Gedenken an die Frauen von Obernheide im kleinen Rahmen am Mahnmal

„Bitter, traurig, eine Katastrophe“

Bei der Kranzniederlegung am Mahnmal: (v.l.) Bürgermeister Stephan Korte, KGS-Leiter Jürgen Böckmann, Pastor Robert Vetter und Autor Hartmut Müller.
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Bei der Kranzniederlegung am Mahnmal: (v.l.) Bürgermeister Stephan Korte, KGS-Leiter Jürgen Böckmann, Pastor Robert Vetter und Autor Hartmut Müller.

Stuhr – Schüler der KGS Moordeich treffen sich mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und der Kirchengemeinden am Bahnhof Stuhr. Dort lesen Mädchen und Jungen des Profilkurses Geschichte ihre vorbereiteten Texte, bevor der Tross zum Mahnmal in Obernheide zieht, um einem düsteren Kapitel der deutschen Vergangenheit zu gedenken: Auf dem Gelände befand sich das Außenkommando des Konzentrationslagers Neuengamme, in dem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 500 ungarische und 300 polnische Jüdinnen inhaftiert waren.

So jedenfalls sah die Gestaltung des Gedenkgangs vor Corona aus. Doch da die Pandemie dies nicht mehr erlaubt, kam es am Buß- und Bettag zu einer abgespeckten Form der Kranzniederlegung am Mahnmal. Anwesend waren lediglich der Bürgermeister Stephan Korte, Stuhrs Pastor Robert Vetter, Jürgen Böckmann, Leiter der Lise-Meitner-Schule, und Hartmut Müller, Autor des Buches „Wie sollt ich je vergessen“ über das KZ-Außenlager Obernheide.

„Der Buß- und Bettag ist für viele Menschen noch heute ein Tag der Besinnung und des Nachdenkens. Für mich ist das auch ein Tag der Solidarität“, sagte Korte und nannte ein Beispiel aus dem Buch Müllers. Darin berichten ehemalige Insassen, dass es manchmal nur ein Lächeln war, das ihnen half, über die Schwere des Tages hinwegzukommen. Solidarität sei auch während der Pandemie wichtig. „Wir dürfen unsere Mitmenschen nicht vergessen. Jeder Einzelne ist dazu aufgerufen, sich solidarisch zu verhalten und dafür Sorge zu tragen, dass unsere Gesellschaft nicht auseinanderbricht.“

Auch wenn der Gedenkgang für die Schule ausfalle, freue er sich, einen Kranz niederlegen zu können, sagte Korte bei seiner ungewöhnlichen Premiere als Bürgermeister in Obernheide.

Stuhrs Pastor Robert Vetter ging auf die Frankfurter Paulskirchenrede des deutschen Schriftstellers Martin Walser im Jahr 1998 ein, in der dieser eine „Instrumentalisierung des Holocaust“ ablehnte und die „Dauerpräsentation unserer Schande“ infrage stellte. Vetter stellte diesen Worten ein Zitat des Ägyptologen Jan Assmann entgegen. Unter anderem sieht Assmann es als Pflicht an, „Auschwitz in der Geschichtskultur, im Schulunterricht, in Denkmälern und vielen anderen Medien präsent zu halten“. Dass dies zur Routine verkomme, glaube er nicht. „Das, was man unter Vergangenheit versteht, muss immer neu ausgehandelt werden. Es gibt in dieser Frage kein heilsames Schweigen“, zitierte Vetter den Ägyptologen. Der Pastor schloss seine kurz gehaltene Andacht mit den Worten „Möge Gott, der Herr, seinen Frieden und Segen über alle Menschen legen.“

Autor Hartmut Müller sprach von der Schwierigkeit, „sich Bilder entstehen zu lassen“. Die damals 17-, 18- oder 19-jährigen Mädchen seien nicht viel älter gewesen als die Schüler, die (normalerweise) an den Gedenkgängen teilnehmen. „Für sie war das bitter, traurig, eine Katastrophe. Drei, vier Monate vor ihrer Ankunft im Lager sind die jungen Frauen noch zur Schule gegangen und im Kreis ihrer Familie gewesen. Dann haben unsere Vorgänger sie in die Katastrophe geführt.“ Über die kleinen Steine, welche die Schüler Jahr für Jahr auf das Denkmal legen, sagte Müller, dass diese Solidarität widerspiegelten. „Gebrochen sein und zusammen stehen. Es ist wichtig, dass bei Schülern diese Bilder entstehen. In diesem Alter sind sie noch zu erreichen.“

Der Autor nahm eine der knapp 300 kleinen Schiefertafeln in die Hand, die Besucher des Jugendtreffs Moordeich vor zwei Jahren mit Namen und Geburtstagen von Lagerinsassinnen versehen hatten. Er ist der am 10. April 1921 geborenen Lola Cederbaum gewidmet, die gemeinsam mit ihrer Schwester Eva in Obernheide inhaftiert war. „Ihre Schwester starb in dem Lager, sie wurde in Osterholz begraben. Lola war später noch häufiger hier.“

Schüler der KGS Brinkum hatten die Namenssteine erstmals 2010 angefertigt. Seitdem waren sie der Witterung ausgesetzt, zum Teil nicht mehr lesbar oder sogar zerbrochen.

Als Zwangsarbeiterinnen mussten die inhaftierten Frauen jeden Morgen zu Fuß die Strecke vom Außenlager zum Bahnhof Stuhr zurücklegen, von wo aus sie mit der Kleinbahn nach Bremen gebracht wurden. Dort waren sie zur Beseitigung von Trümmern eingesetzt. Für Diana Heinz, Fachbereichsleiterin geschichtlich-soziale Weltkunde an der Lise-Meitner-Schule, ist das Nachempfinden dieses Gangs eine wichtige Erfahrung für die Schüler. In diesem Jahr soll das Gedenken im kleineren Rahmen passieren, wie die Pädagogin auf Nachfrage berichtet.

Demnach sollen sich Schüler des Profilkurses Geschichte von Lehrerin Nina Bernard in kleine Gruppen aufteilen und dann in den zehnten Klassen eine Schulstunde zum Thema gestalten. Vorbehaltlich möglicher Einschränkungen durch Corona sei das für Januar angedacht, „wenn die Noten stehen“, sagt Diana Heinz. Dafür müssten sich die Schüler „intensiv vorbereiten“.

Von Andreas Hapke

Pastor Robert Vetter während seiner Andacht. KGS-Leiter Jürgen Böckmann ist aufmerksamer Zuhörer.

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