„Damit die Nachwelt sieht, was unberührte Natur ist“

Horst Ewald bekommt den Stuhrer Wolf für sein Engagement

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Horst Ewald zeigt ein Insektenhotel. Der Schutz der Artenvielfalt ist ihm ein besonderes Anliegen.

Stuhr - Von Julia Kreykenbohm. Unberührte Biotope, in denen sich Pflanzen und Tiere ungestört entwickeln und leben können. Orte, an denen der Mensch Gast sein und sie sich anschauen – aber die er nicht nutzen, in die er nicht eingreifen darf. Vier von solchen Flächen gibt es in Stuhr und ihr Anblick erfüllt Horst Ewald jedes Mal mit Freude.

Er war seit einem Jahr Vorsitzender der Ortsgruppe Stuhr des Naturschutzbundes (Nabu), als die Gruppe die erste von diesen Flächen am Henkenmoor, oberhalb von Neukrug von der Gemeinde erwarb. „Das war unser erstes Kind“, sagt der 78-Jährige und lächelt.

Handeln für Kinder und Enkel

Diese Biotope liegen ihm am Herzen, denn sie sichern die Artenvielfalt für die Nachwelt. „Damit unsere Kinder und Enkel noch erleben können, wie unberührte Natur aussieht“, beschreibt Ewald. Seit er sein Amt als Vorsitzender im Jahr 2013 niedergelegt hat, hat er sich um die Biotope gekümmert. Erst im März musste er diese Tätigkeit aus persönlichen Gründen aufgeben. Doch sein großes Engagement für den Naturschutz in der Gemeinde ist nicht vergessen worden. Vor Kurzem bekam er den Stuhrer Wolf verliehen. „Ich habe mich gefreut“, sagt Ewald. „Vor allem, weil der Naturschutz wieder etwas Aufmerksamkeit erfahren hat und auch, weil mein Name mit ihm verbunden wird.“

Die Natur liegt ihm fast sein ganzes Leben lang am Herzen. Als Flüchtlingskind lehrte ihn die harte Nachkriegszeit, die Umwelt zu nutzen. Sie war Nahrungsspenderin und lieferte auch andere Materialien um zu Überleben. Das prägte den jungen Mann. Er erkannte die Bedeutung der Natur und entschloss sich als Erwachsener, sie zu schützen. Vor 40 Jahren trat er, angeregt durch einen Freund, in der Nabu ein und wurde 2004 Vorsitzender.

Bauern betrachteten Nabu anfangs als Störenfriede

„Ich hatte das große Glück, von meinem Vorgänger einer tolle Gruppe und eine gut gefüllte Kasse übergeben zu bekommen. Da gab es Mitglieder, die auf ihren Gebieten richtige Experten waren. Die einen kannten sich mit Hummeln gut aus, die anderen mit Amphibien.“ Mit solch einer Basis habe er gleich durchstarten können und das tat er mit vollem Elan. „Ich bin Skorpion“, verrät Ewald und lacht. „Was ich mache, mache ich richtig.“

Dazu gehörte für ihn, den Nabu bekannt zu machen, Kontakte zu den Ortsvereinen zu knüpfen und Mitglieder zu werben – kurz gesagt, sich ein Netzwerk aufzubauen, um das zu bekommen, was für die Naturschutzarbeit unerlässlich ist: Grundstücke. „Das war nicht leicht, da wir damals noch massive Probleme mit den Bauern hatten. Man begegnete uns mit Skespis, wir wurden als Störenfriede empfunden“, erinnert sich Ewald. Einmal habe ihn ein Landwirt mit dem Hund vom Hof gejagt. Es habe Barrieren, viele Vorbehalte gegeben. „Wir mussten den Leuten klar machen, dass wir was Gutes tun wollen.“

Viele Mitglieder, aber an der Aktivität hapert es

Zu einem wichtigen Partner habe sich die Gemeinde entwickelt, von der der Nabu auch das erste Grundstück kaufte. „Ohne die Gemeinde geht es nicht“, betont Ewald. Aber auch das Verhältnis zu den Landwirten habe sich merklich verbessert. Der Stuhrer lud sie zu Gesprächen ein, denn sein Motto lautet: „Dialog statt Disput, Kompromiss statt Konflikt“. Denn mit Streit erreiche man gar nichts. „Man muss gemeinsam wirken für einen pragmatischen Naturschutz.“ Bei den Treffen hätten ihn die Bauern mit ihrem Wissen und ihren Argumenten sehr beeindruckt, er habe viel gelernt und allmählich sei das Verständnis füreinander gewachsen. „Es ist noch nicht alles perfekt, aber es ist gut“, resümiert Ewald. Schon das zweite Grundstück in Heiligenrode, eines der schönsten, wie Ewald schwärmt, bekam der Nabu von einem Landwirt.

Was ihm Sorgen macht, ist die Entwicklung der aktiven Mitglieder. „Mit rund 700 Mitgliedern haben wir eine gute Zahl. Leider sind nur wenige wirklich aktiv, übernehmen Info-Stände oder ziehen sich am Wochenende mal Gummistiefel und Handschuhe an, um die Biotope in Ordnung zu halten. Solche Leute fehlen.“ Ebenso vermisst Ewald „Experten“ – also Leute, die über ein besonderes Wissen in einem Bereich verfügen – oder Menschen, die sich dazu ausbilden lassen, von den „Experten“ lernen.

Ewald möchte seinen Nachfolger nicht unter Druck setzen

Fragt man Ewald nach seinen Wünschen für die Zukunft des Nabu, hält er sich zurück. „Ich möchte meinen Nachfolger nicht unter Druck setzen.“ Doch ein Projekt, dass er gern umgesetzt hätte, sind Blühstreifen, die aus den Ackerrandstreifen entstehen, wofür man wieder den Dialog mit den Landwirten suchen müsste. „Es gibt noch so viel zu tun“, meint Ewald. Er hat oft 20 Stunden pro Woche im Nabu investiert. „Als Vorsitzender braucht man Zeit, Kraft und Überzeugung.“ Doch er hat es gern gemacht. „Wir sehen uns als die Stimme der Natur, die nicht für sich selber sprechen kann. Wir sorgen dafür, dass sie gehört wird.“

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