Ein Leben ohne den Ganztag

Corona: Nur wenige Kinder profitieren von Notbetreuung an den Stuhrer Grundschulen

Ranzen packen und direkt nach Schulschluss nach Hause gehen. 655 Stuhrer Kinder, die für den Ganztag angemeldet sind, dürfen derzeit nicht nach dem Unterricht betreut werden.
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Ranzen packen und direkt nach Schulschluss nach Hause gehen. 655 Stuhrer Kinder, die für den Ganztag angemeldet sind, dürfen derzeit nicht nach dem Unterricht betreut werden.

Mit Beginn der Corona-Pandemie mussten die Grundschulen ihr Ganztagsangebot einstellen. Nur 180 Kinder kommen in den Genuss einer Notbetreuung bis 15.30 Uhr. 655 für den Ganztag angemeldete Sprösslinge schauen in die Röhre. Für die Ergänzende Betreuung bis 17 Uhr kommen 58 von 141 Kindern infrage.

Stuhr – Die Corona-Wirklichkeit begann für das offene Ganztagsangebot der Stuhrer Grundschulen am 11. März vergangenen Jahres. Es war der Tag, an dem in Moordeich der erste Infektionsfall auftrat. Die gesamte Schule wurde vom Gesundheitsamt evakuiert und geschlossen, elf Tage vor dem ersten Lockdown. „Aufgrund der damit einhergehenden Unsicherheiten kamen in den ersten Wochen sehr wenige Kinder in die Notbetreuungen, sodass auch viele Kräfte zuhause blieben“, erinnert sich Oliver Dausin, Koordinator der Ganztagsbetreuung in Stuhr.

Mit der Zeit sei das Wissen über den Virus größer und der Umgang mit Infektions- und Verdachtsfällen routinierter geworden. „Die Einrichtungen verfügen heute über Hygieneregeln und erweiterte, angepasste Hygienekonzepte; sie wurden mit Schnell- und Selbsttests ausgestattet, die Kräfte haben ein Impfangebot erhalten.“ Trotzdem: „Wenn 180 Kinder zur Notbetreuung kommen dürfen, dürfen es 655 für den Ganztag angemeldete Kinder nicht“, stellt Dausin fest. Grund: Pandemiebedingt ist an offenen Ganztagsschulen kein Nachmittagsangebot erlaubt.

Notbetreuung ohne Ganztag: Nachwuchs leidet unter Einschränkungen

Die Erfahrungen der Schulen legen laut Dausin nahe, dass der Nachwuchs unter dieser Einschränkung leide. Fehlende soziale Kontakte zu Gleichaltrigen, bei zu vielem Kontakt zu überlegenen Älteren, Bewegungsmangel und Erinnerungslücken – davon würden die Mitarbeiter berichten.

Die Schulen organisieren den Präsenzunterricht und sind verpflichtet, von 8 bis 13  Uhr eine Notbetreuung einzurichten. Diese hat Vorrang vor Erteilung des Unterrichts, sollten die personellen Ressourcen gering sein. In Stuhr bieten die Schulen sogar eine Notbetreuung von 8 bis 15.30 Uhr an, freitags von 8 bis 13 Uhr. Teilnehmen können Schüler, wenn ein Elternteil „in betriebsrelevanter Stellung in einem Berufszweig von allgemeinem öffentlichen Interesse“ beschäftigt ist. Soziale Gründe, etwa Schwierigkeiten beim häuslichen Lernen, spielen ebenfalls eine Rolle. Die Betreuung gelingt, weil die insgesamt knapp 60 Mitarbeiter jetzt zwischen 8 und 15.30 Uhr in mehreren Schichten im Einsatz sind – statt wie früher von 13 bis 15.30 Uhr im Ganztagsangebot.

Organisation der Mitarbeiter arbeitsintensiv

Wo es die Personalausstattung zulässt, werden die für die Ergänzende Betreuung angemeldeten Kinder noch bis 17 Uhr versorgt. Davon profitieren zurzeit 58 von ursprünglich 141 Kindern – in Heiligenrode, Moordeich und Varrel. Mangels Personal gibt es die Ergänzende Betreuung in Brinkum und Seckenhausen nur freitags bis 15.30 Uhr. Aus demselben Grund fallen die Spätdienste (17 bis 18 Uhr) in Heiligenrode und Moordeich aus.

„Dank der großen Flexibilität und hohen Einsatzbereitschaft unserer Kräfte ist es möglich, ihre Dienstzeiten den wechselnden, pandemiebedingten Erfordernissen anzupassen“, sagt Dausin. Gleichwohl bedeute die Organisation der Mitarbeiter aufgrund der Kontaktbeschränkungen einen erheblichen Aufwand. „Sie bleibt vielfach auf Telefongespräche und Benachrichtigungen per E-Mail begrenzt. Team- und Mitarbeiterbesprechungen finden seit gut einem Dreivierteljahr nicht mehr statt“, sagt Dausin. Hinzu kämen längerfristige Ausfälle, etwa wenn Mitarbeiter zur Risikogruppe gehörten.

Keine Einschränkung des Präsenzunterrrichts durch Notbetreuung

Ungefähr zwei Drittel der Arbeitszeit entfällt auf die Betreuung der Kinder vor Ort, die übrige Zeit befinden sich die Mitarbeiter im Homeoffice. Dort halten sie zum Beispiel den Kontakt zu jenen Sprösslingen, die nicht in der Notbetreuung sind. Laut Dausin haben sich mancherorts regelrechte „Briefverkehrsströme“ entwickelt, bei denen sich Mitarbeiter und Kinder schreiben.

Die schulische Notbetreuung ermögliche es den Sprösslingen, unter strukturierten Bedingungen Kontakt zu Gleichaltrigen zu haben und schulische Aufgaben bearbeiten zu können, sagt Dausin. Eltern, die in betriebsrelevanter Stellung in einem Berufszweig von allgemeinem öffentlichen Interesse beschäftigt sind, könnten Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren. In Stuhr führe die Notbetreuung nicht zu Einschränkungen im Präsenzunterricht. „Der Spagat, den die Lehrkräfte zwischen Präsenzunterricht, Home-Learning und Notbetreuung leisten müssen, fällt in Stuhrer Grundschulen kleiner aus als anderswo“, nennt Dausin einen weiteren Vorteil.

Dies alles seien gute Nachrichten. Es profitieren nur nicht alle Eltern und Kinder davon.

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