Bezahlbare Mieten: Gemeinde und Wohnbau Diepholz werden in Brinkum tätig

Antwort auf die „soziale Frage schlechthin“

Vergleichbarer Baustandard: So wie das Gebäude Schloßhof 9 in Syke könnte auch das Mehrparteienhaus in Brinkum aussehen.
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Vergleichbarer Baustandard: So wie das Gebäude Schloßhof 9 in Syke könnte auch das Mehrparteienhaus in Brinkum aussehen.

Gerade in den Nordkreiskommunen ist Wohnraum knapp und teuer. Die Gemeinde besinnt sich auf den Sozialen Wohnungsbau zurück.

  • Ein neues Wohnhaus in Brinkum entsteht.
    Die Miete ist für die ersten zehn Jahre gedeckelt.
    Weitere Projekte könnten folgen.

Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Politik und Verwaltung in Stuhr mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum. Nun hat die Gemeinde ein erstes gemeinsames Projekt mit der Firma Wohnbau Diepholz unter Dach und Fach gebracht. Wie Bürgermeister Stephan Korte und Uwe Tenschert, Geschäftsführer der Wohnbau Diepholz, auf Nachfrage der Kreiszeitung bestätigen, entsteht an der Bahnhofstraße 33 in Brinkum ein Mietshaus für zwölf Parteien.

Auf dem gemeindeeigenen Grundstück befinden sich bereits zwei Mietshäuser. Der für das neue Objekt benötigte Platz wurde im vergangenen Jahr durch den Abriss des alten Verwaltergebäudes des früheren Gaswerks geschaffen. Dort waren zuletzt Asylbewerber untergebracht. Nach Auskunft Tenscherts handelt es sich um eine 1700 Quadratmeter große Fläche, welche die Gemeinde dem Bauherrn auf Erbpacht zur Verfügung stellt. Neben dem Mietshaus entstehen Außenanlagen und Stellplätze. Für Letztere muss die Wohnbau Diepholz das gesamte Areal einbeziehen, alte Garagen etwa müssten laut Tenschert weichen.

„Wir haben gerade den Bauantrag eingereicht“, sagt der Geschäftsführer, der den Baustart für Mitte des Jahres anpeilt. Zwölf Monate später dürften die „überwiegend kleinräumigen“ Wohnungen bezugsfertig sein. Sie seien zwischen 39 und 60 Quadratmeter groß und damit für Singles, Paare und Familien geeignet. Der Baustil entspreche dem des 2020 fertiggestellten Acht-Parteien-Hauses am Schloßhof 9 in Syke, nur mit einer etwas höheren Energieeffizienz, nämlich dem KfW-55-Standard. Stuhrer Ratspolitiker hatten sich vor Ort ein Bild von dem Gebäude gemacht.

Tenschert beziffert die Investitionssumme in Brinkum mit 1,3 Millionen Euro, wovon die Kommune 25 Prozent schultern werde. Anders als in Syke sowie bei den Projekten in Barnstorf und Weyhe kann Stuhr seinen Anteil nicht aus einem Förderprogramm refinanzieren. Das Programm schreibt für die ersten zehn Jahren eine Vermietung ausschließlich an Leistungsbezieher nach dem Sozialgesetzbuch oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz vor.

In Stuhr soll es eine Vereinbarung zwischen Kommune und Wohnbau Diepholz geben, wonach die Miete in den ersten zehn Jahren auf maximal 7,50 Euro pro Quadratmeter festgeschrieben ist. Für die anschließenden zehn Jahre soll es eine „ortsübliche Anpassung“ geben, sodass der bezahlbare Wohnraum für 20 Jahre gewährleistet sei. „Wir verfolgen auch dort keine Gewinnmaximierung“, verspricht Tenschert, der sich durchaus ein zweites Projekt in Stuhr vorstellen könnte. „Bis wir 2018 in Barnstorf tätig geworden sind, hatten wir 20 Jahre nicht gebaut. Wir wollen mehr machen, wenn es adäquate Grundstücke gibt.“ Die Beteiligung einer Kommune an der Wohnbau Diepholz sei für gemeinsame Projekte ein „Türöffner“.

In Stuhr hatte der Rat vor knapp zwei Jahren beschlossen, 3,55 Prozent der gesamten Geschäftsanteile der Wohnbau Diepholz zu erwerben. Mehr als 170 000 Euro ließ sich die Gemeinde das kosten. Bürgermeister Korte spricht von einer strategisch richtigen Entscheidung. Der große Bedarf an günstigen Wohnungen sei „selbstverständlich da bei Preisen von neun Euro pro Quadratmeter in Brinkum“. Gerade der Neuwohnungsbau sei teuer, auch wenn man dies nicht einheitlich für alle Ortsteile sagen könne. Tenschert spricht in zentraler Lage von bis zu elf Euro pro Quadratmeter.

Schon in seinem Wahlkampf 2019 hatte Korte das Thema als „aktuell die soziale Frage schlechthin“ bezeichnet. Auch er kann sich eine weitere Zusammenarbeit mit der Wohnbau Diepholz vorstellen, sollte das erste Projekt zur Zufriedenheit aller umgesetzt werden. „Wir machen das, um Erfahrungen zu sammeln“, sagt Korte.

Die Gemeinde verfüge selbst über 100 Wohnungen, hinzu kämen diverse Flüchtlingsunterkünfte, darunter die kleine Siedlung an der Allerstraße. Ziel sei, diese „natürlich irgendwann“ (Korte) dem Wohnungsmarkt zur Verfügung zu stellen. Dies sei auch realistisch, nur zurzeit einfach nicht möglich. Im Zuge der Pandemie sei die Gemeinde gerade erst von der zentralen zur dezentralen Unterbringung übergegangen. „Nach einem Infektionsgeschehen in einer Sammelunterkunft haben wir flugs zugesehen, dass wir die Menschen auseinanderbekommen“, sagt der Bürgermeister. Soll heißen: Die Migranten wurden einzeln oder in kleiner Zahl in Wohnungen untergebracht, und das wird noch eine Weile so bleiben.

Den Bedarf an bezahlbaren Mieten in Stuhr hatte das Wohnraumversorgungskonzept des Landkreises Anfang Februar 2017 festgestellt. Die Nachfrage nach preisgünstigen und mittelgroßen Mietwohnungen sei der steigenden Zahl an minderverdienenden Haushalten geschuldet, hieß es damals. Corona dürfte die Situation nicht verbessert haben.

Den Anfang der Diskussion markiert die Expertise aber nicht. Den Stein hatte die SPD schon 2014 ins Rollen gebracht, als die Fraktion einen Prüfantrag zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum an die Gemeinde stellte. Als Möglichkeiten nannte die SPD unter anderem, den Kontakt zu einer sozialen Wohnungsbaugesellschaft aufnehmen oder selbst eine solche gründen. Mit der Gründung wurde es nix. Das Projekt mit der Wohnbau Diepholz aber dürfte die Genossen im Nachhinein in ihren Bemühungen bestätigen.

„Selbstverständlich hätten wir uns das eher gewünscht, aber wir sind immer wieder ausgebremst worden“, sagt die SPD-Fraktionsvorsitzende Susanne Cohrs. Doch sie wolle nicht mehr negativ in die Vergangenheit, sondern positiv in die Zukunft blicken. Mit dem Beitritt zur Wohnbau Diepholz sei Schwung in die Sache gekommen. „Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht das letzte gemeinsame Projekt ist“, sagt Susanne Cohrs. „Und wenn sich nichts weiter tut, dann schreiben wir halt wieder einen Antrag.“

Von Andreas Hapke

Auf diesem Grundstück an der Bahnhofstraße 33 in Brinkum soll das Zwölf-Parteien-Mietshaus entstehen.

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