Allerleirauh: Es geht weiter

Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch erwacht wieder zum Leben

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Annegret Merke (l.) und Iris Hartwig (Mitte), ehemals bei Allerleirauh aktiv, freuen sich, dass Renate Barandon (2.v.l), Dieter Koczy und Nicole Feldmann-Paske die Anlaufstelle weiterführen.

Stuhr - Von Katharina Schmidt. „Wieso setzt ihr euch mit so einem Thema auseinander? Das ist ja fürchterlich.“ Sätze wie diesen haben die Mitglieder des Arbeitskreises Allerleirauh zu hören bekommen, als sie im Dezember 1992 begannen, gemeinsam gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen vorzugehen. Mittlerweile besteht Allerleirauh seit rund 25 Jahren. Daran, dass eine Präventions- und Anlaufstelle wichtig ist, zweifelt kaum noch jemand.

Passend zum Jubiläum gibt es gute Neuigkeiten: Mit Renate Barandon und Dieter Koczy wollen zwei neue Aktive den Arbeitskreis wieder zum Leben erwecken. Denn um Allerleirauh ist in den vergangenen Jahren ruhig geworden. Sehr ruhig. Praktisch existierte die einstige Anlaufstelle nur noch auf dem Papier. Wer ihre Nummer wählte, wurde per Anrufbeantworter an andere Hilfsangebote verwiesen. Die Ehrenamtlichen haben ihre Arbeit nach Jahrzehnten ruhen lassen. In erster Linie fehlt ihnen Zeit, um weiterzumachen. Nun freuen sie sich, Allerleirauh guten Gewissens übergeben zu können.

Ihre Nachfolger stehen in den Startlöchern. Bevor sie richtig loslegen, ist ein Teamfindungstag im April geplant. Die „Neuen“ kannten sich bis vor Kurzem nicht. Sie haben keine gemeinsame Basis – außer dem Wunsch, zu helfen.

Not und Traurigkeit wurde deutlich

Renate Barandon wohnt noch nicht allzu lange in Stuhr. Um die Lokalpolitikerinnen in ihrer neuen Heimat kennenzulernen, hat sie im vergangenen Sommer an einem „Speeddating“ mit den Ratsfrauen teilgenommen. Dabei erfuhr sie von dem Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch – und davon, dass er vor dem Aus steht. „Ich finde es wichtig, dass so eine Anlaufstelle erhalten bleibt“, sagt Barandon. Sie ist Diplom-Psychologin, hat zudem eine Familientherapie-Ausbildung und ein Studium in Erwachsenenbildung absolviert. Beruflich hatte sie Kontakt zu jungen Frauen, die teils unter schwierigen Bedingungen leben. „Viele konnten sich niemandem wirklich anvertrauen“, bedauert Barandon. „Damals wurde ganz viel Not und Traurigkeit deutlich.“

Auch Dieter Koczy hat mit jungen Menschen gearbeitet. Der 67-jährige Bremer war Lehrer an einer hauswirtschaftlichen Berufsschule. Er erinnert er sich an Situationen, die ihm jetzt, im Nachhinein, verdächtig erscheinen. Zum Beispiel an eine junge Frau, die gesagt habe, dass sie nicht nach Hause will, weil ihr Stiefvater dort ist.

So viel Fachwissen wie Koczy und Barandon hatten die Gründerinnen von Allerleirauh vor 25 Jahren nicht. Eine von ihnen ist Annegret Merke. Sie und ihre Mitstreiterinnen hätten anfangs viel gelesen, Fortbildungen besucht und Filme zum Thema geschaut, erinnert sie sich. Damals sei das Thema sexueller Missbrauch noch nicht so präsent gewesen. „Ganz ehrlich: Wir haben am Anfang unheimlich viel geweint“, erzählt sie. Es sei erschreckend gewesen, von all dem Leid zu erfahren.

Ausstellungen, Vorträge und Theater

Das Team hat im Lauf der Jahre unter anderem Ausstellungen, Vorträge und präventive Theaterstücke organisiert. Außerdem waren die Frauen bei Veranstaltungen wie dem Kinderkulturfest oder dem Weihnachtsmarkt präsent. Als Teil eines kreisweiten Präventionsnetzwerkes pochten sie – mit Erfolg – auf eine hauptamtliche Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch im Landkreis. Nicht zuletzt hatten sie ein Ohr für Betroffene und vermittelten sie an professionelle Helfer. All das erreichten sie dank Spenden und der Unterstützung der Gemeinde.

Alle Beteiligten freuen sich, dass jetzt mit Koczy erstmals ein Mann mit im Boot ist. Immerhin würden nicht nur Mädchen missbraucht. „Das körperliche Gewalt auch von Frauen ausgehen kann, wurde lange tabuisiert. Wenn, dann war ein Mann der Böse und ein Mädchen das Opfer“, sagt Barandon diesbezüglich.

Neben ihr und Koczy gehört die Gleichstellungsbeauftragten Nicole Feldmann-Paske zum neuen Team. Mehr noch: Sie hat die „Wiederbelebung“ von Allerleirauh initiiert. Wer von Missbrauch betroffen ist oder sich dem Arbeitskreis anschließen will, kann Feldmann-Paske unter 0421/56 95 321 anrufen.

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