Wahlkampf in der Schule

Car-Sharing und grüne Dächer: Schüler fragen Bürgermeistekandidaten aus

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Ihre höchstwahrscheinlich letzte Podiumsdiskussion führt die drei Kandidaten für das Stuhrer Bürgermeisteramt – (v.l.) Stephan Korte, André Uzulis und Frank Holle – in die Lise-Meitner-Schule.

Moordeich - Von Andreas Hapke. Wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl in Stuhr mussten sich die drei Kandidaten gestern noch einmal einer großen Herausforderung stellen: Die Lise-Meitner-Schule hatte kurzfristig eine Podiumsdiskussion anberaumt, damit die Schüler der zehnten Klassen „Politik aus direkter Nähe kennenlernen“, wie Schulleiter Jürgen Böckmann eingangs erklärte. Eine Bürgermeisterwahl gebe es nicht so oft, und drei Kandidaten schon gar nicht.

Als Moderator fungierte Schülersprecher Jonas Rosenberg, der in der Aufwärmphase wissen wollte, wie denn die Schulzeit der Bewerber gewesen sei. Daran hatte FDP-Mann André Uzulis gute Erinnerungen – trotz einer schlechten Phase, in der er in seinem späteren Studienfach Französisch auf eine Fünf abgerutscht war. „Da kann man sich rausarbeiten, wenn man gute Freunde hat.“ CDU-Kandidat Frank Holle profitierte von der Durchlässigkeit des hiesigen Schulsystems, denn er habe Abitur gemacht, obwohl er zuerst nicht aufs Gymnasium gegangen sei. Mit „geht so“ bilanzierte der von der SPD und den Grünen nominierte Stephan Korte seine Schulzeit. Er habe einen mittelmäßigen Realschulabschluss gemacht und erst später Ehrgeiz entwickelt. „Das ist härter, als wenn man den in der Schule schon hat.“

Außerdem erfuhren die Schüler, dass alle drei Kandidaten bereits in ihrer Jugend Interesse am politischen Geschehen entwickelten: Holle im Unterrichtsfach Gemeinschaftskunde und im Zuge seiner späteren Wehrdienstverweigerung; Uzulis beim Abendbrot und über die Zeitungen im Kiosk seiner Eltern; Korte durch sein politisches Elternhaus, das überdies geprägt war von den „schlimmen Erinnerungen“ des Großvaters an die Zeit des Nationalsozialismus.

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Vor dem Hintergrund der Schülerproteste „Fridays for Future“ wollten die Jugendlichen natürlich wissen, was die Kandidaten als Bürgermeister für den Klimaschutz zu tun gedenken. Korte setzt auf den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im Allgemeinen und die Straßenbahnlinie 8 im Speziellen, bezeichnete sich als „Fan von Carsharing“ und regte ein Gründachprogramm für Stuhr an.

Uzulis versprach, Wirtschaftswachstum nicht auf Kosten der Natur zu betreiben, sondern auf frei werdenden Grundstücken „Gewerbe mit mehr Wertschöpfung“ anzusiedeln. Er wolle die 70 Prozent Grünflächen erhalten. Als weitere Instrumente nannte er die Vielfalt von Verkehrsträgern, die Energieversorgung öffentlicher Gebäude per Blockheizkraftwerk und ein Gründerzentrum für Logistik.

„Lehrer für Talent, Gemeinde für Toiletten“

Die Fortschreibung des kommunalen Klimaschutzgesetzes steht für Holle ganz oben auf der Prioritätenliste. Außerdem könne er sich ein Elektro-Carsharing wie an seiner jetzigen Wirkungsstätte Tarmstedt vorstellen sowie den Ausbau des „übersichtlichen“ Ladesäulensystems in Stuhr. Schulen und Kitas könnten belohnt werden, indem sie eingesparte Bewirtschaftungskosten für ihre Zwecke ausgeben dürfen.

Die Aktion „Fridays for Future“ nannte Holle in Form einer Schulveranstaltung „ganz wichtig“. Verschiedene Tarmstedter Klassen würden dafür nach Bremen fahren. Uzulis freut sich über das politische Engagement der Schüler, mahnte aber an, dass die Schulpflicht zu erfüllen sei. Korte plädierte in dieser Frage für mehr Gelassenheit. „Wäre die Aktion nicht am Freitag, würden die Zeitungen nicht berichten.“

„Was wollen Sie für die Bildung tun?“, lautete eine weitere Frage aus der Mitte der Schüler. Da sahen Holle und Uzulis im Wesentlichen den regen Austausch zwischen Bürgermeister und Schule als Möglichkeit. „Lehrer für Talent, Gemeinde für Toiletten“ fasste Holle den Fokus der Kommune auf die Ausstattung der Schulen zusammen. Darunter falle auch die Umsetzung des Digitalpakts.

Verbesserung des ÖPNV

Ebenfalls ein großes Thema bei den Jugendlichen: die Verbesserung des ÖPNV – und zwar unabhängig von der Linie 8, wie eine Schülerin betonte: „Bis die kommt, sind wir schon ausgezogen.“ Eine Mitschülerin forderte den Ausbau der Grönemeyer-Linie nach Bürstel, eine andere eine Verbindung über Varrel nach Delmenhorst. Obwohl die Politiker „den Bedarf insbesondere in den Abendstunden“ (Korte) erkannten und den ÖPNV als „ökologische Komponente“ (Uzulis) hoch einschätzten, wollte Holle keine „kurzfristigen Erfolge“ versprechen. „Das braucht Geduld.“

Über die Sportangebote hinaus regten die Jugendlichen mehr Aufenthaltsmöglichkeiten und mehr Freizeitaktivitäten an: „Ob Schwimmen oder Kino, für alles muss man nach Bremen fahren“, hieß es. „Man kann nicht in Stuhr tanzen gehen“, stellte eine Schülerin fest. Eine andere wünschte sich die häufigere Reinigung des Silbersees, „weil da sonst überall Wasserpflanzen sind“. Dies bestätigte Holle in seinem bereits zuvor eingebrachten Vorschlag, ein Jugendparlament zu gründen. Dies könne über einheitliche Beschlüsse den Rat dazu bewegen, Dinge umzusetzen.

Reaktionen der Schüler

Wie haben die Schüler die Kandidaten während der Podiumsdiskussion erlebt? Hat die Veranstaltung zur Entscheidungsfindung beigetragen? Die Kreiszeitung hat sich anschließend bei sechs Mädchen und Jungen umgehört. Sie stammen alle aus der Klasse G10a und haben sich im Politikunterricht bei Lehrerin Barbara Hecker auf die Veranstaltung vorbereitet.

Melvin (16) nannte die Diskussion „hilfreich. Mir haben besonders Korte und Holle gefallen, die haben meine Themen angesprochen.“ Er habe aber auch einige nicht umsetzbare Vorschläge gehört.

Lilja (16) kann sich jetzt ebenfalls ein besseres Bild von den Bewerbern machen. „Vorher habe ich über die nichts im Internet gelesen.“ Ob sie bereits eine Entscheidung getroffen hat? „Jein, ich wähle nach dem Ausschlussverfahren.“

Antonia (16) hat ihre Wahl bereits getroffen. Sie fällt anders aus als ursprünglich gedacht: „Vorher hätte ich nach Partei gewählt, jetzt wähle ich eine Person.“ Die Kandidaten habe sie „seriös und leidenschaftlich“ erlebt.

Sina (16) empfand die Diskussion „nur zum Teil hilfreich. Viele Aussagen waren schwammig und zu ungenau.“

Lia (16) fand, dass ihr die Diskussion „viel geholfen“ habe. Gut sei gewesen, „dass Defizite angesprochen wurden“. Für sie kamen die Kandidaten „authentisch“ rüber. „Einige waren sympathischer als andere.“

Tobias (15) kann zwar noch nicht wählen gehen. „Aber ich rede viel mit meinen Eltern darüber, die kann ich ja beeinflussen. Ich fand gut, wie sie dargestellt haben, was sie machen wollen.“ Am überzeugendsten sei für ihn Frank Holle gewesen, nicht zuletzt wegen des Vorschlags, ein Jugendparlament zu gründen.

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