Gas geben bis zur letzten Minute

Mit Rudolf Chairsell geht der stellvertretende KGS-Leiter in Brinkum in den Ruhestand

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Noch ist Rudolf Chairsell nicht nach abhängen zumute. Es gibt noch einiges zu tun. 

Brinkum - Von Andreas Hapke. In den letzten Tagen das Berufsleben so langsam ausklingen lassen? Geht nicht. „Hier muss man Gas geben bis zur letzten Minute“, sagt Rudolf Chairsell. Der stellvertretende Leiter der KGS Brinkum geht Ende Juli mit 65 Jahren in den Ruhestand, verschwendet aber noch keinen Gedanken daran. Wie auch?

Diese Woche stand noch im Zeichen der Nachprüfungen, heute und morgen gehen die Entlassfeiern über die Bühne, am Montag der Wandertag, am Dienstag ein Sportfest, am Mittwoch seine eigene Verabschiedung „in lockerer Form“. Doch selbst dann ist Chairsell noch nicht von der Bildfläche verschwunden. Bis Ende Juli gilt es, seinen Nachfolger und bisherigen Realschulzweigleiter Markus Barnert einzuarbeiten.

Wer Rudolf Chairsell in diesen Tagen erlebt, mag kaum glauben, dass er bald nicht mehr zur Schulleitung der KGS zählt. Zum einen sieht er nicht aus wie 65, zum anderen strahlt der Mann einen Tatendrang aus, der auch im kommenden Schuljahr ausgelebt werden will, oder? „Nein“, sagt der gebürtige Bremer, „die Entscheidung ist nach und nach gereift.“ Auch, weil es ihm zwischendurch mal nicht so gut ging. Im Herbst vergangenen Jahres habe er die zuständige Dezernentin um die Versetzung in den Ruhestand gebeten.

Chairsell war bereits als Referendar an der KGS Brinkum und bringt es damit auf 43,5 Jahre an dieser Schule, nur unterbrochen von 15 Monaten Bundeswehr. Da er sein Abitur bereits mit 18 Jahren gebaut und das Lehramtsstudium in den Fächern Mathematik und Englisch in Bremen zügig absolviert hatte, stand er im Referendariat mit 21 Jahren vor 17-Jährigen. „Damit müsste ich einer der Jüngsten in Niedersachsen gewesen sein“, vermutet er.

Im Februar 2005 bewarb er sich auf die Stelle des stellvertretenden Schulleiters. Das Amt brachte eine Reduzierung auf 15,5 Unterrichtsstunden mit sich, und auch als Klassenlehrer fungierte Chairsell fortan nicht mehr. Dabei sei er „liebend gern“ Klassenlehrer gewesen. „Das muss das Ziel eines jeden Pädagogen sein, einen persönlichen Kontakt zu den Schülern zu bekommen.“ Ob Klassenfahrten oder Projekte: Auch solche Gelegenheiten nutzte er, um sie besser kennenzulernen. „Ich bin immer noch begeisterter Lehrer. Ohne Begeisterung geht es in unserem Beruf gar nicht.“

Chairsells Karriere begann im Realschulzweig der Orientierungsstufe (OS), deren Abschaffung zur Jahrtausendwende er immer noch für „sehr kritikwürdig“ hält. „Kinder und Lehrer sollten sich weiterhin orientieren können“, sagt der Pädagoge. Der Elternwille habe „fatale Folgen“, denn niemand könne ein Kind zum Zeitpunkt des Schulwechsels schon „in eine Schublade stopfen“. Als einzige Alternative sehe er die sechsjährige Grundschule. Und noch ein Thema liegt ihm am Herzen: die Reform der Lehrerausbildung. „Der praktische Anteil lässt zu wünschen übrig. Man muss die Leute im Studium mehr auf die Schüler loslassen. Nur so merken sie, ob Lehrer sein für sie eine Berufung ist.“

Nach einem einschneidenden Erlebnis befragt, fällt Chairsell sofort die energetische Sanierung der KGS in den vergangenen sechs Jahren ein. „Das hat uns viel Kraft gekostet.“

Trotz der Digitalisierung und modernerer Unterrichtsformen hat sich der Beruf des Pädagogen laut Chairsell insgesamt nicht gewandelt. „Bei uns geht es immer noch zu wie in der Feuerzangenbowle (Film mit Heinz Rühmann, die Red.). Das sitzen 30 Kinder, die versuchen, den Lehrer auszutricksen.“ Ebenso wenig kann er bestätigen, dass sich die Schüler verändert haben, zum Beispiel respektloser geworden sind. Vielmehr handele es sich um gesellschaftliche Entwicklungen, von denen der Nachwuchs nicht verschont bleibe. Beispiel Erreichbarkeit: „Ständig ein Medium um sich zu haben, überfordert manche Schüler. Und sie müssen sich in ihrer Freizeit keine Gedanken mehr machen, wie sie an Lösungen kommen. Irgendwo steht immer etwas.“

Seinen Kollegen rät er für die Zukunft, ihre Arbeit humorvoll und gerecht zu erledigen. „Ohne Humor geht jede Menschlichkeit verloren, und einen Schüler, der sich ungerecht behandelt fühlt, bekommt man so schnell nicht wieder eingefangen.“

Seinen Ruhestand will Chairsell auf sich zukommen lassen. Haus, Garten, Familie und Reisen werden eine Rolle spielen. Zudem bleibt er Vorsitzender der Fußballabteilung des TV Stuhr und hat sich als Schöffe beworben. Er, der den Alltag als das Schönste in seinem Job bezeichnet, freut sich jetzt darauf, dass bald „der Takt weg ist“.

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