Bücher der Geschichtswerkstatt

Gemeinde Stuhr organisiert Sonderbuchverkauf zur Währungsreform vor 70 Jahren

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Gemeindearchivarin Elisabeth Heinisch mit den drei Büchern des Sonderverkaufs.

Stuhr - Von Andreas Hapke. 70 Jahre ist es her, dass die Deutsche Mark (DM) als offizielles Zahlungsmittel in Westdeutschland eingeführt wurde. Noch heute, 16 Jahre nach der Umstellung auf den Euro, horten die Deutschen mehr als 12 Milliarden DM, davon mehr als die Hälfte in Münzen.

Zum Jubiläum der Währungsreform am 21. Juni 1948 hat sich die Gemeinde Stuhr eine besondere Aktion überlegt: den Verkauf dreier historischer Bücher als Paket. „Wir wollen bekannt machen, wie die Menschen das hier erlebt haben“, sagt Gemeindearchivarin Elisabeth Heinisch.

Bei „Hunger nach Brot und Frieden – Stuhr 1945 bis 1948“ sowie „Mit der D-Mark begann der Aufschwung – Stuhr 1948 bis 1955“ handelt es sich um Arbeiten der Geschichtswerkstatt. Die Publikationen beleuchten die Situation in den Ortsteilen Alt-Stuhr, Varrel, Moordeich, Blocken und Obernheide.

Mit allen Ortsteilen befasst sich das Buch „Wieder in die Gänge kommen“, das der Bremer Wissenschaftler Joachim Oltmann 1990 im Auftrag der Gemeinde veröffentlicht hat. Seine Arbeit beruht im Wesentlichen auf der Auswertung von Aktenbeständen aus den sechs Altgemeinden. Zudem hat Oltmann unter anderem das Archiv der Kreiszeitung bemüht und Interviews mit Zeitzeugen geführt.

Die Reichsmark wurde nach dem Krieg nahezu wertlos

Aus seinen Ausführungen geht hervor, dass die Reichsmark (RM) nach dem Krieg „nicht als normales Zahlungsmittel fungieren“ konnte. Grund: Der Geldmengenüberhang hat keine Deckung mehr im vorhandenen Warenangebot gefunden. Entweder gab es wegen der Güterknappheit nichts zu kaufen, oder auf dem Schwarzmarkt wurden horrende Preise gezahlt. Zur damaligen Rolle des Geldes sagt Bewohner Schierholz: „Da konnten Sie nichts mit machen.“

Illegal gebrannter Schnaps etwa diente als Zahlungsmittel auf dem Schwarzmarkt. Wer dort Schuhe kaufen wollte, musste bis zu 1000 RM dafür zahlen, „und ein Pfund Butter“, wie sich Bewohnerin Hornbostel aus Brinkum erinnert. Die Butter sei schwerer aufzutreiben gewesen.

Da die auf Marken zugeteilten Lebensmittelrationen völlig unzureichend waren, entfalteten die Bewohner eine Reihe von Aktivitäten, um ihre Lage zu verbessern. Neben dem Schwarzmarkt bildeten Tauschgeschäfte, etwa eine Nähmaschine gegen ein Paar Damenschuhe Größe 38, und Kohlenklau auf dem Verschiebebahnhof in Kirchweyhe probate Überlebensstrategien. 

Von heute auf morgen half die Währungsreform

Mit der Einführung der DM verlor das an Bedeutung. „Wer jetzt Waren anzubieten hatte, war darauf aus, in den Besitz der neuen, kaufkräftigen DM zu gelangen“, schreibt Oltmann. Auf die Umstellung hätten sich viele Kaufleute durch Zurückhalten oder Horten von Gütern vorbereitet.

Die Gemeinden zahlten 40 DM gegen 40 RM aus. Damit hätten die Menschen umgehend einkaufen können, erinnert sich Fahrenhorsts Gemeindedirektor Schierholz. „Da war sofort was da.“

Alle Zeitzeugen berichten, dass die Währungsreform die Versorgung der Bevölkerung von heute auf morgen verbessert habe. Bewohner Strauß aus Groß Mackenstedt erinnert sich an den Kauf eines Honigglases für 70 Pfennig. Vorher habe es diese Ware nicht gegeben. „Es war ein Aufatmen, als die Währungsreform ‘48 kam“, berichtet Bürger Mehrens aus Stuhr.

Das neue Geld war knapp, die Menschen nahmen erste Kredite auf

Die örtliche Wirtschaft musste sich mit der Währungsreform auf eine neue Lage einstellen – allein schon, weil mit dem knappen, neuen Geld das Kreditgeschäft begann. Bei der Stuhrer Spar- und Darlehenskasse stieg ab 1948 die Aufnahme neuer Genossen sprunghaft an. Das galt wegen der Umstrukturierung der Wirtschaft allerdings zunächst auch für die Zahl der Arbeitslosen.

Die DM hielt überall Einzug, auch bei der Begleichung von Straftaten. 70 RM wegen Diebstahls von Kohlen lautete ein Urteil 1947, 80 DM wegen Schwarzbrennens von Schnaps eines ein Jahr später.

Für die Betreiber von Gasthöfen und Kinos bedeutete die DM ebenfalls einen Einschnitt, weil die Eintrittspreise laut Oltmann „vielen Tanzlustigen (...) einfach zu hoch“ waren. Die Bezirkslichtspiele wären beinahe „zu Boden gegangen“, denn die neue, knappe Währung wurde „kritisch gegen die Mängel des Kinos abgewogen“.

Erst ein zweiter Vorführapparat habe eine lebhafte Verbesserung gebracht, da die unliebsamen Unterbrechungen aufhörten.

• Die drei Geschichtsbücher sind zum Preis von insgesamt 24 Euro bis zum 25. Juli ausschließlich im Bürgerbüro erhältlich.

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