Ausschuss bleibt skeptisch

Fluglärm über dem Rathaus und Zweifel bei der Politik

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Eine Maschine hebt vom Bremer Flughafen ab. Gleich wird es laut in Stuhr. 

Stuhr - Von Andreas Hapke. Ein Drehbuchschreiber hätte das nicht effektiver hinbekommen: Als sich „Besser“-Ratsherr Gerd-W. Bode am Donnerstag im Ausschuss für Gemeindeentwicklung und Umwelt zum Fluglärm über Stuhr äußerte, hob am Bremer Airport ein Flieger ab. Es war nicht der erste an diesem Abend, aber der mit Abstand lauteste.

Genau hinhören musste also, wer sämtliche Aussagen Bodes verstehen wollte. Trotzdem entsprachen die Politiker nicht dem Wunsch der Fluglärmkommission (FLK). Deren „Vize“ Volker Reinhold hatte um die Unterstützung der Gemeinde für einen Antrag geworben, mit dem die FLK die Deutsche Flugsicherung (DFS) zu einer Änderung der Flugroute und damit zu einer Reduzierung des Lärms über Stuhr bewegen möchte.

Reinhold lebt in Moordeich und ist selbst von den Emmissionen betroffen. Er war als Mitglied der Vereinigung der Fluglärmgeschädigten in die Kommission gekommen und wies im Ausschuss auf die Erfolge des Gremiums in den vergangenen Jahren hin. „Wir haben verschiedene Routen untersuchen lassen und alles umgesetzt“, sagte er. Nun geht es ihm um jene Flugzeuge, die in westliche Richtung starten und anschließend Kurs nach Süden nehmen. Laut Reinhold ist dies die am stärksten frequentierte Route des Bremer Flughafens. Demnach heben 60 Prozent der Flieger westwärts ab, die meisten davon mit Zielen im Süden.

Von dem Lärm sind hauptsächlich Moordeicher und Alt-Stuhrer betroffen, aber auch einige Groß Mackenstedter, wie den Aussagen der zahlreich erschienenen Bürger zu entnehmen war. Dort müssen die Flugzeuge besonders tief unterwegs sein. „Ich kann lesen, was auf den Reifen steht“, sagte ein Bewohner. Ein anderer ging noch einen Schritt weiter und behauptete, er könne den Luftdruck prüfen.

„Solche Kurven werden schon geflogen“

Alles nicht nötig, wenn es nach Reinhold geht. Er wünscht sich, dass die Piloten vom Start weg eine etwas längere Kurve fliegen, um dann auf einen 180-Grad-Kurs gen Süden zu schwenken. Die Route würde dann über das Gewerbegebiet Stuhrbaum sowie über unbewohnte beziehungsweise kaum bewohnte Flächen führen. Auch Syke und Bassum würden dann nicht mehr überflogen. Es sei überhaupt kein Problem, das umzusetzen, sagte Reinhold. Dies habe ihm jetzt ein Pilot der Lufthansa bestätigt. „Solche Kurven werden heute schon geflogen.“ Die DFS möge das überprüfen und einen zweijährigen Probebetrieb einrichten.

DFS-Vertreter Uwe Hummert machte auf den Spagat aufmerksam, dass eine Flugroute möglichst wenig Menschen belasten und trotzdem Sicherheit garantieren müsse. „Auch bei einer weiteren Kurve kommen wir nicht in unbewohnte Gebiete“, stellte er klar. Die Maschinen flögen weiterhin über Alt-Stuhr. Alternativ könnten die Piloten langsamer fliegen, um die Kurve zu schaffen. „Aber dann wäre mehr Schub notwendig, und es würde lauter werden.“ Er widersprach Reinhold auch in einem anderen Punkt: Während der FLK-Vertreter behauptete, der Lärm sei 450 Meter rechts und links vom Flugzeug am größten, verortete Hummert die maximale Belastung direkt unter der Maschine.

„Müssen mehr Fakten kennen“

Die Ausführungen der beiden Referenten ließen die Politiker ratlos zurück. „Wir müssen noch viel mehr Fakten kennen“, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Frank Schröder. Grünen-Chefin Kristine Helmerichs führte den Lärmaktionsplan der Gemeinde an. „Wie fügt sich die neue Maßnahme dort ein?“, fragte sie. So sah es auch SPD-Ratsherr Rolf Meyer: „Wir leiden nicht nur unter Fluglärm, sondern auch unter der Autobahn, zwei Bundesstraßen, den innerörtlichen Verkehr und Baulärm.“

Zuvor hatte ein Bewohner Stuhrbaums darauf hingewiesen, dass auch dort 70 Wohnhäuser stünden. „Das ist auch eine Größe. Wir verteilen nur den Lärm, wir machen ihn nicht weniger“, sagte Kristine Helmerichs. „Und wie ist es damals zur Festlegung der aktuellen Route gekommen?“ FDP-Ratsherr Jan-Alfred Meyer-Diekena wollte wissen, wie laut die Flugzeuge über Stuhrbaum wären. Bode wunderte sich darüber, dass „der eine sagt, die Piloten kriegen die Kurve, und der andere sagt, sie kriegen sie nicht. Was stimmt denn jetzt?“ Viele Fragen und zu wenige Antworten verhinderten, dass der Ausschuss den FLK-Antrag unterstützte.

Sehr pragmatisch ging Bewohner Gerhard Koops die Sache an. Die Stadt Mainz kassiere für jeden aus Frankfurt kommenden Überflug „eine bestimmte Menge Geld“, sagte er. „Wir wollen kein Geld, wir wollen Ruhe“, kam es von den anderen Besuchern im Chor zurück.

Wie unterschiedlich die Belastung in Stuhr verteilt ist, verdeutlichte die Bemerkung des Seckenhausers Manfred Römer. Die aktuelle Route sei die „stillste und idealste“ überhaupt. Für ihn bedeute der Vorschlag Reinholds eine „Verschlimmbesserung“.

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Von Andreas Hapke

Ein unabhängiger Experte wäre schön

Selten haben Referenten in einem Stuhrer Ausschuss für so viel Verwirrung gesorgt, selten war ein Experte dort so wichtig wie am Donnerstagabend. Keiner der Marke Waldemar Hartmann wohlgemerkt, der kürzlich als Sportjournalist und Telefon-Joker bei Günter Jauch behauptete, die SpVgg Fürth habe nie in der ersten Liga gespielt. Vielmehr jemand von der Kategorie echter Fachmann, unabhängiger Gutachter.

Können Piloten eine Kurve so fliegen, dass die Belastung für einen Großteil der Bewohner der Gemeinde abnimmt? Ist es neben oder unter dem Flugzeug am lautesten? Dazu kann es doch keine zwei Meinungen geben, so etwas muss eindeutig festzustellen sein.

Das ist umso unverständlicher, als das Thema seit den frühen 90er-Jahren immer wieder mal hochkocht.

In dieser Situation haben die Politiker das einzig Richtige getan: Sie sind dem Wunsch der Fluglärmkommission auf Änderung der Flugroute erst einmal nicht gefolgt. Unentschlossenheit, sonst Totengräber einer zielgerichteten Politik, war ausnahmsweise mal nicht fehl am Platz.

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