wohnungen in Altbauten profitieren. Zudem „kann man sehr schön sehen, was wo gebraucht wird“.

Für Stuhr hat die Beratungsgesellschaft Inwis unter anderem einen zunehmenden Bedarf an Wohnungen in Mehrfamilienhäusern ermittelt, da es mehr Ein- und Zwei-Personen-Haushalte geben wird. Die Zahl der minderverdienenden Haushalte wird auch steigen, wobei sich schon zwischen 2009 und 2016 Engpässe bei preisgünstigen und mittelgroßen Mietwohnungen auftaten. Im selben Zeitraum gab es auch eine starke Nachfrage nach Einfamilienhäusern.

Mehr als Gedankenanstöße könnten diese Feststellungen nicht sein, sagt Helmerichs und fordert eine „differenzierte Betrachtung“. Beispiel Einfamilienhäuser: Die Nachfrage in Stuhr, Varrel und Moordeich sei groß. „Doch wo geht noch etwas, und was ist dann mit der Infrastruktur?“ Die Schule in Moordeich etwa platze jetzt schon aus allen Nähten, drei Mobilbauten sprächen für sich.

Was den sozialen Wohnungsbau angehe, habe die Gemeinde bereits „eine Menge gebaut und Häuser gekauft ohne Ende“. Helmerichs setzt auf eine Durchmischung der Bevölkerung, will eine Ghettoisierung vermeiden. In dieser Hinsicht eröffne das Konzept für den Brinkumer Ortskern eine Perspektive. „Man könnte mit dem Investor darüber verhandeln, einen Teil der Wohnungen als Sozialwohnungen zu bauen.“ Dafür werde sie sich einsetzen.

Bürgermeister Thomsen verweist darauf, dass die Gemeinde für Haushalte mit geringem Einkommen zurzeit mehr als 7 000 Quadratmeter Fläche in sieben Häusern und 115 Wohnungen bereithält. Gleichwohl hätte es dieser Personenkreis schwer, schnell eine bezahlbare Unterkunft zu finden.

In der Hälfte der Wohnungen seien momentan Flüchtlinge, anerkannte Asylbewerber und Obdachlose untergebracht. „Perspektivisch stehen aber auch diese Wohnungen dem Markt zur Verfügung“, sagt Thomsen, der sich „ergänzend Angebote zum Beispiel in Form von kleineren Reihenhaussiedlungen“ vorstellen könnte. Ob und wie Stuhr im Rahmen der zur Verfügung stehenden Grundstücke und entsprechender Bebauungspläne aktiv werde, sei offen.

Überhaupt beeinflusse die Gemeinde den Wohnungsbau hauptsächlich über die Bauleitplanung, sie trete erst in zweiter Linie als Anbieter auf. Eingriffe in einen Markt, der auf Angebot und Nachfrage reagiert, müssen laut Thomsen „sehr gut überlegt werden. Die Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten sind angesichts des niedrigen Zinsniveaus ohnehin begrenzt“. Auch deshalb bedürfe es keines Wohnungsbauprogramms.

Handlungsanleitungen für Stuhr sieht auch „Besser“ in dem Konzept nicht. Stuhr habe in der Vergangenheit „sehr viel neuen Wohnraum unterschiedlicher Größe und Preisklassen geschaffen“, sagt der Fraktionsvorsitzende Gerd-W. Bode und nennt das Baugebiet Briseck als Beispiel. Dort hätten etwa 2 000 Menschen bezahlbare Wohnungen und Grundstücke gefunden. Auch dank der „erforderlichen Bereitstellung von Wohnraum für Flüchtlinge ist ein Reservoir für ein künftiges Angebot an sozialem Wohnraum entstanden“. Bei der Versorgung mit Eigentumswohnungen sei die Gemeinde sogar über das Ziel hinausgeschossen: „Der Ersatz von Bauernhöfen mit einer Familie durch Stadtvillen mit teilweise 30 Parteien hat das Straßennetz in älteren Ortsteilen total überlastet.“

Die bebaubare Fläche sei in Stuhr endlich. Nicht die Quantität der Einwohner, sondern die Aufenthaltsqualität müsse künftig im Vordergrund der Ortsplanung stehen. Eine große Chance für die Verbindung von Wohnen, Gewerbe und Kultur sieht Bode in der Verwirklichung des Brinkumer Marktplatzes. „Sie sollte nicht vertan werden.“

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