Dr. Lars Pohlmeier ist Aktivist bei Friedensnobelpreisträger Ican

Kein Engagement gegen Atomwaffen: „Bund nimmt totale Zerstörung in Kauf“

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Dr. Lars Pohlmeier engagiert sich seit 26 Jahren im Kampf gegen Atomwaffen. In seiner Hand hält er unter anderem ein Bild, das einen Blick auf das Atomtestgelände Semipalatinsk in Kasachstan zeigt. Der schöne Schein trügt.

Brinkum - Von Katharina Schmidt. Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican). Dr. Lars Pohlmeier, seit 2009 Internist und Hausarzt in Brinkum, hat den Vorstoß eng begleitet. Als Aktivist der ersten Stunde freut er sich, dass das norwegische Nobelkomitee ein Zeichen gegen die nukleare Aufrüstung setzt. Denn der 48 Jahre alte Mediziner ist sich sicher: So wie bisher kann es nicht weitergehen – nicht bei rund 15.000 Atomwaffen weltweit.

Ican hat maßgeblich am UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen mitgewirkt. 122 Staaten haben die Vereinbarung bisher unterschrieben. Pohlmeier weiß gut, wie viele Sitzungen und Gespräche dem fertigen Vertrag vorausgegangen sind. Als Mitglied der internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) hat er an vielen selbst teilgenommen.

Pohlmeier war Vorsitzender im Vorstand der IPPNW, als diese vor rund zehn Jahren die Kampagne Ican mit ins Leben gerufen haben. Insgesamt engagiert sich der in Bremen wohnende Internist seit 26 Jahren ehrenamtlich im Kampf gegen Atomwaffen.

„Es gibt eine unendlich große Zahl an Opfern des atomaren Zeitalters“, beklagt Pohlmeier. Mit der Unterstützung des neuen Atomwaffenverbotsvertrags hätten mehr als hundert Staaten zugesagt, diese Opfer zu entschädigen. „Das ist großartig“, findet der Bremer. Gutwillige Regierungen hätten sich die Expertise von Nichtregierungsorganisationen wie IPPNW zu eigen gemacht, um Wege zur Abrüstung zu schaffen. Sie hätten nicht nur wie „die Kaninchen vor der Schlange“ zugeschaut, was Trump und Putin machen.

Deutschland boykottiert: „Das kann nicht sein“

Was Pohlmeier allerdings alles andere als großartig findet: Deutschland zählt nicht zu den Staaten, die unterschrieben haben. Die Atommächte – sowie fast alle Nato-Mitglieder – haben die Verhandlungen boykottiert. „Das kann nicht sein“, findet Pohlmeier. Ican fordere die Bundesregierung dazu auf, zu unterzeichnen – und damit einzuwilligen, auf den Besitz, die Entwicklung, die Produktion und den Test von Nuklearwaffen zu verzichten.

„Wir tun immer so, als ob wir die Guten sind“, spricht der Arzt für Deutschland. „Dabei ist es eine Schande, dass wir die totale Zerstörung anderer Länder in Kauf nehmen.“ Die Folgen von Atomwaffen bezeichnet er als „schrecklich“. Als Beispiele nennt er einen Wandel des Weltklimas und Millionen Tote. Schon der Bau solcher Waffen bringe Menschen um.

Als Vertreter der IPPNW ist der 48-Jährige viel gereist. Er hat mit politischen Entscheidungsträgern geredet und war mehrmals bei der Nato zu Besuch. „Wir versuchen mit unseren Argumenten, Entscheidungsträger zu überzeugen“, fasst er zusammen.

Sollte der Bund sich dadurch nicht umstimmen lassen, werde Ican Städte und Gemeinden auffordern, die Vereinbarung symbolisch zu unterstützen, so Pohlmeier.

Vorwurf der Naivität ist „lächerlich“

Kritiker sagen, Ican sei naiv. Diesen Vorwurf findet der Internist „lächerlich“. „Zu glauben, es kann so weitergehen, ohne dass etwas passiert – das ist naiv“, sagt er. Dies gelte insbesondere in Zeiten von Cyber-Attacken.

Pohlmeier ist der IPPNW, der derzeit rund 6500 Mitglieder angehören, am Wochenende vor seinem Studienbeginn beigetreten. Die Gefahren von Atomwaffen haben ihn schon früh beschäftigt. Er ist im geteilten Deutschland aufgewachsen. Nicht zuletzt durch Kontakte in die DDR habe er die Bedrohung des Kalten Krieges mitbekommen, berichtet er.

Das Risiko, dass Atomwaffen zum Einsatz kommen, wird laut dem Nobelkomitee aktuell wieder größer. Pohlmeier hofft auch vor diesem Hintergrund, dass die Verleihung des Friedensnobelpreises friedenspolitischen Gruppen wieder Auftrieb gibt. Er wünscht sich, dass die öffentliche Debatte erstarkt, zum Beispiel durch fachliche Vorträge und Diskussionsveranstaltungen.

Die Ican-Aktivisten würden ihren Erfolg natürlich auch feiern – aber in erster Linie gelte es, die Gunst der Stunde zu nutzen.

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