Eltern kritisieren: „Das bereitet Existenzängste“

Kita-Konzept beschlossen: Mehr Personal, kürzere Öffnungszeit

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In den Krippen und Kindergärten in Stuhr – hier in Moordeich – könnten bald mehr Erzieherinnen arbeiten. Vorausgesetzt, das Konzept geht auf.

Stuhr - Von Katharina Schmidt. In Kitas und Krippen fehlt es an Erzieherinnen. Trotz etlicher Ausschreibungen kann die Gemeinde Stuhr nicht alle Stellen besetzen. In Zeiten mit hohen Ausfällen, zum Beispiel bei einer Grippewelle, müssen Betreuungszeiten reduziert und Gruppen geschlossen werden. Das System droht zu kollabieren.

Um gegenzusteuern, hat sich der Stuhrer Ausschuss für Jugend, Freizeit und Kultur am Dienstagabend für ein neues Kita-Entwicklungskonzept ausgesprochen. Der Rat stimmte am Mittwoch ebenfalls dafür. Bei dem Konzept handelt es sich um ein Paket von Maßnahmen, das die Politik für unumgänglich hält – und das bei einigen Eltern Existenzängste auslöst.

Das Konzept sieht unter anderem die Reduzierung der Öffnungszeiten von Kitas vor. Eine Betreuung nach 16 Uhr ist nicht mehr vorgesehen, freitags soll um 15 Uhr Schluss sein. Wer sein Kind nachmittags in Obhut geben will, soll demnächst mehr Wochenarbeitsstunden vorweisen müssen, als bisher nötig waren. Der Ausschuss hat dafür gestimmt, Eltern Bestandsschutz zu gewähren, deren Anspruch auf verlängerte Betreuung dadurch wegfallen würde.

Das Konzept beinhaltet zudem die Schaffung von 42 Stellen in den Kitas. Diese würden die Gemeinde pro Jahr 2,33 Millionen Euro kosten. Weitere Millionenbeträge würden für den Anbau von Gruppenräumen und den Neubau von zwei Einrichtungen anfallen. 

Viele der Erzieherinnen arbeiten am Limit

All das soll mitunter dazu dienen, die Attraktivität der Jobs in den Kindergärten und Krippen zu steigern. Derzeit müssen die Mitarbeiter zum Teil zwei Stunden Mittagspause in Kauf nehmen, um die Betreuungszeiten ermöglichen zu können. Viele machen laut Aussagen von Kita-Leiterinnen Überstunden und arbeiten am Limit.

Entwickelt wurde das Konzept von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Eltern, Politikern, Verwaltungs- und Kita-Mitarbeitern sowie der Gleichstellungsbeauftragten. Die Gruppe hat, so sagt sie, vordergründig das Wohl der Kinder im Auge gehabt. Ziel sei mehr, als das Kind unfallfrei über den Tag zu bringen.

An manchen Standorten soll die Ganztagsbetreuung ganz gestrichen werden, weil zum Beispiel kein Ruheraum vorhanden ist. Nachmittagsgruppen sollen wegfallen, da der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund zu groß und Integration so nur schwer möglich sei.

Das sagen Eltern

Es waren rund 30 Eltern zu der Ausschusssitzung am Dienstag gekommen. Die meisten wirkten angesichts des neuen Konzeptes verzweifelt. „Wenn man die Schließzeiten ändert, kann es sein, dass ich meine Arbeit verliere“, sagt eine Mutter mit zittriger Stimme.

Eine andere Stuhrerin hat ähnliche Ängste: „Wenn das so durchgeht, muss ich meine Arbeitszeit reduzieren. Meine Vorgängerin wurde deswegen gekündigt.“ Sie und weitere Eltern schilderten, dass sie jetzt schon von der Arbeit zur Kita hetzen müssten, um ihr Kind rechtzeitig abzuholen. 

„Mich würde mal interessieren, ob irgendjemand berücksichtigt hat, wie viel Verkehr hier in und um Stuhr herrscht“, hieß es diesbezüglich. Eine weitere Wortmeldung: „Ich habe heute im Kindergarten viele Eltern den Tränen nahe gesehen, weil sie nicht wissen, wie sie Kind und Beruf unter einen Hut bringen sollen. Das bereitet Existenzängste.“

Der Wunsch wurde laut, die Grenze, ab wie vielen Wochenarbeitsstunden Eltern Anspruch auf verlängerte Betreuung haben, nicht so starr zu ziehen. Und es stellte sich heraus, dass einige Probleme darin sehen, ihr Kind freitags bis 15 Uhr abzuholen – auch wenn laut Erzieherinnen zu der Zeit fast kein Kind mehr in den Kitas anzutreffen ist.

Ein Vater störte sich an der Vorgehensweise der Verwaltung. „Halten Sie das allen Ernstes für einen transparenten Prozess?“, fragte er. Eltern hätten sich am Dienstag bei der Ausschusssitzung äußern können, dann noch einmal im Rat. „Das ist keine Bürgerbeteiligung.“ Detlev Gellert, Leiter des Fachbereichs Bildung, Soziales und Freizeit bei der Verwaltung, sieht das anders. In der Gruppe, die den Konzeptentwurf erstellt hat, seien auch Elternvertreter gewesen.

Das sagt die Politik

Kein Ausschussmitglied hat gegen das Konzept gestimmt. Jörg Wydra (Besser) enthielt sich. „Wir halten die Kürzung der Betreuungszeiten für sehr fragwürdig“, sagte er. Er stelle aber nicht das Gesamtkonzept infrage.

Finn Kortkamp (CDU) merkte an, dass Wydra zu keinen der Termine, an dem das Konzept erarbeitet wurde, gekommen sei. Außerdem meinte er, dass der Internetauftritt der Gemeinde mit den Stellenausschreibungen verbesserungsfähig sei.

Alexander Carapinha-Hesse (FDP) sagte zum Konzept: „Es ist ein Kompromiss, den man schließen muss. Und Kompromisse tun manchmal weh. Auch, wenn es betroffen macht, was die Eltern schildern – wir müssen aufpassen, dass wir den Karren nicht an die Wand fahren.“

Dennis True (SPD) betonte, dass es eine Maßnahme für die Zukunft sei – und irgendwann vielleicht wieder bessere Zeiten möglich seien.

Das Konzept im Überblick

Maßnahmen zum Kiga-Jahr 2019/20:

- Betreuungszeiten 8 bis 12 Uhr, 8 bis 14 Uhr, 8 bis 16 Uhr

- Frühdienst ab 7 oder 7.30 Uhr

- Spätdienst von 14 bis 15 Uhr

- In der Krippe maximal acht Stunden Betreuung.

- Im Kindergarten maximal neun Stunden Betreuung.

- Ende der Betreuung spätestens um 16 Uhr, freitags um 15 Uhr

- Sonderdienste bei Anmeldung von mindestens fünf Kindern

Neudefinition Berufstätigkeit in Hinsicht auf Anspruch auf verlängerte Betreuung ...

... ab 12 Uhr bei mindestens 15 Wochenarbeitsstunden an mindestens drei Arbeitstagen

... ab 14 Uhr bei mindestens 25 Wochenarbeitsstunden an mindestens drei Arbeitstagen

- Festlegung der Anzahl der Ganztagsgruppen auf dem jetzigen Stand von 14 Kiga- und zehn Krippengruppen; Festlegung der maximalen Plätze bis 16 Uhr in diesen Gruppen auf 20 Kiga-Kinder beziehungsweise zehn Krippen-Kinder

Spätere Umsetzung:

- Ausschluss ungeeigneter Standorte für Ganztagsbetreuung

- Abschaffung von Nachmittagsgruppen

- Entwicklung einzelner Kitas zu Häusern der Familie mit verbesserten Beratungsangeboten

Investitionen:

- Aufstockung des Vertretungspools (plus 16 Vollzeitstellen)

- Drittkräfte in Ganztagsgruppen (plus 15 Stellen)

- Drittkräfte in Krippen (plus vier Stellen)

- Erhöhung der Verfügungszeit (Vor- und Nachbereitung) von Erzieherinnen (plus sieben Stellen)

- Anbau von Gruppenräumen an die drei Kitas

- Neubau von zwei Kitas mit je fünf Gruppen

Kommentar: Ein Schlag ins Gesicht der Eltern

Von Katharina Schmidt. Um zu verhindern, dass das Kita-System zusammenbricht, werden Öffnungszeiten gekürzt und der Zugang zu Ganztagsbetreuung erschwert. Mag sein, dass dies der einzige Weg ist, um Schlimmeres zu verhindern. Für betroffene Eltern ist es trotzdem ein Schlag ins Gesicht. Sie müssen für Versäumnisse der Landesregierung bezahlen – womöglich mit ihrem Job. 

Die Reform, die Ausbildung zum Erzieher dual zu ermöglichen, kommt zu spät. Wie viele Jahre haben angehende Erzieher über fehlende Vergütung geklagt – und wie oft haben sie daraufhin wohl nur einen Spruch wie „Augen auf bei der Berufswahl“ zu hören bekommen? Nun ist es ein Problem, das uns alle angeht. Die flexible Arbeitswelt braucht flexible Betreuungszeiten – und die bietet das Konzept für die Stuhrer Kitas nicht. 

Es sollte das Mindeste sein, dass sich Politik und Verwaltung jetzt mit der Frage beschäftigen, wie Eltern, die keinen 08/15-Halbtags-Job haben, geholfen werden kann. Denkbar wäre, den Fokus stärker auf Tagesmütter zu lenken. Bei all den geplanten Investitionen sollte auch drin sein, die Bedarfe der Eltern immer wieder unter die Lupe zu nehmen – und zu prüfen, ob vereinzelte Randzeit-Gruppen oder eine Auflockerung der Berufstätigkeits-Regel mit dem hoffentlich bald verstärkten Personalstamm nicht doch realisierbar sind.

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