Ein bisschen Realpolitik in Stuhr

Neuer Ortsverband der Partei „Die Partei“ setzt zu 80 Prozent auf Satire

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Dem nach eigenen Aussagen fantastischen und gut aussehenden Vorstand gehören an: (v.l.) Generalsekretär Lukas Streithorst, Schatzmeister Liam Esau, Vorsitzender Ben Rademacher und seine Stellvertreterin Antje Radtke. Es fehlt Jan Laue, stellvertretender Vizepräsident.

Stuhr - Von Andreas Hapke. Achtung, Satire! Doch auch: Achtung, Ernsthaftigkeit! Wer sich mit den Mitgliedern des neu gegründeten Ortsverbands der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die Partei) unterhält, muss immer mit beidem rechnen.

Mit Satire liegt man in den meisten Fällen richtig. 80 Prozent der Aussagen sind dieser Kunstform zuzuordnen, bekennen die Mitglieder. Schon das Erscheinungsbild - grauer Anzug, blaues Hemd, rote Krawatte und eine weiße Armbinde auf dem linken Oberarm mit der Aufschrift Die Partei - sollte man tunlichst so bewerten. 

Denn auch die Nazis wählten die Binde als Erkennungsmerkmal für die Mitgliedschaft zur NSDAP. „Da hat es schon komische Bemerkungen für gegeben. Das kann man missverstehen“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Antje Radtke (41). Der Anzug stehe für die Austauschbarkeit eines Politikers. 

Kaum gegründet, hat der Ortsverband bereits klare Vorstellungen davon, wie er die Gemeinde Stuhr in Zukunft gestalten möchte. Dafür sind auf einem Spielteppich im Esszimmer von Antje Radtke diverse Szenarien aufgebaut. Ins Auge springt eine Wand aus großen Lego-Steinen - die Mauer an der Grenze zu Delmenhorst. „Natürlich auf Kosten der Delmenhorster. Eine Obergrenze für Flüchtlinge gibt es auch“, sagt der Vorsitzende Ben Rademacher.

SPD sei eigentliche Spaßpartei

Nahe der Mauer befindet sich ein Naturschutzgebiet, in das Die Partei die unter Artenschutz stehenden Grünen abgeschoben hat. An anderer Stelle sind die Sozialdemokraten durch einen einzigen Clown vertreten. Die SPD sei die eigentliche Spaßpartei, finden die Mitglieder. Die AFD bekommt durch diverse und eindeutige auf dem Spielfeld verteilte Aufkleber ihr Fett weg. Der Partei selbst jubeln auf dem Teppich die Menschenmassen zu.

Unter mehr Transparenz versteht der Ortsverband beispielsweise mehr FKK-Strände, und das Studio mit sich liebenden Playmobilfiguren vor laufender Kamera ist als Appell an die Filmindustrie zu verstehen, endlich wieder mehr Pornos zu drehen. Wem das schon zu amoralisch ist, sollte das vor einem Priester kniende Kind ignorieren. Damit prangert Die Partei den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche an. „Aber darüber möchte ich nur im Beisein meines Therapeuten reden“, sagt Generalsekretär Lukas Streithorst.

Zu den 20 Prozent ernsthaften Anliegen zählt Antje Radtke den Fachkräftemangel in den Kindertagesstätten. Dies erlebe sie selbst, da ihre vierjährige Tochter eine Brinkumer Einrichtung besuche. Das Gesundheitswesen und die Polizeiversorgung führt sie als weitere Bereiche an, die brach lägen. Für Streithorst ist der Lehrermangel ein großes Thema. Rademacher: „In Stuhr muss man generell mehr von der lokalen Politik mitbekommen.“

Newcomer wollen Politik aufmischen

Mit ihrer obskuren, lebendigen und populistischen Art wollen die Newcomer die etablierte, nach eigener Ansicht realitätsferne Politik aufmischen. „Wir wollen anecken, als junge Leute frischen Wind reinbringen“, sagt Rademacher. „Wir sind aber offen für die Zusammenarbeit mit anderen Parteien. Wir freuen uns auch, wenn Stuhrer Bürger auf uns zukommen“, sagt Antje Radtke.

Die abrupte Übernahme der Geschäfte allerdings muss noch warten. In Ben Rademacher hatten die Newcomer zwar schon ihren Bürgermeisterkandidaten auserkoren. „Aber wir haben erst danach erfahren, dass man dafür 23 Jahre alt sein muss“, bedauert Rademacher. Das sind weder er (19) noch seine ehemaligen Schulkollegen von der KGS Brinkum, Streithorst und Schatzmeister Liam Esau (beide 18). Sie alle haben Politik im Elternhaus mitbekommen und sich in der Schule weiter dafür interessiert.

Den nach eigener Auskunft „fantastischen und gut aussehenden Vorstand“ komplettiert Jan Laue, stellvertretender Vizepräsident ohne besonderen Geschäftsbereich. Der schleppt angeblich eine SPD-Vergangenheit mit sich herum. „Wir haben ihn trotzdem lieb“, sagt Streithorst. Dem Ortsverband sind zudem Antje Radtkes Ehemann Pierre und der 71-jährige Jochen Wollnik beigetreten. Letzterer hat die Mitgliedschaft von seiner Tochter geschenkt bekommen.

Erstmal auf Europawahl konzentrieren

Die Idee zur Gründung hatte die zweite Vorsitzende Antje Radtke gemeinsam mit der Landesvorsitzenden Sarah Ellen Herfort und deren Lebensgefährten Torsten Kobelt, Vorsitzender des Kreisverbands und Weyher Ratsherr. „Es muss doch noch irgendwelche Mitglieder in Stuhr geben“, dachte sich das Trio und schrieb diese per Rundmail über den Kreisverband an. Die zweite Rundmail war bereits die Einladung zur OV-Gründung, so geschehen am Sonntag im Hotel Bremer Tor.

Da den Neulingen der Zugang zur Ratsarbeit (noch) versperrt ist, wollen sie sich erstmal auf die Europawahl konzentrieren. Stände sind am Zob und am Rathaus geplant. „Wir fischen die unzufriedenen Wähler von den kleinen Parteien ab“, kündigt Esau an. Speziell mit der SPD will Die Partei um einen Stimmanteil von fünf Prozent konkurrieren. Wichtig sei aber zunächst, dass ihr Bundesvorsitzender Martin Sonneborn Mitglied des Europäischen Parlaments bleibe.

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