Elternvertreterinnen fordern Öffnung für alle

Kitas im Corona-Lockdown: Die vergessenen Kinder

Zwei Frauen stehen vor einer leeren Schaukel.
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Ziehen an einem Strang zum Wohle aller Kita-Kinder: Die Sykerin Stefanie Bremer (l.) und die Stuhrerin Silvia Rievers im Garten der Familie Rievers in Brinkum.

„Die Kinder sind aus dem Stadtbild verschwunden. Man sieht sie nicht, aber sie haben Probleme“, weiß Silvia Rievers, die Vorsitzende des Gesamtelternrats der Stuhrer Kitas. Gemeinsam mit der Vorsitzenden des Stadtelternrats für die Syker Einrichtungen, Stefanie Bremer, will sie auf diese Misere aufmerksam machen.

  • Eltern befürchten seelische Schäden ihrer Kinder.
  • Die kleinen bauen Spielzeug-Zoos mit Quarantänestation.
  • Die Sorgen eines Kinderarztes.

Brinkum Die Sykerin Stefanie Bremer und die Stuhrerin Silvia Rievers haben eine „Stellungnahme zur coronabedingten Kita-Schließung im Land Niedersachsen seit dem 10. Januar 2021“ verfasst und wollen diese den Kreispolitikern zukommen lassen. Darin setzen sie sich für die sofortige Öffnung der Kitas für alle Kinder ein.

Zur Situation der Sprösslinge haben Rievers und Bremer alle Elternvertreter in Stuhr und Syke befragt. Deren eigene Erfahrungen spiegeln sich ebenso in der Stellungnahme wider wie das, was ihnen von anderen Erziehungsberechtigten zugetragen wurde. Rievers etwa hat mit Ausnahme der Paulus-Gemeinde und der Kita Löffelchen Rückmeldungen aus allen Einrichtungen bekommen. „Und trotzdem ist das nur die Spitze des Eisbergs. Wir erreichen nicht alle Eltern, vor allem nicht die, die in prekären Verhältnissen leben.“ Gleichwohl sehen sich Rievers und Bremer als Sprachrohr für mehr als 2 000 Kinder und deren Eltern.

Strenge Kriterien für die Notbetreuung

Während Schulkinder wieder eine direkte Ansprache durch Pädagogen haben, gilt dies nur für maximal 50 Prozent der Kita-Kinder. Mehr Sprösslinge dürfen pro Einrichtung nicht in die Notbetreuung. „Und die Kriterien für die Aufnahme sind relativ streng“, sagt Rievers. Was macht das mit den Kindern, deren Umfeld seit Monaten die eigenen vier Wände sind? Eine Menge, finden die Elternvertreter. Rievers nennt das Beispiel ihrer eigenen Tochter, die bald vier Jahre alt wird. „Im vergangenen Sommer war sie trocken, im Herbst hat sie wieder in die Hose gemacht, jetzt trägt sie wieder Windeln.“ Generell würden Kinder stressbedingt Rückschritte machen.

In der Auswertung ihrer Befragung haben Bremer und Rievers körperliche Folgen aufgeführt – speziell ein verändertes motorisches Verhalten. Ein Grund: Die Kinder seien nicht mehr ausgelastet, wie Bremer selbst bei ihren Sprösslingen festgestellt hat. „Ich musste mich jeden Tag körperlich mit meinem Sohn auseinandersetzen“, berichtet sie. Eine Mutter gab laut Bremer an, dass die jüngere Tochter bei Weitem nicht das kann, was ihre Schwester in dem Alter konnte, etwa Balancieren auf einem Balken.

Eine weniger ausgewogene Ernährung, Schlafprobleme und übertriebene Hygiene bis hin zum Waschekzem sind laut Befragung weitere Beobachtungen der Eltern. „Normale Infektionen“, die zum Aufbau des Immunsystems notwendig seien, blieben aus.

Die Erziehungsberechtigten befürchten auch seelische Schäden durch fehlende Sozialkontakte. Kein Streiten, kein Vertragen, kein Trösten. Im Beisein Fremder würden sich die Kleinen an die Eltern klammern. Diese stellen bei ihrem Nachwuchs auch Resignation und Niedergeschlagenheit fest. „Die Kinder fragen gar nicht mehr nach Ausflügen oder Ähnlichem, weil sie die Antwort zu kennen glauben: ,Ja, ja, nach Corona.’ Viele haben aufgegeben“, sagt Bremer. Ihre eigenen Kinder hätten Corona schon derart verinnerlicht, dass sie für ihren Zoo aus Duplo-Steinen auch eine Quarantänestation für neu hinzugekommene Tiere bauten.

„Zum Teil verwahrlosen sie zuhause“

Einige der elterlichen Beobachtungen kann der Brinkumer Kinderarzt Dr. med. Soumya Phillip Datta bestätigen. „Man sieht, dass Entwicklungsverzögerungen gerade nicht mehr so gut aufgeholt werden. Die Kinder bleiben quasi stehen.“ Dies gelte für die motorische und die sprachliche Entwicklung gleichermaßen. Infektionen, bei Kita-Kindern gehe man von zwölf pro Jahr aus, würden in diesem Winter gar nicht vorkommen. Das Immunsystem lerne durch Infektionen. „Doch darüber, ob sich die aktuelle Situation langfristig auswirken wird, gibt es keine Daten.“ Mit Waschekzemen hatte es Datta vor allem zu Beginn von Corona zu tun. Was die psychischen Folgen der Pandemie angehe, seien überwiegend Jugendliche betroffen. „Zum Teil verwahrlosen sie zuhause“, sagt Datta. Bei den Kita-Kindern falle eher die gesamte Belastung für die Familie ins Gewicht.

„Uns geht es um die mindestens 50 Prozent der Kinder, die hinten runterfallen“, sagt Rievers. „Vor allem um die, die noch kein Deutsch sprechen können, deren Eltern keine systemrelevanten Jobs und damit keinen Anspruch auf eine Notbetreuung haben.“

Es stehe außer Frage, dass es auch in Kindertagesstätten Corona-Ausbrüche gebe, doch die Einrichtungen seien keine Hotspots, betonen Rievers und Bremer. Für ihre Forderung nach Öffnung der Kitas für alle Kinder führen die beiden unter anderem die jüngste Studie zum Übertragungsrisiko von Covid-19 in rheinland-pfälzischen Schulen und Kitas an (siehe Infokasten). Es sei wohl der einfachste Schritt, die Kitas zu schließen. „Ziviler Ungehorsam entsteht durch die Eltern ja nicht“, sagt Bremer.

Von Andreas Hapke

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