Die Alten sind ihre Zukunft

Auszubildende Melissa Kahrs ist nominiert für Pflegepreis

Melissa Kahrs absolviert derzeit ihre Ausbildung im Haus am Horst. Foto: Janna Silinger
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Melissa Kahrs absolviert derzeit ihre Ausbildung im Haus am Horst.

Für Melissa Kahrs sind nicht Kinder die Zukunft, sondern alte Menschen. Denn mit ihnen will sie ihr Leben lang arbeiten. Die 21-Jährige ist im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin. Seit Februar absolviert sie diese im Haus am Horst in Stuhr. Die Heimleitung hat sie für den Preis „Deutschlands beliebteste Pflegeprofis“ nominiert, der vom Verband der privaten Krankenversicherungen vergeben wird.

Stuhr - Nach der Schule wusste Kahrs zunächst nicht genau, wie es weitergehen sollte. Nach einigen Praktika war für sie dann aber vollkommen klar, dass sie mit alten Menschen arbeiten möchte, weshalb sie eine Ausbildung im ambulanten Pflegedienst anfing. Im Rahmen der Demenzwoche in der Berufsschule nahm sie an einem Ausflug in das Haus am Horst teil. „Ich fand das direkt toll“, erzählt sie. Nicht nur die Einrichtung, auch der Fokus auf die Krankheit Demenz faszinierte sie: die verschiedenen Facetten und die unterschiedlichen Ausprägungen. Nach einem zweimonatigen Praktikum ging sie schließlich für das letzte Ausbildungsjahr ins Haus am Horst.

Und obwohl die junge Frau für sich klar sagt, dass es sich am Ende des Tages „nur“ um einen Job handelt, ist es nicht immer einfach, emotional distanziert zu bleiben.

Der Bezug zum persönlichen Leben

Wenn jemand aufgrund des hohen Alters an Demenz erkrankt, sei das für sie in Ordnung. Wenn jedoch Menschen beispielsweise durch das Korsakow-Syndrom (häufig bedingt durch zu viel Alkohol) dement geworden sind, mache sie das nachdenklich. Wieso muss es soweit kommen? Wieso tun Menschen sich so etwas an? Ein weiterer Aspekt, der der jungen Frau nahegeht, ist der Bezug zum persönlichen Leben. Wenn sie sich vorstellt, dass so ein Schicksal auch einem nahestehenden Verwandten bevorstehen könnte, „kullert schon mal ein Tränchen“, erzählt sie.

Traurig mit zu erleben sei es auch, wenn Bewohner, die zunächst noch relativ gut klarkommen, nach und nach immer schneller abbauen. Wenn diese Menschen sie dann fragen: „Was ist los mit mir?“, berührt sie das. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das Haus am Horst im Grunde die Endstation ist, sie keine guten Nachrichten überbringen wird. Aber genau darin liegt auch die Kunst, das, was ihren Job schwierig macht. Denn in solchen Situationen steht an erster Stelle, den Betroffenen ein gutes Gefühl zu verschaffen. „Ein großer Teil ist Validation.“ Soll heißen, wenn etwa eine Bewohnerin denkt, man sei Tante Anni, dann ist man eben in dem Moment einfach Tante Anni.

Der Wiedererkennungswert zählt

Ein großer Unterschied zum ambulanten Pflegedienst ist für Kahrs, dass die Patienten, die kognitiv noch sehr klar sind, häufig aus Frust über den eigenen Zustand herablassender mit einem umgehen. „Du wirst dafür bezahlt“, habe sie dort oft in Zusammenhang mit einem harschen Ton gehört. Auch Menschen, die an Demenz erkrankt sind, beleidigen, beißen oder hauen hin und wieder. Doch Kahrs weiß, dass diese Menschen nicht wissen, was sie tun. Sie verstehen häufig nicht, wo sie sind, was die Pflegerin von ihnen möchte. „Und wenn die dich eben gerade mal blöd finden, oder nicht wissen, wer du bist, dann ist das okay.“ Was da nur bleibt, ist die Möglichkeit, mit ihrer Stimme oder ihrem Gesicht einen Wiedererkennungswert zu schaffen. Und wenn das glückt, jemand plötzlich redet, der schon wochenlang keinen Ton von sich gegeben hat, dieser Mensch einen anlächelt oder nur zufrieden aussieht, sei das ein Geschenk.

Eine der schwierigen Aufgaben ist die nonverbale Kommunikation. Gestik, Mimik, Körperhaltung – es gebe viele Mittel und Wege, auch ohne Sprache Reaktionen zu erzeugen und zu erkennen. Deshalb sei es wichtig, auch zum Ende der Krankheit hin mit den Menschen zu reden, ihnen vorzulesen, sie zu berühren. „Wir wissen ja nicht, was alles da oben ankommt.“

Bedürfnisorientiertes Arbeiten im Fokus

Sie gebe sich Mühe, biografisch zu arbeiten. „Wenn der Mensch früher gerne Marmeladenbrot gegessen hat, soll er das auch heute noch bekommen“, nennt Kahrs ein einfaches Beispiel. Das ist für sie bedürfnisorientiertes Arbeiten – das wichtigste in einem guten Heim.

Und das, was in vielen Einrichtungen fehlt. Häufig gehe es nur um Profit, darum, möglichst viele Menschen unterzubringen. Und dann könne es auch mal passieren, dass die Pfleger komplett überfordert, aus den Urlauben zurückgeholt und grundsätzlich viel zu schlecht bezahlt werden. Denn Pflege, das betont Kahrs, ist nicht nur Waschen und Essen bringen, sondern in erster Linie die Würde des Menschen bis zum Schluss wahren.

Und obwohl Heime und Dienste aus dem Boden sprießen, befürchtet die 21-Jährige, dass die Versorgung, die die Menschen brauchen, irgendwann nicht mehr gewährleistet werden kann. Das fange jetzt schon an, wenn sie alte Leute am Rollator sieht, die Flaschen sammeln müssen. Es werde zu wenig investiert, sowohl in die Pflegenden, als auch in die zu Pflegenden.

Für Kahrs geht es nach Abschluss im Haus am Horst weiter, worüber sie sehr glücklich ist. Langfristig gesehen plant sie mehrere Weiterbildungen, um eines Tages Pflegedienstleiterin zu werden.

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