Apothekerin Stephanie Massolle im Interview

Bonpflicht auch bei Leerverkäufen: „Totaler Irrsinn“

Die Apothekerin Stephanie Massolle mit Bons, die sich in wenigen Stunden angesammelt haben. Foto: Sigi Schritt
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Die Apothekerin Stephanie Massolle mit Bons, die sich in wenigen Stunden angesammelt haben.

Die Politik will Steuerausfälle durch manipulierte Registrierkassen bekämpfen. Bereits vor drei Jahren hatte der Deutsche Bundestag geschätzt, dass es durch diese Manipulationen zu Steuerausfällen in Höhe von mindestens zehn Milliarden Euro kommt.

Brinkum - Einen Schutz dagegen soll ein Gesetz bieten, das alle Fraktionen (Linke enthielten sich) vor drei Jahren beschossen haben. Es tritt in wenigen Tagen, am 1. Januar, in Kraft. Doch das neue Gesetz schmeckt nicht allen. Die Kritik dazu reißt nicht ab – auch der Apothekerin Stephanie Massolle aus Brinkum schmeckt das neue Gesetz nicht.

Alle Einzelhändler müssen einen Beleg ausgeben, wenn sie über ein elektronisches Kassensystem verfügen. Was gefällt Ihnen nicht am Gesetz?

Mir gefällt ganz und gar nicht, dass alle Einzelhändler unter Generalverdacht gestellt werden, irgendetwas zu manipulieren oder zu hinterziehen. Außerdem ist diese Bonpflicht aus ökologischen Gesichtspunkten ein Irrsinn. Jeder redet über Kohlendioxid--Reduzierung und Müllvermeidung. Und dann werden ab dem 1. Januar mehr Bäume gefällt werden müssen für Bons, die zumeist keiner will.

Was bedeutet die neue Pflicht, verkaufte Waren durch Bons herauszugeben, für Ihren Betrieb?

Für meinen Betrieb ändert sich nicht wirklich viel. Außer, dass wir jetzt nicht mehr fragen, ob der Kunde einen Bon möchte, sondern dieser automatisch ausgedruckt wird. Was mit der Bonpflicht durchgesetzt werden soll, ist ohnehin schon Standard in deutschen Apotheken. Jeder Vorgang ist bis ins Kleinste durchdigitalisiert. Jeder meiner Mitarbeiter meldet sich mit seinem Passwort bei jedem Vorgang neu im PC an, da ist jeder Schritt elektronisch dokumentiert und bleibt überprüfbar. Und ich kann zu jedem Vorgang auch nach Jahren noch einen Bon ausdrucken.

Wie haben Sie auf die Neuerung vorbereitet?

Ich brauche nicht wirklich etwas neu anschaffen, außer natürlich genügend Bonrollen und Farbbänder für die Drucker.

Wo sehen Sie speziell bei Apotheken die größten Probleme?

Patienten wollen und brauchen nicht bei jedem Besuch einen Kassenbon. Viele Patienten haben in ihrer Stammapotheke ein Kundenkonto, auf dem alle geleisteten Zahlungen gesammelt werden. Das erspart ihnen die Sammelei, und die Apotheke kann jederzeit einen Ausdruck für die Krankenkasse oder das Finanzamt erstellen.

Müssen Sie künftig auch Bons auch bei Leerverkäufen ausdrucken lassen, also wenn das Rezept ohne Zuzahlungen eingelöst wird?

Ja, aber es doch totaler Irrsinn jetzt bei jedem gebührenbefreiten Rezept (zum Beispiel für Kinder) einen Bon ausdrucken zu müssen. Die Bonpflicht setzt nämlich nicht voraus, dass Geld geflossen ist.

Wenn ein Patient oder ein Kunde keinen Bon wünscht – etwa aus Umweltschutzgründen. Was tun Sie?

Wenn ein Patient keinen Bon mitnehmen möchte aus Umweltschutzgründen oder weil er ihn einfach nicht möchte, ist der Bon trotzdem schon gedruckt und muss dann ordnungsgemäß und datensicher entsorgt werden.

Sie verzichten auf Thermopapier. Weshalb?

In meiner Apotheke verwende ich von Anfang an nur unbehandelte Bonrollen – ohne Thermo und ohne zusätzliche Farbe.

Sehen Sie bei der Umsetzung des Gesetzes Herausforderungen für den Datenschutz?

Nicht benötigte Bons oder auch Abholscheine können in einer Aktenvernichtungstonne entsorgt werden, die in regelmäßigen Abständen von einer Firma abgeholt wird und ordnungsgemäß und datensicher mit Zertifikat vernichtet wird.

Steuerbetrug ist ein Problem - Hätten Sie einen Vorschlag, das Problem zu lösen?

Selbstverständlich unterstütze ich grundsätzlich das Ziel der Regierung, Steuervermeidung oder -hinterziehung in allen Einzelhandelsbereichen aufzudecken. Aber die Maßnahmen dazu sollten auch die Richtigen und auf die einzelnen Branchen halbwegs abgestimmt sein. Die Apothekensoftware ist zum Beispiel jetzt schon für die Finanzämter transparent.

Sind Sie eine Befürworterin einer bargeldlosen Zahlungsabwicklung?

Die bargeldlose Zahlungsabwicklung sehe ich eher kritisch. Zum einen ist sie für das Geschäft mit Kosten verbunden. Geräte, Softwarepflege und die Transaktionen selbst kosten Geld. Zum anderen steht man an so einem Tag wie zuletzt am 23. Dezember dann mit einem vollen Einkaufswagen an der Kasse. Man kann nicht zahlen, weil es bundesweit zu Störungen kommt – aufgrund einer IT- Panne.

Politik will Steuerbetrug bekämpfen: Händler und Gastronomen sind ab dem 1. Januar 2020 verpflichtet, Kunden bei jedem Kauf einen Kassenbon auszuhändigen. Damit sollen Steuerbetrug und Manipulationen am Kassensystem bekämpft werden. Das schreibt der Deutsche Bundestag auf seiner Homepage.

Registrierkassen müssen künftig mit einer zertifizierten Sicherheitseinrichtung ausgerüstet werden, die das Manipulieren von Transaktionen verhindern soll. Händler, die Verkaufsstände auf Wochenmärkten oder bei Volksfesten betreiben, können sich vom Finanzamt von der Belegausgabepflicht befreien lassen. Es besteht allerdings keine Verpflichtung, auf elektronische Kassensysteme umzusteigen. Die sogenannte „offene Ladenkasse“ bleibt weiterhin erlaubt. Händler, die sich ein neues Kassensystem oder eine Waage mit Kassenfunktion anschaffen, müssen das zukünftig innerhalb eines Monats bei ihrem zuständigen Finanzamt anzeigen.

Weitere Infos auf www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw50-de-grundaufzeichnungen-484808

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