Expertin regt zu offenerem Umgang an

Sexualität im Alter: „Wir brauchen Berührung und Zärtlichkeit“

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Für den Weyher Verein Sprachlos, einer Fachberatung bei sexualisierter Gewalt, war die Diplom-Sozialpädagogin Ursula Reker-Blunk zehn Jahre aktiv. Inzwischen ist sie Paar- und Sexualberaterin in Bremen.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Sexuelle Energie ist Lebensenergie – warum im Alter darauf verzichten? „Es kann nicht sein, dass es dann nur noch um Treppenlifte, Badewanneneinsätze und Rollatoren geht“, sagt die Paar- und Sexualberaterin Ursula Reker-Blunk. „Wir brauchen Berührung und Zärtlichkeit. Das ist existenziell.“ Mit ihrem Vortrag „Sexualität im Alter“ will sie dazu anregen, sich offen mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen – auch im fortgeschrittenen Alter. Sie spricht am Donnerstag, 21. März, um 18 Uhr im Brinkumer Mehrgenerationenhaus.

Nun ist es nicht so, dass sich ihre Ausführungen ausschließlich an 75- bis 80-Jährige richten. „Alter kann früh anfangen. Manche Männer nehmen körperliche Veränderungen schon mit 35 Jahren wahr“, erklärt die Referentin und stellt eine rhetorische Frage: „Ist das, was sich verändert, Schicksal?“ Nein, ist es nicht. Ihre Herangehensweise beruht auf der These, dass Sexualität erlernbar und das Geburtsdatum dafür unbedeutend ist.

„Warum sind Menschen so schnell bereit, ihre Sexualität ins Grab zu legen? Warum sollte man etwas aufgeben, was uns so gute Gefühle verschafft?“ Laut Ursula Reker-Blunk gibt es darauf nur eine Antwort: „Dann kann es so gut nicht gewesen sein.“

Obwohl jeder Mensch mit einem Erregungs- und Orgasmusreflex zur Welt komme, würden einige – „vielmehr Frauen als Männer“ – den sexuellen Höhepunkt nicht kennen. Das Auslösen des Orgasmus beruhe auf einem über Jahre erlernten Muster, beginnend in früher Kindheit. „Da berühre ich mich spielerisch, je nach Offenheit meiner Bezugsperson.“ Körperliche Veränderungen führten dazu, dass man etwas dazulernen müsse. Darum gehe es schließlich in der Sexualberatung: „Was ist an Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen vorhanden? Das muss über den Körper erweitert werden.“

Vertreterin des Sexocorporel-Konzepts

Ursula Reker-Blunk ist eine Vertreterin des Sexocorporel-Konzepts, das von einer Einheit von Körper und Geist ausgeht. „Ich komme immer wieder auf den Körper zurück, denn damit erleben wir Sexualität“, erklärt sie. Durch andere Bewegungen, einen anderen Muskeltonus und eine andere Atmung lasse sich die Erregung steigern. Deshalb leite sie in ihrer Beratung Körperübungen an, die in ihrem MGH-Vortrag aber eine untergeordnete Rolle spielen. Sie wolle Denkanstöße geben.

Was ist, wenn die Anziehung verloren geht? Wie bleibt das Begehren in lange dauernden Partnerschaften erhalten? „An diesen Punkt“, sagt die Bremerin, „gelangen Menschen eher in ihrer Lebensmitte.“ Jeder Partner sei selbst dafür verantwortlich, Begehren aufzubauen. Die Frau mit der großen Oberweite und den hohen Absätzen müsse der Mann nicht unbedingt zuhause vorfinden. Er könne sich aber mit solchen „Anziehungscodes“ in Erregung bringen. „Seine eigene Erregung auslösen: Das ist das Wesentliche in der Sexualität.“

Selbstsicherheit darf nicht vom Partner abhängen

Ähnlich verhält es sich laut Reker-Blunk mit der sexuellen Selbstsicherheit. Die dürfe nicht davon abhängen, ob einen der Partner begehre. Wer seine sexuelle Selbstsicherheit verloren habe und wieder erlangen wolle, müsse sich auf sich selbst besinnen, losgelöst von Partner, Freunden und Medien. „Wenn wir uns an den makellosen Körpern in der Werbung orientieren, sind wir ohnehin verloren.“

In ihren Beratungen fragt Reker-Blunk auch nach unerfüllten Bedürfnissen des einen oder anderen Partners. „Welche persönlichen sexuellen Wünsche fallen ‘runter, die nicht gelebt werden können? Warum war das bis jetzt kein Thema? Welche Schnittmenge gibt es? Was passt da rein?“ Ans Eingemachte geht es, wenn nicht viel reinpasst: Denn dann laute die Frage: „Kann ich zulassen, dass sich der Partner das woanders holt?“

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