Für Ansiedlungen sind in Seckenhausen und Brinkum zurzeit zwei Hektar in der Vermarktung

„Achten immer auf Qualität des Gewerbes“

Ein Teilbereich der Potenzialfläche für Gewerbe an der Bremer Straße.
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Ein Teilbereich der Potenzialfläche für Gewerbe an der Bremer Straße.

Stuhr – Zum Jahresende hat die Gemeinde den erfolgreichen Umzug der Firma Becomix von der Henlein- an die benachbarte Bergiusstraße vermeldet (wir berichteten). Anlass genug, mit dem Bürgermeister Stephan Korte und dem Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier über die Entwicklung des Gewerbes in Stuhr zu sprechen.

Eine ortsnahe Erweiterung wie die von Becomix innerhalb Stuhrs – wie oft kommt das eigentlich vor?

Wimmelmeier: Die Erweiterung oder der Umzug eines Unternehmens innerhalb der Gemeinde ist nicht total ungewöhnlich. So sind in der Vergangenheit zum Beispiel die Druckerei Koopmann und die Firma Dzierzon vom Gewerbegebiet Stuhrbaum beziehungsweise Brinkum-Nord in das Gewerbegebiet Brinkum-Süd gezogen. Aber ein Umzug in die direkte Nachbarschaft ist eher selten. Das haben wir in gewachsenen Gebieten in der Regel nicht, da die Flächen dort sukzessive verkauft werden. Ein Betrieb, der sich dann später flächenmäßig weiterentwickeln möchte, müsste das entweder mit benachbarten Eigentümern regeln oder an anderer Stelle suchen.

Korte: Becomix ist ein großer Arbeitgeber für Stuhr und zudem Weltmarktführer auf seinem Gebiet. Insofern haben wir uns sehr gefreut, dass wir hier eine Lösung anbieten konnten. Aber so oder so: Wir strengen uns bei jedem Unternehmen gleich an, individuelle Lösungen zu finden.

Die Kehrseite der Medaille ist der verlassene Firmensitz an der Henleinstraße. Wie schnell lassen sich erfahrungsgemäß solche Leerstände beseitigen?

Wimmelmeier: Wenn ein Objekt auf den Markt kommt, ist es zurzeit relativ schnell wieder verkauft oder vermietet. Ausnahmen sind vielleicht alte Logistikhallen. Aktuell haben wir nur marginale Leerstände in Stuhr. Wir arbeiten eng mit Maklern zusammen. Ziel ist eine hohe Wertschöpfung bei allen gewerblichen Grundstücken.

Am schönsten wäre genügend Platz für neue Gewerbegebiete, doch der ist in der Gemeinde endlich. Wo gibt es aktuell noch Flächen für interessierte Unternehmen?

Korte: Es gibt die beiden neuen Gewerbegebiete in Seckenhausen an der B 51 und in Groß Mackenstedt am Birkenweg. Zudem jeweils eine optionierte Fläche in Stuhrbaum und Brinkum, für die wir Gespräche führen. Das sind zurückerworbene Grundstücke, die wir wieder verkaufen.

Gibt es schon Anfragen für die Gewerbegebiete?

Wimmelmeier: Ja. Für Seckenhausen sind sie bereits konkret. Da haben wir den Bebauungsplan im Herbst 2020 beschlossen. In Groß Mackenstedt müsste das im kommenden Frühjahr der Fall sein. Auch für dieses Gebiet gibt es Anfragen, aber konkrete Aussagen von uns sind noch nicht möglich. Erst wenn der B-Plan verbindlich ist, kontaktiere ich die Interessenten. Dann geht es an die Zuschnitte der Grundstücke. Insgesamt sind zurzeit zwei Hektar in Seckenhausen und Brinkum-Süd in der Vermarktung.

Korte: Wir verständigen uns gerade mit den Interessenten, wie es passen könnte.

Wo gäbe denn der Flächennutzungsplan die Ausweisung weiterer Gewerbeflächen überhaupt noch her?

Korte: In Brinkum-Mitte, gegenüber dem Klinikum an der Bremer Straße, sind geeignete Flächen im F-Plan ausgewiesen. Das wären etwa 15 Hektar. Nur können wir dort noch nicht loslegen, weil das maßgeblich vom Streckenverlauf der „Bundesstraße 6 neu“ abhängt. Den kennen wir aber noch nicht. Die Planung dafür ist Anfang des Jahres in die Kompetenz des Bundes übergegangen. Darauf setzen wir unsere Hoffnung.

Wimmelmeier: Ein weiteres größeres Areal weist der F-Plan für Varrel aus, an der Delmenhorster Straße. Insgesamt beläuft sich die Planungsreserve für Brinkum und Varrel auf 20,5 Hektar. Hinzu kommen ein paar Gewerbesplitter, die an bestehende Industriegebiete andocken. Diese Arrondierungsflächen machen nochmal etwa 1,5 Hektar aus. Aus verschiedenen Gründen, zum Beispiel der Bodenqualität, dem Planungsaufwand oder dem Grundstückszuschnitt, wurden diese Flächen bislang nicht entwickelt. Der hohe finanzielle Erschließungsaufwand hätte in keinem vernünftigen Verhältnis zum Flächenertrag gestanden.

Korte: Wir sind aber dabei, auch hier nach individuellen Lösungen zu suchen.

Kommen denn F-Plan-Änderungen infrage? Das Gewerbe konkurriert ja mit anderen Nutzungen wie Naherholung, Wohnbebauung und Landwirtschaft.

Korte: Wir sind gehalten, für jede Gewerbefläche einen Ausgleich zu schaffen, Flächen aufzuwerten und als naturschutzrelevant auszuweisen. Das wird zunehmend schwierig. Wir sind die Gemeinde mit den meisten Gewerbeflächen im Umkreis Bremens, von Delmenhorst mal abgesehen. Sich von diesem hohen Niveau weiterzuentwickeln, ist nicht leicht. Die Frage ist auch: Wie bekomme ich einen Gleichklang hin? Es ist kein Geheimnis, dass viele Stuhrer die Beeinträchtigungen durch Verkehr und Immissionen als nachteilig für die Wohn- und Lebensqualität sehen. Auch deshalb habe ich die Bürgermeister-AG Gewerbeentwicklung einberufen. Ziel der AG ist es, sich im Dialog zwischen Verwaltung und Politik ein einheitliches Bild zu verschaffen und gemeinsam Strategien zu entwerfen.

Vor fünf Jahren hatte die Gemeinde ein Büro mit der Suche nach Potenzialflächen beauftragt. Sind die Vorschläge abgearbeitet?

Wimmelmeier: Die Studie ist ja der Politik vorgestellt und diskutiert worden. Sie ist auch noch nicht komplett vom Tisch. Es ist ein Fundus, mit dem man sich weiter beschäftigen wird. Sind die Flächen politisch gewollt? Wie ist die Verkehrsanbindung, auch durch den öffentlichen Personennahverkehr? Solche Fragen wären zu klären. Und wie sieht es mit der Nähe zu Siedlungen aus? Wieviele Flächen kommen dann noch infrage? Wir haben kaum noch Räume, wo Nutzungen nicht konkurrieren. Da geht es uns anders als zum Beispiel Kommunen im Süden des Landkreises, wo die Besiedelungsdichte nicht so hoch ist.

Wie wirkt sich die Knappheit auf den Preis aus?

Wimmelmeier: Bei neuen Flächen sehr. Der Bodenrichtwert verzeichnete in den vergangenen Jahren immer zweistellige Prozentzuwächse. Wenn man dem allgemeinen Tenor folgt, sind die Preise weiter gestiegen.

Im Bürgermeisterwahlkampf wurden Stimmen laut, bei Ansiedlungen auf die Qualität der Unternehmen zu achten. Verfährt Stuhr inzwischen so?

Wimmelmeier: Das hat die Gemeinde schon immer getan. Wir haben unsere politischen Leitlinien. Dies gilt aber nur für Flächen, die wir verkaufen. Auf privat verkaufte Grundstücke hat die Kommune keinen Einfluss. Wie viele Arbeitsplätze schafft der Betrieb? Bildet er aus? Ist es die Hauptniederlassung oder nur eine Filiale? Wie sind die Entwicklungspotenziale? Welcher Branche gehört der Betrieb an? Und: Ortsansässige Betrieb haben Vorrang.

Korte: Die Nutzung einer Gewerbefläche als Lagerplatz ist natürlich nicht immer wertschöpfend. Häufig gibt es bessere Nutzungsalternativen mit deutlich höherer Wertschöpfung für ein Grundstück. Hier wollen wir uns in Zukunft noch stärker als bisher systematisch als Berater für Firmen anbieten, die den Betrieb nicht aufrechthalten können.

Welche Branchen zieht es bevorzugt nach Stuhr? Und fragen auch bekannte „Big Player“ Gewerbeflächen an?

Wimmelmeier: Wir haben viele Großhandelsbetriebe, auch Online-Versandhändler. Maschinenbauunternehmen und andere gewerblich tätige Firmen sind ebenfalls stark vertreten. Ansonsten zeichnet uns Vielfalt aus, sowohl bei den Branchen als auch bei den Betriebsgrößen. Wir haben immer mal Anfragen von ganz großen Unternehmen gehabt. Doch mit 50 Hektar für ein Unternehmen können wir leider nicht dienen. Das ist bei unserer Größe quasi ein ganzes Gewerbegebiet. In unserem Fokus stehen Anfragen kleiner und mittelgroßer, leistungsfähiger Mittelständler. Dabei haben wir den Blick auf die örtlichen Firmen. Denen wollen wir eine Perspektive bieten. Sie sind unsere verlässlichen Partner.

Wie attraktiv ist Stuhr für Start-ups?

Wimmelmeier: Hier und da, etwa in Brinkum-Mitte am Rodendamm, haben Investoren kleine Gewerbeeinheiten geschaffen, in der Größenordnung 150 bis 200 Quadratmeter. Die sind speziell geeignet für junge Unternehmen und werden nachgefragt. Da profitiert Stuhr von der Verkehrsanbindung und der Nähe zu Bremen.

Früher herrschte unter den benachbarten Kommunen ein Konkurrenzdruck bei der Gewerbeansiedlung. Gibt es ein Denken in Regionen?

Wimmelmeier: Mir ist wichtig, dass ein Betrieb gut existieren kann. Wenn eine ortsansässige Firma in der Nachbarschaft eine Gebrauchtimmobilie findet, die eins zu eins passt, dann ist das auch für die Region gut. Wir arbeiten ja schon zusammen und unterstützen uns gegenseitig.

Korte: In der Regel haben sich die Unternehmen schon aus erster Hand informiert, was in den Nachbargemeinden geht und was nicht.

Welche langfristigen Perspektiven eröffnet dem Gewerbe die Straßenbahnlinie 8?

Korte: Klar ist, dass die wenigsten Gewerbegebiete über die Straßenbahn erschlossen werden, mal abgesehen von Moordeich und Stuhrbaum. Mit dem Bau der Linie 8 wird auch eine bessere Abstimmung der ergänzenden Busverkehre einhergehen. Das Ziel muss dann die Erweiterung des Busangebots sein, das Ausrichten der Taktung auf die Bahn. Damit können wir viel für die Arbeitnehmer beziehungsweise die Erreichbarkeit der Firmen verbessern. Wir können den Lebensraum effektiver gestalten durch bessere Anbindungen. Ich baue ganz stark auf die Linie 8.

Wimmelmeier: Die Linie 8 macht es für Betriebe nochmal attraktiver. Vielleicht tragen sich viele Arbeitnehmer auch mit Nachhaltigkeitsgedanken.

Korte: Teile der jüngeren Generation möchten gar kein Auto mehr fahren. Eine häufige Kritik bei Firmenbesuchen ist die am Busangebot. Viele Arbeitnehmer haben kein Auto. Sie können es sich nicht leisten oder es gehört nicht zu ihrem Lebenskonzept. Hier kann die Linie 8 eine echte Chance bieten.

Von Andreas Hapke

Noch mehr Betriebe passen nicht auf die Tafel für das Gewerbegebiet Varrel. Platz für Ansiedlungen gibt es aber an der Delmenhorster Straße noch.

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