Stadtplaner weisen Vorwürfe zurück

Bürger in Varrel kämpfen gegen Ausmaße von geplanter Senioren-WG

+
Auf diesem Eckgrundstück an der Kreuzung Am Großen Kamp / Eichendorffweg soll die Senioren-WG entstehen. Die Anwohner fürchten um das Wohnklima und rechnen mit einem gewaltigen Bauklotz.

Der März 2018 muss ein besonderer Monat für Nicole Meinke und Guido Zahrosky gewesen sein. In diesem Monat kauften sie sich ein Grundstück in Varrel und erhielten die Baugenehmigung für ihr zukünftiges Zuhause. Heute, rund eineinhalb Jahre später, sitzen sie mit vier weiteren Nachbarn in ihrem neuen Wohnzimmer und halten eine Krisensitzung nach der nächsten ab. Direkt vor ihrer Nase soll ein großer Neubau für eine Senioren-Wohngemeinschaft entstehen – mitten im Wohngebiet.

Varrel -  Seit Monaten streiten die Anwohner mit der Gemeinde Stuhr über die Rechtmäßigkeit des Baus. Es geht um Paragrafen, Bebauungsabstände und das Wohnklima. Am 9. August erteilte die Gemeinde die Baugenehmigung – allen Widerständen zum Trotz. Konkret will die Ambulante Krankenpflege Gabriela Donath auf einem 864 Quadratmeter großen Grundstück Am Großen Kamp 25 eine seniorengerechte WG für zehn Bewohner errichten. Das Gebäude soll am Ende rund 17 Meter hoch sein, eine maximale Länge von 24 Metern haben und eine Wohnfläche von rund 350 Quadratmetern bieten. 

Denkbar schlechter Ort für Senioren-WG

Die Nachbarschaft: ruhige Lage, Einfamilienhäuser, eine gepflasterte schmale Straße und ein bunter Mix aus alteingesessenen Varrelern und Zugezogenen. Für eine Pflegeeinrichtung wie die Senioren-WG ein denkbar schlechter Ort, finden neben Nicole Meinke und Guido Zahrosky auch Kurt Mahlstedt und seine Frau Magdalene, die seit 1962 direkte Nachbarn der Hausnummer 25 sind. Auch Christian Bliesener, Michael Herrmann und Jürgen Hesse von den gegenüberliegenden Häusern gehören zur Gruppe der verärgerten Anwohner. „Da ist geplant, ein Krankenhaus zu bauen“, sagt Jürgen Hesse an diesem Nachmittag beim Treffen im Wohnzimmer von Meinke und Zahrosky. So würden sie es zumindest immer sagen. Ihr Hauptärgernis bezieht sich auf Paragraf 34 im Baugesetzbuch. Dort sei geregelt, dass neu geplante Gebäude sich in Stil, Aussehen und Architektur an die vorhandenen Gebäude in der Nachbarschaft anpassen müssen. „Und das ist der Juckepunkt“, so Hesse. Denn das sei nicht der Fall. 

Die Anwohner fürchten um das Wohnklima und rechnen mit einem gewaltigen Bauklotz.

Als Meinke und Zahrosky Anfang 2018 das Grundstück erwarben, wohnte nebenan noch eine ältere Dame in einem Einfamilienhaus mit rund 100 Quadratmetern Wohnfläche. Damit entsprach es ungefähr der Größe der Nachbargebäude. Jetzt ist auf dem mittlerweile geräumten Grundstück ein großes eingeschossiges Gebäude mit Mansarddach geplant. Die zukünftige Wohnfläche soll laut Nachbarn rund 350 Quadratmeter betragen. Das wäre mehr als dreimal so viel, wie bei der ursprünglichen Gebäudefläche. Laut Skizzen ist eine enge Bebauung vorgesehen – und es wurde ein kleiner Trick angewendet. Durch die Wahl eines Mansarddachs konnte über dem Erdgeschoss fast ein ganzes weiteres Geschoss untergebracht werden. 

Durch abgeknickte Dachflächen im unteren Bereich kann ein weiteres Geschoss unter den Dachziegeln Platz finden. Dieses gilt dann nicht als Vollgeschoss. Das Gebäude ist rein baurechtlich eingeschossig und entspricht damit der Bauweise in der Nachbarschaft. Hesse findet, hier werde „kaschiert“. Am 29. Januar 2019 beantragten er und die anderen Anwohner eine Nachbarschaftsbeteiligung bei der Gemeinde. Seither sind sie in die Bauplanungen mit einbezogen, konnten alle Unterlagen einsehen. 

Wird erhöhtes Verkehrsaufkommen abgefangen?

Am 20. Juni reichte Nicole Meinke formal Einspruch gegen den Neubau ein. Darin kritisierte sie nicht nur das geplante Mansarddach. Auch im Namen der anderen Nachbarn stellte sie weitere Fragen. Warum werden zwischen dem Gebäude und dem benachbarten Eichendorffweg nur 5,80 Meter, statt wie vorher 8 Meter eingehalten? Warum sind für zehn Bewohner samt ihrem Pflegepersonal und ihren Besuchern nur vier Stellplätze vorgesehen? Wie kann das dann vermutlich erhöhte Verkehrsaufkommen von der kleinen Pflasterstraße, die auch als Schulweg genutzt wird, aufgefangen werden? Wieso ist eine gewerbliche Nutzung in einer Wohngegend erlaubt und warum habe sie damals bei ihrem eigenen Bauantrag ein streng festgelegtes Baufeld einhalten müssen, dass nun scheinbar keine Beachtung mehr findet? 

Antrag auf Bauleitplanänderung abgewiesen

Einige Wochen vergingen, bis am 31. Juli schließlich eine Rückmeldung der Gemeinde kam. Meinkes vorab bereits gestellter Antrag auf eine Bauleitplanänderung wurde vom Verwaltungsausschuss der Gemeinde abgewiesen. Weiterhin folgte eine ausführliche Erläuterung, um die Vorwürfe zu entkräften. Vor allem auf einen Passus im Baugesetzbuch stützt sich die Gemeinde dabei: Paragraf 34. Eben jenen, den die Nachbarn auch schon bemüht hatten. Dort geht es nämlich unter Absatz vier um die sogenannte Innenbereichssatzung. Das Grundstück Am Großen Kamp 25 befinde sich „nicht im Geltungsbereich eines Bebauungsplanes“. Dadurch kann es über die erwähnte Satzung zur Innenverdichtung herangezogen werden, ohne Vorgaben wie Dachform, Klinkerfarbe oder Anzahl der Wohneinheiten aus dem Bebauungsplan zu beachten. Es müsse sich lediglich baulich in die Nachbarschaft einfügen. Und das tut es laut Gemeinde. Durch das Mansarddach sei es formal gesehen eingeschossig. 

„Anlage für gesundheitliche und soziale Zwecke“

Die WG sei außerdem eine „Anlage für gesundheitliche und soziale Zwecke“ und damit nicht gewerblich. Der Abstand zur Straße und auch das Baufeld würden sich aus der Anordnung der Häuser am Eichendorffweg ergeben und die vier geplanten Parkplätze würden der Stellplatz-Satzung entsprechen. In einem überarbeiteten Bauplan seien nun außerdem sieben Parkplätze vorgesehen. Auch Kritik wie eine „Zersiedelung“ des Wohngebietes, eine durch den Neubau entstehende „Sogwirkung“ für ähnliche Projekte und Bedenken bezüglich der Regenwasserversickerung auf dem Grundstück wies die Abteilung für Stadtplanung zurück. 

In dem Schreiben vom 9. August, welches die Baugenehmigung thematisiert, lenkt die Gemeinde jedoch bezüglich der bemängelten Größe des Gebäudes ein: „Die tatsächliche Überschreitung der faktischen Baugrenze durch das Bauvorhaben reduziert sich damit auf wenige Quadratmeter [...].“ Bedeutet im Klartext: Es gibt eine Überschreitung, diese liegt jedoch im verträglichen Rahmen. Auf Nachfrage heißt es, in diesem Fall gehe es um rund vier Quadratmeter. Es sind Dinge wie diese, an denen sich die Anwohner stören. Die Behörde berufe sich in ihren Begründungen häufig auf einen Ermessensspielraum

„Die Nuancen addieren sich immer weiter“

Christian Bliesener, der gegenüber des Grundstücks wohnt, ärgert sich: „Die Nuancen addieren sich immer weiter.“ Geht das Projekt weiter seiner Wege, werden Kurt Mahlstedt und seine Frau Magdalene in Zukunft von ihrem Wintergarten aus auf die 24 Meter lange Gebäuderückseite aus Backsteinen schauen, die nur vier Meter vor ihrem Grundstück verläuft. Zu Meinkes Haus wird das neue Gebäude laut Baubehörde einen Abstand von 3,05 Meter einhalten und sich damit exakt an die Vorgaben halten. 

Lärm, Geruchsbelästigung und Schattenwurf

Sie und ihr Mann blicken dann auf einen rund sechs Meter hohen Aufzug. Lärm, Geruchsbelästigung und Schattenwurf: Das fürchten die Nachbarn nun. Auch ein Wertverlust ihrer Immobilien erwarten sie. Trotz allen Kritikpunkten liegt nun eine Baugenehmigung vor. Bauherr Lutz Hollman bestätigt am 12. August auf Nachfrage den Baubeginn: „Wir werden innerhalb der nächsten 14 Tage beginnen.“ Bei der Baubehörde heißt es derweil vom Fachdienstleiter Tim Lambrecht: „Der Widerstand war von Anfang an da.“ Allerdings habe es in der Wohngegend schon immer „eine sehr ausgiebige Nachbarschaftsbeteiligung“ gegeben. Unter anderem auch bei dem Neubauprojekt von Nicole Meinke und Guido Zahrosky. Im Gespräch betonen die Nachbarn schließlich, dass sie grundsätzlich nichts gegen eine Verdichtung hätten. 

„Ich will hier weg“

Jürgen Hesse jedoch sagt: „Die verstehen unter Verdichtung Monstergebäude, Blöcke!“. Eine „gewachsene Einfamilienhausgegend“ werde „zerstört“. Besonders groß ist der Frust auch bei den Mahlstedts. „Meine Frau hat schon gesagt: Ich will hier weg“, erzählt Kurt Mahlstedt. Meinke fügt hinzu: „Wir haben uns bewusst für das Baufeld entschieden, da wir links und rechts dachten zu wissen, was uns erwartet.“ Damals sei der Neubau keineswegs absehbar gewesen. Vor allem an einer Stelle sind sich dabei die Anwohner einig: Wäre die geplante Senioren-WG schon damals dort gewesen, wären sie niemals dort hingezogen. 

„Kann Anwohnerproteste nicht nachvollziehen“

Ein ganz anderer Blick auf die Geschichte bietet sich, wenn man mit Gabriela Donath, der Inhaberin der geplanten Senioren-WG, spricht. Sie sagt: „Ich kann die Anwohnerproteste nicht nachvollziehen.“ Sie wohne selbst in der Gegend und wolle „Senioren in Varrel nur Gutes tun“. Besonders interessant dabei sind jedoch die Hintergründe, warum Donath sich genau für diesen Standort entschied. Die Idee einer Senioren-WG habe sie schon länger gehabt, so Donath. Dann habe es auf einmal ein unverhofftes Angebot gegeben. Die vorige Inhaberin des Grundstücks war eine Kundin von Donath und bot ihr dieses an, da sie es nicht länger halten konnte. Neben den Vorwürfen der Anwohner generell, ärgert die Pflegerin vor allem eins: Sie laufe täglich mit ihrem Hund durch die Nachbarschaft, kenne die Anwohner vom Sehen. Und dennoch sei sie nicht direkt von ihnen angesprochen worden. Die Anwohner zogen den Weg über die Behörde vor. „Da bin ich sehr betrübt drüber. Das sage ich ganz ehrlich“, so Donath. 

Gute Anbindung an den ÖPNV

Weitere Gründe für den Standort sei eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die Geschäfte, erläutert sie. Außerdem sollen die Senioren „nicht abgeschoben sein“, sondern zentral wohnen und am Leben teilnehmen können. Zur Architektur des Gebäudes sagt Donath, die sich selbst als „Heimgegnerin“ und „WG-Befürworterin“ bezeichnet, es passe sehr wohl in die Wohngegend. Es sei modern und zeitgemäß und lade mit einem Garten und einer offenen Bauweise zum Verweilen ein. Darüber hinaus fügt sie an, dass keiner der Bewohner mehr ein Auto besitze. Die Nachfrage nach Wohngemeinschaften wie dieser sei derzeit sehr groß. Daher seien auch schon alle zehn Plätze in der WG vergeben. 

Varreler Anwohner wollen weiter kämpfen

Für die Varreler Anwohner ist die Geschichte aber noch nicht zuende. Obwohl die Baugenehmigung erteilt ist, wollen sie weiter kämpfen. Am 12. August setzten sie ein Schreiben auf, welches ebenfalls der Redaktion vorliegt. Darin bemängeln die Anwohner, dass die Gemeinde den einzeln vorgetragenen Einwänden mit Pauschalantworten begegnet sei. Außerdem werfen sie der Gemeinde eine „Salamischeiben-Taktik“ vor, da angesprochenen Mängel, wie etwa die geringe Anzahl an Stellplätzen, erst auf Nachfrage nachgebessert würden und nicht etwa vorab bei den notwendigen Prüfungen. Einen Termin bei einem Anwalt zur Beratung haben die Anwohner bereits gemacht.

Überblick: Die Kritikpunkte der Anwohner 

  • Der Neubau reizt das Baufeld maximal aus und überschreitet es sogar um rund vier Quadratmeter.
  • Fast ein gesamtes zweites Geschoss wird durch einen kleinen baurechtlichen Trick untergebracht: ein Mansarddach.
  • Eine Regenwasser-Versickerung ist bei dem großen Dach und dem Grad der Erdboden-Versiegelung schwierig. Sickerschächte sind in der Wohngegend nicht zugelassen.
  • Durch die enge Bebauung und die Höhe des Gebäudes kommt es zu Sicht-Beeinträchtigungen und Schattenwurf.
  • Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen (Besucher, Pflegekräfte und Dienstleister) bedeutet auch eine erhöhte Lärm- und Geruchsbelästigung.
  • Sieben Parkplätze reichen für die Wohngemeinschaft nicht aus. Besucher werden eventuell auf Seitenstreifen ausweichen.
  • Die vorhandenen Straßen können den Verkehr nicht auffangen. Passierende Schulkinder sind gefährdet.
  • Durch die Bebauungspläne erleben die Nachbargrundstücke einen Wertverlust.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Soldaten bekämpfen Flammen im brasilianischen Regenwald

Soldaten bekämpfen Flammen im brasilianischen Regenwald

Frühschoppen und Luftgitarrenwettbewerb im Remmerzelt

Frühschoppen und Luftgitarrenwettbewerb im Remmerzelt

Barnstorfer Ballon-Fahrer-Festival - Teil 2

Barnstorfer Ballon-Fahrer-Festival - Teil 2

Kreisschützenfest in Nordkampen

Kreisschützenfest in Nordkampen

Meistgelesene Artikel

Brokser Heiratsmarkt ist eröffnet: Fünf Tage Ausnahmezustand

Brokser Heiratsmarkt ist eröffnet: Fünf Tage Ausnahmezustand

Der Reload-Freitag: Lautstark und schweißtreibend

Der Reload-Freitag: Lautstark und schweißtreibend

Denise holt sich den Sieg an der Luftgitarre

Denise holt sich den Sieg an der Luftgitarre

Sneaker statt Pumps auf dem Heiratsmarkt

Sneaker statt Pumps auf dem Heiratsmarkt

Kommentare