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Boetker Waagenbau: Von wenigen Milligramm bis zum 100-Tonnen-Koloss

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Von: Rainer Jysch

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André Boetker (rechts), geschäftsführender Gesellschafter der Boetker Waagenbau GmbH & Co. KG, und Waagenbau-Meister Thomas Föll berichten über die Entstehungsgeschichte der Firma.
André Boetker (rechts), geschäftsführender Gesellschafter der Boetker Waagenbau GmbH & Co. KG, und Waagenbau-Meister Thomas Föll berichten über die Entstehungsgeschichte der Firma. © Rainer Jysch

Im Jahr 1899 begann mit der Gründung Kunst- und Bauschlosserei von Ernst Boetker eine Erfolgsgeschichte, die noch heute weiter geschrieben wird. Eine ungewöhnliche Sparte des Stuhrer Unternehmens ist das Geschäft mit Waagen – weil es zum Teil auf jedes Milligramm ankommen kann.

Varrel – Als Schlossermeister Ernst Boetker im Jahre 1899 seine Kunst- und Bauschlosserei in unmittelbarer Nähe zu den stadtbremischen Häfen aus der Taufe gehoben hatte, ahnte er wohl nicht, dass der Betrieb auch 123 Jahre später noch Rang und Namen hat. Mit insgesamt rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in mehreren operativen Firmen hat die Boetker-Gruppe unter anderem im Bereich „Metall + Glas“ mit Fenstern, Eingangsportalen und Fassaden bundesweit und darüber hinaus große Bedeutung erlangt. Neben dem Hauptstandort in Stuhr gibt es Niederlassungen in Berlin und Nürnberg.

Als Spezialität hatte Gründer Ernst Boetker gleich zu Beginn seiner Selbstständigkeit die „Neuanfertigung und Reparatur von Waagen aller Art“ ins Firmenprofil aufgenommen. Auch dieser Bereich ist heute noch existent. Die Boetker-Gruppe zog 1965 von Bremen nach Stuhr-Varrel, Meenheit 53. Hier präsentiert sich die in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliederte Waagenbau-Sparte als kompetenter Partner für alle Belange der Wiegetechnik.

Bis vor ein paar Jahren haben wir diese robusten mechanischen Waagen aus Eichenholz noch selbst gebaut. 

André Boetker, Geschäftsführer

Das Lieferprogramm der Boetker Waagenbau umfasst von Kleinwaagen, die bereits bei wenigen Milligramm ausschlagen, bis zu Großwaagen, die Lastkraftwagen oder Eisenbahnwaggons mit bis zu 100 Tonnen Gewicht messen können, ein breites Spektrum an Produkten und Dienstleistungen für Handel und Industrie, aber auch für den privaten Bereich.

Eine Rechnung aus dem Jahr 1912, die Schlossermeister Ernst Boetker, der Ur-Großvater des heutigen Geschäftsführers, einst in Schönschrift für handwerkliche Leistungen geschrieben hatte.
Eine Rechnung aus dem Jahr 1912, die Schlossermeister Ernst Boetker, der Ur-Großvater des heutigen Geschäftsführers, einst in Schönschrift für handwerkliche Leistungen geschrieben hatte. © Rainer Jysch

„Bis vor ein paar Jahren haben wir diese robusten mechanischen Waagen aus Eichenholz noch selbst gebaut“, erinnert sich André Boetker (64), Urenkel des Firmengründers in der vierten Generation. Mittlerweile stehen der Handel mit kleinen und großen Waagen sowie Montage, Reparatur und Wartung im Fokus. Als einen speziellen Service bezeichnet der Betrieb die Vorbereitung und Vorstellung von Waagen zur amtlichen Eichung. Werden Waagen im eichpflichtigen Verkehr betrieben, so ist das Unternehmen als eichamtlich zugelassener Instandsetzungsbetrieb befugt, die Waagen nach erfolgter Reparatur entsprechend der Mess- und Eichverordnung zu kennzeichnen. „Die Waage wird dann von uns bis zur nächsten Eichung wieder in den Geeicht-Status gehoben“, weiß Waagenbaumeister Thomas Föll (58) zu berichten. Seit mehr als 40 Jahren ist der Experte im Unternehmen tätig.

Präzise Wiegetechniken in der Chemie- und Medizinbranche erfoderlich

„Mein Ur-Großvater hatte den Waagenbau in seinen Betrieb aufgenommen wohl mit Blick auf die Nachfrage in den Häfen“, vermutet der 64-jährige Geschäftsführer. „Damals gab es einen großen Bedarf an Küper-Waagen, sogenannte Dezimalwaagen, wie sie die Helfer der Rohstoff-Importeure benötigten, wenn Stückgüter wie Baumwolle, Tabak und Rohkaffee eintrafen, geprüft und eingelagert werden mussten.“ Viele der Rohstoffe wurden dann im Hafen von Bremen weiterverarbeitet, wie Getreide, Reis oder Kaffee. „Das waren die klassischen Kunden, die meine Vorfahren mit Waagen beliefert hatten“, berichtet André Boetker.

„Viele Betriebe im Hafen, die Kaffee oder Baumwolle umschlagen, nutzen heute noch diese Dezimalwaagen“, so Thomas Föll. Zu den Unternehmen der Hafenwirtschaft kamen später Abnehmer der regionalen Agrarbetriebe hinzu. Auch die Brauereien sowie Chemie- und Medizinbranchen benötigen heute präzise Wiegetechniken, vor allem, wenn es um exakte Mischverhältnisse geht.

Berufsbild änderte sich mit der Technik

„Wir sind immer am Puls der Zeit“, sagt der Geschäftsführer in einem Firmenvideo. „Und das wollen wir auch für die Zukunft erhalten.“ Sieben Mitarbeiter sind aktuell im Waagenbau-Unternehmen tätig. Gesucht werden junge Leute, die über den Lehrberuf Maschinen- und Metallbauer oder als Werkzeugmacher eine interessante und äußerst abwechslungsreiche Tätigkeit in der Waagenbau-Sparte anstreben. „Das Berufsbild hat sich mit der Technik weiterentwickelt“, erzählt André Boetker. Heutzutage seien 95 Prozent der Waagen digital. „Die mechanisch oder elektromechanisch betriebenen Waagen wurden durch sogenannte Wägezellen abgelöst. Das sind Teile, die sich zuverlässig unter Last verformen“, erklärt er.

Anhand eines stromführenden Dehnungsmessstreifens wird exakt ermittelt, wie weit sich der Streifen verformt hat. Proportional errechnet sich daraus das Gewicht. „Das ist die Technik, die fast nur noch benutzt wird. Und häufig werden die Messergebnisse dann in einer komplexen Software des Kunden weiter verarbeitet.“

„Es gibt viele physische Daten, die gemessen werden“, zieht André Boetker ein Fazit. „Das Gewicht spielt dabei eine große Rolle, weil häufig die Preisgestaltung vom Ergebnis des Gewichtmessens abhängt. Ich glaube, das wird auch in der Zukunft einen besonderen Status haben.“

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