Teamarbeiterin mit Entwicklungsdrang

25 Jahre als Pastorin: Eike Fröhlich aus Stuhr-Varrel spricht über den Wandel in ihrem Job

Pastorin Eike Fröhlich sitzt an einem Blumenbeet
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Seit 2007 in Varrel: Pastorin Eike Fröhlich.

Eike Fröhlich stammt nach eigener Auskunft nicht aus einem besonders geistlichen Haus. „Für mich war vieles nicht selbstverständlich, was für andere, kirchlich Aufgewachsene selbstverständlich war. Ich musste mir vieles erarbeiten.“ Inzwischen ist sie seit 25 Jahren als Pastorin tätig. Beruflicher Werdegang und beruflicher Wandel – darauf blickt sie im Gespräch mit der Kreiszeitung zurück.

Varrel - Ein einziger Tag war möglicherweise ausschlaggebend dafür, dass aus Eike Fröhlich eine Pastorin wurde: der Tag ihrer Konfirmation. Viel lieber wollte sie an jenem Sonntag mit ihrer Handballmannschaft, deren Spielführerin sie war, an der Endrunde zur Norddeutschen B-Jugend-Meisterschaft teilnehmen. Ihr Pastor und ihre Eltern haben ihr das schließlich auch ermöglicht. Sie wurde in einer früheren Gruppe eingesegnet, fuhr dann noch kurz mit ins Restaurant, um dort wenig später abgeholt und zum Handball gefahren zu werden. Das erste Spiel ging in ihrer Abwesenheit verloren, zwei Siege reichten aber noch zur Vizemeisterschaft. Die und die Konfirmation wurden abends noch kräftig im elterlichen Keller gefeiert.

„Diese Geschichte“, sagt Fröhlich, „erzählt etwas über mich. Ich habe erfahren, dass der Pastor mich ernstgenommen hat. Er sagte: Wichtig sei der Glaube, und der hänge nicht nur an der Konfirmation.“ Sie habe erlebt, dass die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit anerkannt werden. „So, wie ich bin, war ich willkommen in der Kirche. Das war und ist bedeutend für mich.“ Und es sei ausschlaggebend für die Frage: „Wie kann ich den Menschen den Zugang zum Glauben verschaffen?“

Geschenk des Himmels

Ihr damaliger Pastor sei ein Geschenk des Himmels gewesen, sagt Fröhlich. Er habe einen großen Einfluss auf ihren beruflichen Werdegang gehabt, der mit ihrer Ordination in Rellingen (bei Hamburg) begann. Die Zeremonie hochfeierlich, sie hochschwanger. „Es war anstrengend, an die Predigt erinnere ich mich nicht mehr.“

Danach ging es sofort ins Auslandsvikariat auf Zypern. „Mein erster Mann war Zypriote“, berichtet Fröhlich. Gemeinsam mit einem Kollegen gründete sie auf der Insel eine deutsche Gemeinde. „Wir mussten die Menschen davon überzeugen, dass sie für die Kirche zahlen sollen. Klinken putzen war das.“ Doch es habe sich gelohnt: Rund 40 Mitglieder zählte die Gemeinde, als Fröhlich Zypern nach einem Jahr wieder verließ. Heute gebe es dort ein Wohnhaus für den Pastor und ein kleines Gemeindehaus. „Normalerweise wird man auf eine feste Stelle ordiniert“, erklärt Fröhlich. Bei ihr sei es so gewesen, dass sie eine Legitimation für die Arbeit als weibliche Geistliche im Ausland benötigt habe. Nach diversen Stationen in Norddeutschland (siehe Infokasten) landete sie 2007 in Varrel.

Wenn Eike Fröhlich heute auf ein wechselhaftes Vierteljahrhundert in dem Job zurückblickt, dann hat eins nach wie vor Bestand: „Ich wollte die Menschen immer begeistern vom Glauben, in Kontakt mit Gott bringen – so, dass sie es verstehen.“ Ihre Berufsideale seien stets dieselben gewesen. „Egal, wo ich gearbeitet habe und in welcher Zeit.“

Dass die Digitalisierung ihre Arbeit verändert hat – geschenkt. „An Zoom-Gottesdienste habe ich vor zehn Jahren noch nicht gedacht“, sagt Fröhlich. Der Rückgang bei der Zahl der Pastoren hingegen war schon präsent. Vor 25 Jahren habe es zu viele Berufsanfänger gegeben, nicht jeder mit zweitem Staatsexamen habe eine Stelle bekommen, erinnert sich Fröhlich. Heute gebe es zu wenige Pastoren. Mehr noch: „Es ist abzusehen, dass wir katastrophal wenige sein werden.“

Positiv sei, dass dadurch die Wertschätzung gegenüber den Geistlichen steige. Im Gegenzug werde der Wirkungskreis eines einzelnen Pastors größer. Früher hatte die Kirchengemeinde Varrel eine volle Stelle, bei Fröhlich sind es 75 Prozent, „und im Zukunftspapier ist von 50 Prozent die Rede“. Für ihre volle Stelle betreut sie mit 25 Prozent noch die Kirchengemeinde Stuhr.

„Trotzdem muss die Arbeit noch Spaß machen“

Aus dieser Situation heraus wurde der Entwicklungsraum Delmenhorst, Stuhr, Varrel geboren, in dem sechs Kirchengemeinden mit 15 Pastoren gemeinsame Sache machen. „2030 werden wir nur noch zu neunt sein. Da ist es sinnvoll, dass wir uns jetzt strukturieren. Nicht erst, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Trotzdem muss die Arbeit noch Spaß machen.“

Sie freue sich über die zunehmende Einsicht in Teamarbeit. Am Anfang ihrer Karriere habe sie auf Granit gebissen, sei nur auf Einzelkämpfer und Platzhirsche gestoßen. „Dass man mal eine Predigt weitergibt, ist erst mit den Jahren gekommen. In Zukunft ist Zusammenarbeit der einzige Weg.“

Ob bei Trauungen, Taufen oder Konfirmationen: Bei Feiern habe sie es immer mehr mit Menschen zu tun, die nicht in der Kirche sind. „Sie hat als Institution an Ansehen verloren“, sagt die 55-Jährige. Selbst unter Gemeindemitgliedern sei es nicht mehr selbstverständlich, kirchlich zu heiraten. Und Gottesdienste seien nicht mehr der Ort, wo sich die Gemeinde versammelt. Das habe nichts mit Corona zu tun. Mehr denn je würden sich die Menschen fragen: Was ist gut für mich? „So denke ich doch auch“, gibt Fröhlich zu. Da gebe es zum Beispiel das Bedürfnis nach Spiritualität, „etwas, was unser Leben übersteigt. Doch das suchen die Leute nicht in der Kirche“, hat die Pastorin festgestellt. Deshalb mache sie Angebote für Suchende und Zweifelnde, etwa Meditationsgruppe und Pilgerfahrten. Die Leute da abholen, wo sie stehen, auf die Menschen zugehen: Das sei früher wichtig gewesen, als sie in einem Projekt im ländlichen Raum mehrere Dörfer betreut hatte. „Und das finde ich immer noch wichtig.“

Sie brauche es selbst, sich neuen Situationen zu stellen. Darin lag auch ihre Bewerbung auf die Pastorenstelle in Hude begründet. „Ich möchte mich weiterentwickeln und motiviert bleiben“, sagt sie. Momentan habe sie diese Herausforderung mit dem Entwicklungsraum. „Ich kann mitgestalten, Strukturen neu entwickeln. Ich arbeite nicht mehr alleine, sondern im Team. Das habe ich jetzt auch in Varrel. Ich bin nicht mehr auf dem Absprung.“

Inzwischen sei sie sogar dankbar, dass es mit Hude nicht geklappt habe. „Es ist gut für mich, während der Pandemie in einer mir bekannten Gemeinde zu sein; zu wissen, wie die Menschen ticken. Das ist ein Stück Vertrautheit und Sicherheit für beide.“ Diese Rückmeldung habe sie auch schon von den Menschen bekommen. Varrel sei eine tolle Gemeinde. „Aber ich habe noch zwölf Jahre als Pastorin“, sagt Fröhlich. „Ich denke schon, dass ich noch mal woanders arbeiten werde. Doch wenn ich wechsle, muss es wirklich eine Veränderung sein.“

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