100 Patienten beteiligt

Coronavirus-Impfstoff-Test in Brinkum: „Das ist ein sehr spannendes Projekt“

In Brinkum testen 100 Menschen den Corona-Impfstoff oder erhalten ein Placebo. Der Aufwand dafür geht für die Ärzte Torsten Drescher und Lars Pohlmeier über das tägliche Praxisleben hinaus. Und ohne Hochleistungs-Kühlschrank geht sowieso gar nichts.

  • In Brinkum testen 50 Menschen den Corona-Impfstoff - 50 erhalten ein Placebo.
  • Der Impfstoff BNT162b2 muss auf bis auf über 70 Grad minus heruntergekühlt werden.
  • Die Ärzte Torsten Drescher und Lars Pohlmeier aus Brinkum haben viel Erfahrung in klinischen Studien.

Update vom 23. November: Nach Biontech und Moderna hat jetzt auch die britisch-schwedische Firma Astrazeneca mitgeteilt, dass sie einen Coronavirus-Impfstoff entwickelt hat. Das Vakzin habe eine Wirksamkeit von im Mittel 70 Prozent gegen Covid-19, teilte das Unternehmen auf Basis von Zwischenergebnissen aus der wichtigen Testphase III.

Meldung vom 17. November: Brinkum – In dem Labor der internistisch-hausärztlichen Praxisgemeinschaft von Torsten Drescher und Lars Pohlmeier in Brinkum steht ein wichtiger Kühlschrank. Bis vor kurzem beinhaltete er den Impfstoff BNT162b2 – jenes Medikament der Pharmafirmen Pfizer und Biontech, das als Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus gilt und bis auf über 70 Grad minus heruntergekühlt werden muss. Im Auftrag von Pfizer nimmt die Brinkumer Praxis an der weltweiten klinischen Studie zu dem Impfstoff teil.

Impfstoff BezeichnungBNT162b2
EntwicklungBiontech
StandortMainz
Gründung2008

Dass die Wahl auf Torsten Drescher und Lars Pohlmeier gefallen ist, kommt nicht von ungefähr. „Wir gehören zu einem Netzwerk von 20 Praxen in Deutschland, die viele Erfahrungen auf dem Gebiet haben“, sagt Torsten Drescher. Er selbst sei schon seit mehr als 20 Jahren in solche Projekte involviert. Beispiele dürfe er aus seiner Verpflichtung zur Verschwiegenheit nicht nennen. „Wenn Sie klinische Forschung betreiben wollen, müssen die Ärzte dafür entsprechende Qualifikationen mitbringen und das medizinische Fachpersonal regelmäßig Zertifikate erwerben“, fügt Torsten Drescher hinzu. Die Weltärzteorganisation lege fest, wie eine solche Forschung auszusehen habe.

Minus 79 Grad beträgt die Temperatur in dem Kühlschrank des Labors von Lars Pohlmeier (l.) und Torsten Drescher – eine Voraussetzung für die Aufbewahrung des Corona-Impfstoffs.

Gleichwohl habe er nach der Anfrage erst mal „tief durchatmen“ müssen. „Das ist ein sehr spannendes Projekt. Mir war sofort klar, dass wir das sehr konzentriert abarbeiten müssen.“ Corona sei eine große Herausforderung. Das Virus sei gekommen, um zu bleiben. „Wir bekommen es nur in den Griff, wenn ein Impfstoff da ist. Wir sind froh, als Praxis mitmachen zu können, um diese Lücke zu schließen und zur Einführung eines Impfstoffs einen wichtigen Beitrag leisten zu können.“

Corona-Impfstoff in Brinkum nur für die Hälfte der Teilnehmer

100 ihrer Patienten haben die beiden Ärzte für die Studie ausgewählt. Der einen Hälfte injizierten sie den Impfstoff, der anderen ein Placebo, und das jeweils zweimal innerhalb von drei Wochen. „Dieses Vorgehen ist bei diesem Impfstoff am effektivsten“, sagt Torsten Drescher. Welcher Proband den Hoffnungsträger BNT162b2 bekommen hat, wissen die beiden Ärzte selbst nicht. Laut Torsten Drescher waren die Teilnehmer zwischen 18 und 80 Jahre alt, mehrheitlich zwischen 50 und 70 Jahre. „Wir kennen unsere Patienten und können einschätzen, wen wir in ein wissenschaftliches Programm aufnehmen“, erklärt der Allgemeinmediziner. „Dabei haben wir auch an jene Patienten gedacht, für die Corona eine große Gefahr darstellt.“

Torsten Drescher

Torsten Drescher spricht von einer Krankheit mit „unterschiedlichen Facetten“. Er berichtet, dass inzwischen schon Kinder mit sechs, sieben Jahren „reanimationspflichtig“ geworden seien. „Viele der Facetten kennen wir noch nicht. Wir sind dabei, uns einzuarbeiten, um die Krankheit besser zu verstehen. Es ist nicht nur eine Infektionskrankheit, sondern verändert unser Sozialleben in erheblichem Maße.“

Impfstoff gegen Corona in Brinkum: Ärzte bekommen Unterstützung aus Oldenburg

Mit der Verabreichung des Medikaments ist zwar die aktive Impfphase abgeschlossen. Es folgen aber noch weitere Visiten und Besuche der Probanden, um die Ergebnisse auszuwerten. Das verlangt sowohl den Teilnehmern als auch den Ärzten und Mitarbeitern einiges ab. In der ersten Woche etwa mussten die Patienten jeden Tag über ihr Wohlbefinden informieren. Für die Impfungen war die Praxis teilweise auch freitagnachmittags und samstags geöffnet. „Vieles läuft im Hintergrund. Da es eine internetbasierte Studie ist, müssen wir E-Mails in kürzester Zeit beantworten. Und der Praxisalltag muss ja auch weiterlaufen. Das geht nur mit einem motivierten Team“, sagt Torsten Drescher. „Wir arbeiten wegen Corona ohnehin am Limit.“

Unterstützung erhalten Torsten Drescher und Lars Pohlmeier von dem Oldenburger Arzt Matthias Luttermann als leitender Prüfarzt der Studie. An der Auswertung ist eine unabhängige Organisation beteiligt, eine sogenannte Clinical Research Organisation. Sie verantwortet die Qualitätssicherung und fungiert als Ansprechpartner zwischen Praxis und Pharma-Unternehmen.

Lars Pohlmeier

Corona: Weltweit bislang knapp 45.000 Menschen geimpft

Weltweit wurden laut Torsten Drescher bislang knapp 45.000 Menschen geimpft, schwerwiegende Nebenwirkungen seien noch nicht aufgetreten. „Das ist grundsätzlich ein gutes Zeichen. Es sieht nach einer guten Verträglichkeit aus.“ Dies bestätigten auch die bisherigen Verläufe seiner Patienten. In einigen Fällen seien Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle vorgekommen, auch mal Müdigkeit und Fieber. Bei Symptomen, die denen einer Covid-19-Infektion ähneln – etwa Fieber, Husten, Atemnot – müssten sich die Probanden unverzüglich in der Praxis vorstellen. Akute Probleme seien noch nicht vorgekommen, sagt Torsten Drescher. „Aber wir müssen den weiteren Verlauf abwarten.“

Unabhängig von der Einführung des Impfstoffs rechnet er damit, dass das Projekt noch zwei Jahre läuft. „Es ist ja noch unklar, ob der Impfstoff für ein Leben ausreicht oder man jährlich geimpft werden muss“, begründet Torsten Drescher. „Wir stehen am Beginn einer völlig neuen Impfsituation.“ Für ihn selbst sei es ein „wichtiger Moment in meinem beruflichen Leben“.

Rubriklistenbild: © Andreas Hapke

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