1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz

Stürmische Zeiten für Waldbauern

Erstellt:

Von: Anke Seidel

Kommentare

Erfahrener Waldbauer: Andreas Schütze, Vorsitzender des Forstverbands.
Erfahrener Waldbauer: Andreas Schütze, Vorsitzender des Forstverbands. © Jantje Ehlers

Im Forstverband der Grafschaften Hoya und Diepholz sind die privaten Waldbesitzer organisiert. Ihre Forstbetriebsgemeinschaft steht vor einem grundlegenden Systemwechsel bei der Beratung und Betreuung – und damit vor nie gekannten Herausforderungen. Im Interview nimmt dazu Andreas Schütze Stellung, seit September Vorsitzender des Forstverbands. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Schütze, fegt gerade – bildlich gesprochen – ein Sturm wie Kyrill über den Forstverband hinweg, weil die traditionelle Partnerschaft mit der Landwirtschaftskammer endet?

Als Kyrill würde ich es nicht bezeichnen. Aber es ist so, dass das Landwirtschaftsministerium ein gut funktionierendes System verändern will. Es sieht sich gezwungen, aufgrund von wettbewerbs-, vergabe- und beihilferechtlichen Vorgaben das bisherige System der Finanzierung der Beratungs- und Betreuungsdienstleistungen durch die Landwirtschaftskammer zu ändern. Die Auswirkungen sind noch nicht absehbar. Zunächst ist vorgesehen, dass es eine Pilotphase gibt, an der nach jetzigem Stand acht bis neun Forstbetriebsgemeinschaften teilnehmen werden. Sie sollen im März an den Start gehen. Ab 1. Januar 2024 sollen dann alle niedersächsischen Forstbetriebsgemeinschaften mit dem neuen System starten – obwohl die Evaluation aus dem Pilotprogramm erst im dritten Quartal 2024 endet. Das widerspricht sich.

Welche Auswirkungen hat das auf Privatwaldbesitzer, wie sie im Forstverband organisiert sind?

Wir Waldbauern sind im Augenblick sehr damit beschäftigt, auf den Klimawandel zu reagieren und unsere Wälder den klimatischen Veränderungen anzupassen. Zum einen ist das ein großer Kraftakt – und zum anderen müssen wir unsere Forstbetriebsgemeinschaft dann komplett neu organisieren. Zum jetzigen Zeitpunkt so einen Systemwechsel auf den Weg zu bringen, ist äußerst ungünstig. Zumal die derzeitige Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer, also den Bezirksförstern, gut funktioniert – weil jeder Förster seinen Bezirk hat und im Prinzip alle seine Waldbauern kennt.

Das neue System erschwert also die Arbeit?

Dazu muss man wissen: Wir haben im Bereich Weser-Ems eine andere Waldgrößenstruktur als in den Forstbetriebsgemeinschaften im östlichen Niedersachsen, das erleichtert dort den Systemwechsel. Wir im Forstverband der Grafschaften Hoya und Diepholz haben rund 10 000 Hektar Mitgliedsfläche bei rund 1 500 Mitgliedern. Im Schnitt sind es also sieben Hektar pro Betrieb. Da es aber auch größere Forstbetriebe gibt, haben wir also auch viele kleinere Waldbesitzer darunter. Aber mit dem neuen System gilt für alle: Es müssen drei verschiedene Angebote für die Betreuung und Beratung eingeholt werden. Dann muss das wirtschaftlichste Angebot ausgewählt werden. Der neue Dienstleistungsvertrag wird dann für fünf Jahre abgeschlossen. Außerdem muss die Forstbetriebsgemeinschaft dafür ein neues Abrechnungssystem aufbauen.        Ein neuer Dienstleiter müsste ja alles erst mal kennenlernen. Das dauert. Deshalb ist eine effiziente Arbeit zunächst einmal nicht möglich. Die jetzigen betreuenden Förster aber wissen, um welche Fläche es geht.

Das Land bezuschusst diese Beratungsleistungen der Bezirksförster für die Forstbetriebsgemeinschaft ja. Das ist der Punkt, warum die gelebte Praxis nicht mehr rechtskonform ist?

Die Landwirtschaftskammer erhält vom Land einen Zuschuss, damit die Arbeit der Bezirksförster für die Forstbetriebsgemeinschaft kostendeckend erfolgen kann. Nach Auffassung des Landwirtschaftsministeriums widerspricht das aber dem Vergabe-, Wettbewerbs- und Beihilferecht der EU. Hierzu gibt es aber unterschiedliche juristische Meinungen.

Alles wird komplizierter – und alles wird teurer?

Es ist noch nicht überschaubar, wie viel Mehraufwand – zeitlich, finanziell und personell – mit dem neuen System auf die Forstbetriebsgemeinschaft zukommt. Wir bauen wahrscheinlich einen Riesen-Verwaltungsapparat auf. Aber die Fördermittel, um die es geht, bleiben gleich. Unter dem Strich führt das alles zu mehr Kosten und womöglich zu einer schlechteren Betreuung der Betriebsflächen, wenn neue Kräfte erst einmal neue Kenntnisse über die Beschaffenheit dieser Flächen erwerben müssen. Wir fragen uns schon: Ist das alles noch leistbar mit unseren Strukturen? Das System wird nicht effizienter, und es kommt möglicherweise weniger bei den Waldbauern an. Das ist unsere Befürchtung.

Könnte das im Extremfall dazu führen, dass Privatwaldbesitzer ihre Flächen verkaufen müssen?

Ein klares Nein! Die Frage ist eher, ob die nachhaltige Bewirtschaftung der Forstflächen durch den Systemwechsel dauerhaft gewährleistet ist.       Außerdem: Die Forstbetriebsgemeinschaft arbeitet – bis auf unseren Geschäftsführer – ehrenamtlich. Man muss sich fragen, ob man mit den geplanten Änderungen nicht das Ehrenamt kaputtmacht, weil diesen enormen Aufwand eigentlich nur noch Hauptamtliche leisten können. Hinzu kommt ja noch die Frage des Haftungsrechts.

Was bedeutet der Klimawandel für Waldbauern ganz praktisch?

Eine große Herausforderung! Durch Stürme, extreme Trockenheit und den Borkenkäfer-Befall ist viel Schadholz entstanden, das aufgearbeitet werden musste. Das Holz ist kalamitätsbedingt oft qualitativ minderwertig, zudem war der Holzpreis, bedingt durch ein Überangebot, lange Zeit im Keller. Außerdem hätten viele Bäume ja noch viele Jahre wachsen und reifen können. Dadurch ist ein großer Werteverlust entstanden – nicht nur monetär. Nach den Auswirkungen der Stürme, der extremen Trockenheit und des Borkenkäfer-Befalls muss nun in vielen Bereichen neu aufgeforstet werden. Das kostet viel Kraft, Zeit und Geld.

Was ist Ihr Herzenswunsch für den Forstverband und seine Mitglieder?

Dass das funktionierende System der Betreuung und Beratung bestehen bleibt – und kein bürokratisches Monster geschaffen wird. Dass die Fördermittel des Landes in der Fläche ankommen – und nicht in der Verwaltung versickern. Speziell für unsere Mitglieder und alle Waldbauern wünsche ich mir: weniger Stürme, weniger Trockenheit und keine Borkenkäfer!

Auch interessant

Kommentare