Bei Anke Nesemann lernen geflüchtete Frauen Deutsch und neues Selbstvertrauen

Traumatische Erlebnisse verarbeiten

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Die Skulpturen stellen ebenfalls die Frauen dar.

Brinkum - Von Sandra Bischoff. Koos kommt aus Somalia. Seit zwei Jahren lebt sie in Deutschland, genauer gesagt in Stuhr. Ihre fünf Kinder hat sie in ihrem Heimatland zurückgelassen. Rahna ist mit ihrem damals sieben Monate alten Baby aus Somalia geflüchtet. Ihr sechs Jahre alter Sohn musste dort bleiben. „Die Frauen sind teilweise noch immer stark traumatisiert und müssen die Erlebnisse ihrer Flucht verarbeiten“, sagt Anke Nesemann. In ihrem Sprach- und Kunstworkshop sollen sie lernen, sich zu öffnen.

Seit September läuft das Angebot an jedem Mittwochvormittag im Frauentreffpunkt „Sie(h) da“ unter der Überschrift „Sprache und Kunst – Wir bauen Brücken und entdecken Gemeinsamkeiten“. „Ich wollte etwas anbieten und habe den Kontakt zur Volkshochschule gesucht“, sagt die Heiligenroder Künstlerin. Ihr Anliegen ist es, den Frauen Deutsch beizubringen, damit sie im Alltag zurechtkommen, und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Deshalb wechseln sich Sprachunterricht und kreatives Arbeiten mit Pinsel und Speckstein ab. „Mir ist es wichtig, Erfolgserlebnisse zu schaffen und den Frauen ein einfaches Grundgerüst der deutschen Sprache zu vermitteln. Sie sind sehr stolz auf ihre Fortschritte“, sagt Nesemann.

Zwei bis drei Monate waren die Somalierinnen im Durchschnitt auf der Flucht, einige noch länger. Von Mogadischu, woher die meisten Frauen stammen, machten sie sich zum Teil zu Fuß und mit dem Bus über Äthiopien und dem Sudan nach Tripolis in Libyen auf und von dort mit dem Boot nach Italien. Rhana hatte Glück, ihre Familie hatte Geld gespart, so dass sie einen Teil der Strecke mit dem Flugzeug zurücklegen konnte. Dennoch war auch sie über vier Monate unterwegs, erzählt sie. Viele Familien schicken eine Frau nach Deutschland, praktisch als Hoffnungsträgerin, berichtet Nesemann. Ob die restlichen Verwandten allerdings irgendwann nachkommen können, sei meistens unklar. So wie bei Rhana. „Ich hoffe, dass ich meinen Sohn hierherholen kann, aber ich weiß nicht, ob es gelingt“, sagt sie.

Koos weiß ebenfalls nicht, ob sie ihre fünf Kinder je wiedersieht. Die Frauen wollen versuchen, ihren Familien von Deutschland aus zu helfen. „Man kann sich kaum vorstellen, wie verzweifelt man sein muss, um seine Kinder zurückzulassen“, sagt Nesemann. Die teilweise sehr schmerzlichen Erinnerungen versuchen die Frauen unter anderem in Selbstdarstellungen als Bild oder kleine Plastiken zu verarbeiten. „Es fällt ihnen zunehmend leichter, sich in diesem geschützten Raum, den sie hier vorfinden, zu öffnen“, sagt Nesemann. Das kreative Arbeiten sei sehr wichtig, um den Kopf freizubekommen. Gleich zu Beginn haben Rhana, Koos, Sabad, Amran, Fadamo, Fartune, Namae, Amino, Saynab und Deka ein Bild gemalt, auf dem sie ihre Fluchtwege eingezeichnet haben. Dass die Frauen fast alle aus Afrika stammen, ist Zufall.

Anfangs, so Nesemann, hätten die Teilnehmerinnen sich an die deutsche Form des Unterrichts gewöhnen müssen. „Alle haben durcheinander geredet, und ständig klingelte ein Handy.“ Mittlerweile habe sich eine Art Austausch ergeben: Während die Heiligenroderin den Muslimen erklärt, warum Christen Advent und Weihnachten feiern, berichten die Somalierinnen vom typischen Leben in ihrem Heimatland in Rundhütten mit Lehmböden und Ziegen als Haustieren.

Für Anke Nesemann ist die Konfrontation mit den Schicksalen der Flüchtlinge nicht immer einfach. „Ich muss manchmal auch erst tief durchatmen, wenn sie von ihrer Reise erzählen. Allein als Frauen so lange unterwegs waren sie auch Übergriffen ausgesetzt.“

Dass den Afrikanerinnen, die zwischen 20 und 50 Jahre alt sind, das Angebot im „Sie(h) da“ gut tut, merkt die Organisatorin deutlich. „Sie sind vertrauter geworden mit mir, sie machen auch schon mal Witze und ihre Lebensfreude kommt wieder.“ Was sie am meisten freut: Die Frauen haben einen zweiten Tag in der Woche angeregt. „Das zeigt, dass es ihnen gefällt.“

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