Kein Nachfolger gefunden

Neurologe Michael Kaupisch geht mit 78 Jahren in Rente

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Kaupisch ist Neurologe und Psychiater. Die Felder lassen sich nicht trennen, weiß der baldige Rentner.

Brinkum - Michael Kaupisch sitzt auf seinem Gymnastikballstuhl im Besprechungszimmer seiner Praxis. Er gießt sich einen Schluck Wasser ein. Es sei sehr wichtig, immer viel zu trinken. Hinter ihm ein prall gefülltes Bücherregal. Mehrere der Kunstwerke im Raum hat er von Patienten geschenkt bekommen. Einem habe er „das Pfeifen aus dem Ohr genommen“, einer Frau habe er im Kampf gegen ihr Alkoholproblem geholfen. Es ist viel passiert in mehr als 40 Jahren. Nun hat der Neurologe und Psychiater, der seit Mai 1978 seine Praxis an der Melcherstätte 5 in Brinkum betreibt, beschlossen, Mitte Dezember in Rente zu gehen. Es sei an der Zeit – mit 78 Jahren.

Da hinzukommen, war ein langer Weg. Geboren wurde Kaupisch in Berlin, später lebte er in Osnabrück und Marl, verbrachte in der Jugend eineinhalb Jahre bei seinem Vater, der in Indien gearbeitet hat, machte 1962 Abitur in Osnabrück und zog schließlich für das Medizinstudium nach Münster. Den Platz zu bekommen, sei nicht selbstverständlich gewesen. „Ich hatte kein gutes Abitur“, erzählt er lächelnd. Aber darauf komme es nicht an, vielmehr zähle Empathiefähigkeit. Damit hat er überzeugt. Auch nach dem Staatsexamen blieb es spannend. Es ging nach Lengerich, Warstein und Oberhausen. „Die Arbeitszeit am Maria-Hilf-Krankenhaus in Warstein von Freitagmorgen bis Montagabend inklusive Bereitschaftsdienst haben wir als normal empfunden.“ Da käme heutzutage bei jungen Ärzten die „Work-Life-Balance“ dazwischen, sagt er. Dann fiel die Entscheidung, sich selbstständig zu machen. „Ich wusste, ich will in Niedersachsen arbeiten.“ 

Also habe er eine Karte vor sich ausgebreitet und mit Stecknadeln markiert, wo es überall niedergelassene Neurologen gibt. „Dabei gab es ein großes schwarzes Loch: der Landkreis Diepholz.“ Und dort sollte es hingehen. Wobei die Gemeinde Stuhr trotz theoretisch offener Arme nicht gerade behilflich gewesen sei, was die Suche nach einer Praxis betraf. „Als ich mich bei dem ersten Gespräch mit Hermann Rendigs nach Praxisräumen erkundigte, hat er mich auf den freien Wohnungsmarkt verwiesen.“ Dort habe er schließlich das Grundstück an der Melcherstätte gefunden, auf dem er ein Haus baute und seine Praxis eröffnete. Auch mit seiner Familie wohnt er dort bis heute. dort bis heute mit seiner Familie wohnt, und auch seine Praxis betreibt. „Das ist eigentlich nicht so gut, man hat nie Feierabend“, gibt er zu bedenken. Trotzdem kann er klar sagen: Alles in allem war das eine gute Zeit. „Ich denke, ich habe vielen Menschen geholfen.“

Das Spektrum dabei reicht von eingeklemmten Nerven und Bandscheibenvorfällen bis hin zu MS, Parkinson oder Demenz. Oft jedoch spiele auch die menschliche Psyche mit ein. „Diese ist untrennbar mit dem Körper verwoben.“

Was seine Arbeit stark beeinflusst hat, war der Mediziner Nossrat Peseschkian, der in Bad Nauheim Tagesseminare über sein Modell der „Positiven Psychotherapie“ anbot. „Wir sind sieben Monate lang am Samstagmorgen um 5 Uhr nach Bad Nauheim gefahren, kamen aufgrund der Zugverbindungen regelmäßig 20 Minuten zu spät und bekamen auf unsere Entschuldigung zur Antwort: ,Sie sind nicht zu spät gekommen, wir haben früh angefangen.’“

Ein simples Prinzip, was in Kaupischs Arbeit einfließt, erläuter er an einem Flipchart im Besprechungsraum: Es gebe die 105-Prozent-Menschen und die 95-Prozent-Menschen. Erstere definieren sich über Leistung, schöpfen ihren Selbstwert daraus und leben nach dem Motto „Ich bin etwas wert, weil ich etwas leiste“. Dieser Typ Mensch sei latent unzufrieden, wolle stets mehr. Doch wer immer höher und weiter will, stößt zwangsläufig irgendwann an seine Grenzen: Er scheitert. Die Basis (Leistung) bricht weg. In der Folge brechen auch Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl weg, man stellt die Existenzberechtigung infrage.

Die 95-Prozent-Menschen freuen sich auch über gute Leistung. Sie wissen jedoch: „Ich bin etwas wert, einfach weil ich bin.“ Bei ihnen läuft die Kette andersherum: Die Existenzberechtigung steht an erster Stelle, darauf folgt das Selbstwertgefühl, darauf das Vertrauen und daraus schöpfen sie die Kraft für ihre Leistung. Diese steht in der Reihenfolge am Ende. Sollten diese Menschen also einmal „versagen“, kommen sie klar, weil nicht alles wegbricht. „Wir müssen lernen, von 105 auf 95 Prozent zu kommen.“

Einen Nachfolger habe er nicht finden können. „Die Politik hat für einen Abbau an Studienplätzen gesorgt, weil eine Ärzteschwemme befürchtet worden ist.“ Deshalb sei auch ein Zwangsausscheiden der Kassenärzte mit 68 Jahren verfügt und „klammheimlich“ zwischen Weihnachten und Neujahr 2008 wieder aufgehoben worden, als sich die Prognosen als falsch herausstellten.

„Die ständigen Reglementierungen und Regressdrohungen bei Arznei- und Heilmitteln und die Beschneidung der Therapiefreiheit tragen ein Übriges dazu bei, dass die Freude an der Tätigkeit und den positiven Rückmeldungen von den Patienten mehr und mehr verloren geht“, so der Neurologe. Das wirke entmutigend auf junge Ärzte, die dann lieber in eine Klinik gingen.

Kaupisch selbst weiß dennoch: Er möchte nicht mehr. Dazu hätte auch das IT-Gesetz von Jens Spahn beigetragen, „mit dem die Arztpraxen zwangsweise an Server angeschlossen worden sind, an die die Patientendaten übertragen werden müssen“. Bei der Anfälligkeit der Programme und Sicherungssysteme sei die Schweigepflicht praktisch aufgehoben.

Vermissen werde er seine Arbeit nicht. Wobei er immer noch viel Interesse an den Menschen hat, an ihren Beweggründen, ihren Entscheidungen, die Muster, die er wieder erkennt. Doch nun freue er sich auf die Rente. Das Haus, was er derzeit mit seiner Frau Rita baut, den Garten, für den er viele Pläne hat: „Ich will da einen Schuppen und ein Hochbeet bauen. Und eine Pergola.“ Darüber hinaus könnte er sich gut vorstellen, ein Wohnmobil zu kaufen und Europa zu bereisen. Mal sehen, ob das was wird. Und ganz wichtig: Den Kopf fit halten. Lesen, sich über das politische Geschehen informieren. Und immer viel trinken. „Das ist im Alter eines der größten Probleme. Dadurch kann geistige Verwirrtheit entstehen“, erzählt er und gießt einen großen Schluck Wasser in sein Glas.

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