Ausbruch aus starrem System

Impfstart bei Stuhrer Hausarzt: Kritik an Gemeinde Stuhr

Moderna, Biontech oder doch Astrazeneca? Die Hausärzte im Kreis Diepholz wissen nur, welches Vakzin sie bei den ersten beiden Lieferungen von den Apotheken bekommen – nämlich Biontech. „Was danach kommt, wissen wir nicht“, sagt der Varreler Arzt Stefan Küster.
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Moderna, Biontech oder doch Astrazeneca? Die Hausärzte im Kreis Diepholz wissen nur, welches Vakzin sie bei den ersten beiden Lieferungen von den Apotheken bekommen – nämlich Biontech. „Was danach kommt, wissen wir nicht“, sagt der Varreler Arzt Stefan Küster.

Nach Ostern haben die Hausärzte in Niedersachsen mit den Corona-Impfungen in ihren Praxen begonnen. Der Varreler Facharzt Dr. Stefan Küster über Impfstart.

Stuhr – Seit Anfang dieser Woche dürfen niedersächsische Hausärzte ihre Patienten impfen. Sie müssen sich grundsätzlich an die vorgegebene Prioritätenliste halten, haben aber im Gegensatz zu den Impfzentren einen gewissen Ermessensspielraum, wem sie die Spritze geben. Sozialministerin Daniela Behrens verkündete, dass zwischen 20 und 50 Dosen pro Praxis für die erste Lieferung eingeplant waren.

Dr. Stefan Küster bekam 36 Impfstoff-Dosen. Der Varreler Hausarzt ist zufrieden. „Wir durften 50 bestellen, ich habe ein bisschen weniger bekommen. Das geht in Ordnung“, sagt er. Am Mittwoch verimpfte er bereits die Hälfte der ersten Lieferung an seine Patienten. Gestern folgten dann die restlichen 18 Dosen.

Impfstart bei Hausärzten: Über die Apotheken gelangt das Vakzin in die Praxen

Über die Apotheken vor Ort sei das Vakzin nach der ersten Impfstoff-Lieferung zu den Hausarztpraxen gelangt, erklärt Dr. Christoph Lanzendörfer, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Diepholzer Nordkreis auf Anfrage der Kreiszeitung. Das sei in der Regel reibungslos vonstattengegangen. Auch die Varreler Hausarztpraxis hatte keine Probleme. „Wir sind bestens vernetzt mit unserer Apotheke“, sagt Stefan Küster.

Geplant sei, dass sich die Lieferung wöchentlich wiederholt, so Lanzendörfer. „So ist es angekündigt.“ Dabei soll die Zahl der Vakzin-Dosen, die an die Praxen der niedergelassenen Ärzte gehen, peu à peu erhöht werden. „Die Impfzentren bekommen jetzt noch das Gros, aber das ändert sich bald“, kündigt Lanzendörfer an.

Der große Vorteil, Hausärzte an der Impfkampagne zu beteiligen, sei das Ausbrechen aus den Priorisierungsgruppen. „Wir halten uns an die vorgegebene Impfreihenfolge“, erklärt Lanzendörfer, „aber aus einem starren System konnten wir ein etwas weicheres machen. Das ist eine Freiheit, die uns zugestanden wurde.“ Das heißt konkret: Derzeit sind in den niedersächsischen Impfzentren die über 70-Jährigen an der Reihe, die Hausärzte dürfen allerdings schon unter 70-Jährige impfen. „Wir haben viele chronisch Kranke zwischen 50 und 70, bei denen mit einem schweren Coronaverlauf zu rechnen ist, falls sie erkranken“, erklärt Stefan Küster. „Diese Personen haben wir jetzt in der Mache, die sind in der Pipeline.“

Die Patienten werden mittlerweile wählerisch. Einige von ihnen wollen nur geimpft werden, wenn das Vakzin nicht von Astrazeneca kommt. Das können wir aber nicht zusagen.

Dr. Stefan Küster

Darüber hinaus habe ein Hausarzt im Gegensatz zu den Impfzentren die Möglichkeit, seinen Patienten eine Umfeldbetreuung anzubieten, so Lanzendörfer. „Wenn ein Patient zum Beispiel mit seiner unter 70-jährigen Frau zu uns kommt, dann können wir sie – sofern sie denn will – auch impfen“, erklärt er.

Nicht jeder ist in diesen Tagen mit jedem Impfstoff einverstanden, meint Stefan Küster. „Die Patienten werden mittlerweile wählerisch. Einige von ihnen wollen nur geimpft werden, wenn das Vakzin nicht von Astrazeneca kommt. Das können wir aber nicht zusagen“, sagt er. Denn die Hausärzte wissen selbst nicht, welcher Impfstoff wann geliefert wird. Nur für die ersten beiden Lieferungen herrscht Klarheit: Da gibt es Biontech. „Was danach kommt, wissen wir nicht“, meint er. Wenn Impfwillige also ein bestimmtes Vakzin gespritzt bekommen wollen, „dann werden sie von uns hinten angestellt“, erklärt der Varreler Hausarzt. Solange bis die freie Wahl des Präparates garantiert werden könne.

Nicht anrufen: Hausärzte vergeben Impftermine

Seit bekannt ist, dass Hausärzte gegen Corona impfen dürfen, stehen die Telefone der Praxis von Dr. Stefan Küster in Varrel nicht mehr still. „Seitdem die Leute das wissen, rufen sie bei uns an“, sagt der Facharzt für Innere Medizin. Dabei läuft die Terminvergabe nicht auf Anfrage durch Patienten, sondern genau umgekehrt. „Wir rufen die Leute an, die im Moment für eine Impfung infrage kommen“, erklärt Küster.

Auch Dr. Christoph Lanzendörfer, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung im nördlichen Kreisgebiet von Diepholz, hat das in seiner Praxis in Bassum bemerkt: „Es fragen seitdem viele Menschen bei uns an, aber wir haben Richtlinien, an die wir uns halten.“

Beide Ärzte appellieren an die Bürger, abzuwarten und passiv zu bleiben, bis sie von den Hausärzten angesprochen werden, denn aktiv nach einem Impftermin zu fragen, bringe einerseits den Patienten einer Coronaimpfung nicht näher, andererseits würden so die Telefonleitungen der Praxen nicht unnötig überlastet.

Als Sprecher der KV versichert Lanzendörfer, dass die Hausärzte die Verantwortung für den Ablauf der Impfungen in den Praxen auf sich nehmen: „Wenn etwas schieflaufen sollte, dann schieben wir die Schuld weder dem Bund noch den Ländern zu.“ Doch bislang sei die Impfkampagne hervorragend angelaufen. „Bei uns sind die Leute ohne große Wartezeit geimpft worden“, sagt Stefan Küster.

Auch die Tatsache, dass das Vakzin von Pfizer-Biontech nur bei Minus 70 Grad Celsius länger haltbar ist, sei wegen der wöchentlichen Lieferungen kein Problem für die Hausärzte. „Die Kühlkette wird erst dann unterbrochen, wenn der Impfstoff von den Apotheken zu den Praxen kommt“, erklärt Christoph Lanzendörfer. „Danach muss der Impfstoff innerhalb von vier Tagen verbraucht werden.“ Das sei problemlos zu schaffen. Stefan Küster impft in seiner Praxis jeden Mittwochnachmittag und jeden Freitagmittag gegen das Coronavirus. „Das klappt gut“, resümiert er. „Zusätzlich würden wir auch an den Wochenenden impfen, wenn genug Impfstoff da wäre.“ Das sei zurzeit noch nicht der Fall, aber Küster ist in dieser Hinsicht guter Dinge, dass es bald so weit sein wird.

Kritik an der Gemeinde Stuhr: „Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht“

Dennoch gibt es eine Sache, an der sich der Arzt aus Varrel stört: die Informationspolitik der Gemeinde Stuhr. Nachdem sich die über 80-Jährigen im Gut Varrel ihre Schutzimpfung abgeholt haben, steht dort jetzt die Impfung der über 70-jährigen Stuhrer auf der Agenda (wir berichteten). „Ich habe aus der Zeitung davon erfahren“, sagt Küster. Er hätte sich gewünscht, dass Hausärzte früher davon in Kenntnis gesetzt worden wären. Denn: „Wir haben manchen Patienten bei uns Termine angeboten, die dann aber abgesagt haben, weil sie parallel schon eine Einladung zum Gut Varrel erhalten haben.“ Hätte die Verwaltung der Gemeinde die Hausärzte früher in ihre Planung einbezogen, „dann hätten wir andere Personen wegen der Impfung ansprechen können“.

Das dezentrale Impfen von über 70-Jährigen im Gut Varrel schließt der Facharzt von seiner leichten Kritik an der Gemeinde aus, er befürwortet es sogar. „Die Aktion ist toll“, sagt er, „aber ich hätte mir einfach mehr Informationen gewünscht – vielleicht ein offizielles Schreiben des Bürgermeisters an uns Ärzte im Vorfeld.“

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