Berührend, dass sich noch was tut

Töchter einer der „Frauen von Obernheide“ zu Besuch am Mahnmal

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Besuchen das Mahnmal Obernheide: (v.l.) Ester Klein, Gila Paz, Hartmut und Hiltraud Müller, Ora und Aharon Orbach.

Stuhr - Anna Kraus hat nie über ihre Vergangenheit gesprochen. Sie hat ihren Kindern nicht erzählt, was ihr während des Zweiten Weltkriegs widerfahren ist. Weder über die Zeit in Auschwitz noch über die in Stuhr. Erst nach ihrem Tod haben die drei Töchter erfahren, was ihrer Mutter passiert ist. Dann haben sie sich auf den Weg gemacht, um der Vergangenheit auf die Spur zu gehen. Von Isreal, wo sie leben, zum Mahnmal Obernheide, wo ihre Mutter einst lebte.

Aufmerksam geworden sind sie auf das ehemalige Außenkommando des Konzentrationslagers Neuengamme durch die hebräische Auflage des Buches „Die Frauen von Obernheide“, verfasst von Hartmut Müller. Der Historiker hat sich dem Schicksal der 800 jüdischen Frauen, die dort vom September 1944 bis April 1945 lebten, angenommen. Die meisten von ihnen, so auch Anna Kraus, waren ungarischer Abstammung, viele polnischer. Sie seien erst relativ kurz vor Kriegsende nach Bremen angefordert worden, um Kriegstrümmer wegzuräumen. „Zunächst wurden sie in der Stadt in der Hindenburgkaserne untergebracht“, berichtet Müller. Diese wurde jedoch bei einem Angriff zerstört, weshalb die Frauen nach Stuhr gebracht wurden. Von dort aus mussten sie jeden Tag zur Arbeit nach Bremen. Erst mit dem Zug, später mussten sie den ganzen Weg laufen.

„Es ist unvorstellbar, was die Frauen durchmachen mussten“, sagt Gila Paz. Sie ist das zweite Mal in Deutschland, kennt das Ehepaar Müller, das Mahnmal. In diesem Jahr hat sie ihre Schwestern für einen Besuch mitgebracht. Eine Rettung, da ist sich Paz sicher, war es für Anna Kraus, dass sie gemeinsam mit ihrer 30-jährigen Schwester in dem Lager war. „Unsere Mutter war erst 15 Jahre alt, so jung“, berichtet Paz. Die Einschätzung teilt Hartmut Müller. Und auch das Mahnmal, die eng aneinander stehenden Steine, sollen den Zusammenhalt, die Solidarität zwischen den Frauen symbolisieren, die vielen das Leben rettete.

Kurz vor Kriegsende seien die Frauen nach Bergen-Belsen gebracht worden. „Dort waren Fleckfieber und Typhus ausgebrochen. Überlebende haben berichtet, dass sie in Baracken schlafen sollten, in denen tote Menschen lagen“, berichtet Müller. Trotz der kurzen Zeit, die noch bis zur Befreiung vor ihnen lag, seien viele an den Krankheiten verstorben.

Anna Kraus und ihre Schwester haben überlebt. Sie fuhren in ein „Gesundheitscamp“ nach Schweden, von da aus entschied sich Kraus, zurück nach Ungarn zu fahren, zu heiraten und anschließend mit ihrem Mann nach Israel aufzubrechen. „Sie kannten sich schon vor dem Krieg. Danach hat er sie gesucht“, erzählt Gila Paz.

Nach der Geburt der ersten Tochter Ester musste Kraus Ehemann 1948 in den Krieg ziehen, befand sich neun Monate in einem Gefangenenlager in Ägypten. Danach seien Ora und Gila geboren.

Die drei Frauen sind sehr aufgeschlossen, interessiert an ihrer Umgebung und der Geschichte ihrer Mutter. Warum diese nicht über die Geschehnisse sprechen wollte, können die drei nur mutmaßen: „Es war damals in Isreal so, dass die Menschen sich dafür geschämt haben“, erzählt Paz. Denn das junge, aufstrebende Land habe den europäischen Juden vorgeworfen, sich nicht gewehrt zu haben. „Ihnen wurde gesagt, sie seien wie Schafe zum Schlachter gelaufen.“

Ein Vorwurf, der erst nach dem Eichmann-Prozess im Jahr 1961 langsam an Bedeutung verloren habe, bis schließlich auch im kollektiven Bewusstsein angekommen sei, dass die Menschen keine Chance hatten.

Die Eltern von Ester Klein, Ora Orbach und Gila Paz sind in Isreal verstorben. Anna Kraus mit 73 Jahre, ihr Ehemann mit 93. „In Isreal sagt man, wer den Holocaust überlebt, wird alt“, erzählt Gila lächelnd. „Ich weiß nicht, ob das stimmt.“

Die Schwestern stehen im Nieselregen vor dem Mahnmal. Zwischendurch kommt die Sonne raus, es ist windig. „Wofür stehen die Bäume?“, fragt Ester Klein. Es sind fünf Stück, sie sollen eine Hand darstellen, die mahnt, erklärt Hartmut Müller.

Gila Paz blickt auf den Boden, sieht die vielen Steine mit den Namen der Frauen, die in Obernheide untergebracht waren. „Das war beim letzten Mal noch nicht hier“, stellt sie fest. Hartmut und Hiltraud Müller erzählen ihr, dass Stuhrer Schüler die Steine dort niedergelegt haben. Die drei Schwestern schauen sich immer wieder an, sprechen auf Hebräisch miteinander, mustern neugierig die Steine. Es sei sehr berührend, dass sich dort nach wie vor etwas tue.

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