Stadtplaner Christian Strauß ist der Stadtradeln-Star der Gemeinde Stuhr

„300 Kilometer sollte ich schaffen“

Seit zehn Jahren verzichtet Stuhrs Stadtplaner Christian Strauß auf ein Auto. Foto:
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Seit zehn Jahren verzichtet Stuhrs Stadtplaner Christian Strauß auf ein Auto.

Stuhr - Von Andreas Hapke. Die Gemeinde Stuhr beteiligt sich wieder am bundesweiten Wettbewerb Stadtradeln des Klima-Bündnisses. Seit dem 25. Mai geht es darum, drei Wochen lang möglichst viele Alltagswege klimafreundlich mit dem Fahrrad zurückzulegen (wir berichteten). Jede Gemeinde benennt einen sogenannten Stadtradeln-Star, der für die Dauer des Wettbewerbs komplett auf das Auto verzichtet. In Stuhr fällt diese Aufgabe dem Stadtplaner Christian Strauß zu. Warum er damit kein Problem hat und was er unter Rücksicht im Straßenverkehr versteht, erzählt er im Gespräch mit der Kreiszeitung.

Herr Strauß, das Stadtradeln läuft schon eine Weile. Kennen Sie Ihren aktuellen Kilometerstand?

Im Laufe des Donnerstags waren es mal 201. Ich trage das nicht täglich ein. Kann sein, dass es mal einen Sprung gibt, vor allem nach dem Wochenende ist das so.

Zurzeit sind für Sie 212 Kilometer vermerkt. Jede Kommune schickt einen sogenannten Stadtradeln-Star ins Rennen. Was hat Ihre Kollegen bewegt, Sie zu nominieren?

Ziel des Projekts ist es, 21 Tage am Stück nur das Rad zu nutzen. Ich komme ja seit einer gefühlten Ewigkeit mit dem Rad zur Arbeit. Deshalb wurde ich als potenzieller Kandidat gefragt, ob ich das täglich erledigen kann. Für mich ist das kein Problem. Vor drei Jahren war ich schon einmal Stadtradeln-Star. Darum dachte ich zuerst, es wäre besser, wenn ein anderer Kollege dies übernehmen könnte. Doch Natur- und Klimaschutz funktionieren nur mit Nachhaltigkeit, deshalb wollte ich zeigen, dass man Stadtradeln auch als Endlosprojekt betreiben kann.

Wie viele Kilometer legen Sie denn täglich zurück?

Hin und zurück sind es 17 Kilometer, wenn ich von der Bremer Neustadt über die Kattenturmer Heerstraße und die Bremer Straße nach Stuhr fahre. Manchmal nehme ich aber die schönere Strecke. Dann fahre ich entlang des Werdersees nach Norden, über die Langemarckstraße und das Kleingartengebiet am Flughafen zum Park links der Weser und komme an der Kladdinger Straße raus. Das sind insgesamt 21 Kilometer.

Wann sind Sie auf die Idee gekommen, vom Auto aufs Rad umzusteigen und warum?

Das liegt schon über zehn Jahre zurück. Wir haben das Auto abgegeben, als unsere Tochter alt genug war, um alleine in die Schule zu gehen. Ich habe Autofahren in Bremen immer als Ärgernis empfunden. Nie findet man einen Parkplatz, man verzettelt sich in Einbahnstraßen, alles dauert viel zu lange. Ohne Auto zahle ich keine Steuern, keine Versicherung, keine Reparaturen, keine Knöllchen, keinen Reifenwechsel, keinen Ölwechsel, keine Inspektion und muss nicht tanken. In gewissen Situationen ist das zwar ein Komfortverlust. Für längere Strecken etwa muss man auf die Bahn umsteigen, doch deren Komfort ist ja auch anders als vor 20 Jahren.

Fällt Ihnen überhaupt eine Situation ein, in der Sie ein Auto für unverzichtbar halten würden?

Außer in Notfällen wüsste ich da nichts. Wenn es – rein hypothetisch – in meiner Familie zu einem medizinischen Notfall kommen würde, wäre ich von mir aus mit dem Auto schneller im Rotkreuz-Krankenhaus, als wenn ich erst auf den Rettungswagen warten würde. Den täglichen Einkauf kann ich komfortabel umgehen, denn der Discounter ist gleich um die Ecke. Größere Dinge kann ich mir auch liefern lassen. Mit einem Bonuspunkte-System ist die Lieferung oft auch gratis.

Sind Sie auch in Ihrer Freizeit ein begeisterter Radfahrer?

Auch da bin ich überwiegend mit dem Rad unterwegs, zum Beispiel wenn ich Freunde besuche. Größere Touren mache ich aber eigentlich nicht.

In Corona-Zeiten haben die Menschen offenbar ihre Liebe zum Drahtesel entdeckt. In den Fahrradläden brummt es. Nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Das ist mir so nicht aufgefallen. Wir hatten in den vergangenen Wochen auch schönes Wetter, da liegt es in der Natur der Sache, dass mehr Radler draußen sind. Doch dass die Leute jetzt umsteigen, weil es ihnen mit dem ÖPNV vielleicht zu gefährlich ist, kann ich so nicht bestätigen.

Sie selbst fahren bei Wind und Wetter?

Bei schlechtem Wetter nutze ich auch den Bus. Ebenso im Winter.

Seit Ende April gibt es in der Straßenverkehrsordnung diverse Änderungen zum Schutz der Radler, innerorts zum Beispiel müssen Autofahrer zu ihnen einen Abstand von 1,5 Meter einhalten. Radfahrer dürfen jetzt auch nebeneinander herfahren. War die Novelle überfällig?

Wenn man sich die Unfallstatistik anschaut, war es sicher wichtig zu handeln. Zum Teil geht das aber an der Realität vorbei. In der Stadt ist es mitunter so eng, dass der Autofahrer diesen Abstand nicht einhalten kann. Und wenn, landet er im Gegenverkehr. Überholt er deshalb nicht, bildet sich hinter ihm eine Schlange. Ich persönlich fahre in solchen Fällen rechts ran und lasse die Schlange passieren, das ist für alle am sichersten. In Paragraf 1 der StVO steht, die Teilnahme am Straßenverkehr erfordere ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Sicher können Radfahrer zu zweit nebeneinander fahren, aber sie müssen es ja nicht. Die Novelle ist kein Freibrief für Rücksichtslosigkeit.

Sind Sie selbst schon in eine brenzlige Situation geraten?

Da gibt es so Klassiker, etwa wenn junge Menschen die Straße queren und dabei nur auf ihr Handy achten. Auch bei Radfahrern erlebe ich regelmäßig Rücksichtslosigkeit, wenn sie sich mit hoher Geschwindigkeit an anderen Verkehrsteilnehmern vorbeischlängeln. Besonders begeistert bin ich, wenn sie noch Kopfhörer aufhaben und Sonnenbrillen mit Scheuklappen tragen.

Vergessen Sie mal für eine Frage, dass Sie in der Gemeindeverwaltung arbeiten. Ist Stuhr eine fahrradfreundliche Kommune?

Das kann ich gar nicht so richtig beantworten. Ich bin ja immer auf denselben Strecken unterwegs, 90 Prozent des Gemeindegebiets durchfahre ich gar nicht. Dass ich mal mit dem Rad zu einem Termin nach Heiligenrode oder Groß Mackenstedt fahre, ist eher die Ausnahme. Wenn ich aber meinen Teil der Strecke auf Stuhrer und Bremer Seite vergleiche, muss ich feststellen: Stuhr ist ganz gut aufgestellt. Mit dem Rad auf der Kattenturmer Heerstraße fahren, ist für Radler eine Tortur. Da sind Sie froh, wenn Sie die Ochtum überqueren und einen akzeptablen Radweg haben.

Haben Sie sich als Stadtradeln-Star eigentlich ein Ziel gesetzt?

Anfangs nicht, aber inzwischen denke ich, dass ich 300 Kilometer schaffen sollte.

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