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Was, wenn der Energieversorger kündigt?

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Von: Anke Seidel

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Unabhängig sein vom Strommarkt – aktuell ein guter Grund für den Bau einer
Unabhängig sein vom Strommarkt – aktuell ein guter Grund für den Bau einer Fotovoltaik-Anlage. ©  Foto: Dierk Rohdenburg

Wer kann es besser, wer liefert preiswerter? Seit der Liberalisierung des Strommarktes kurz vor der Jahrtausendwende können Verbraucher ihren Energielieferanten wechseln, indem sie ihm nach Ablauf der Vertragszeit einfach kündigen. Aber jetzt ist es genau umgekehrt: Nun sind es Versorger, die Kunden vor die sprichwörtliche Tür setzen – weil sie die Energie zum zugesagten Preis ohne Verluste nicht mehr liefern können. Denn die Großhandelspreise für Strom explodieren.

Landkreis Diepholz – Bereits unzählige Menschen sind betroffen, stehen ohne Vertrag da und fallen in die sogenannte Grund- und Ersatzversorgung: Per Gesetz sind sogenannte Grundversorger verpflichtet, ihnen Strom und Gas zu liefern – in diesem Fall e.on und die Stadtwerke Huntetal.

e.on ist zuständig für Lemförde, Kirchdorf, Sulingen, Schwaförden, Twistringen, Bassum, Syke, Stuhr und Weyhe, Bruchhausen-Vilsen und Siedenburg sowie einen Teil von Wagenfeld. Wie viele Kunden der Grundversorger seit Jahresbeginn notgedrungen mit Energie beliefern muss, will das Unternehmen nicht sagen: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu konkreten regionalen Kundenzahlen grundsätzlich nicht äußern“, so Pressesprecher Arne Schleef, der nur soviel mitteilt: „Insgesamt haben wir in den vergangenen Monaten deutschlandweit eine außergewöhnlich hohe Zahl an Kundinnen und Kunden in unsere Ersatzversorgung aufgenommen.“

Als Grund- und Ersatzversorger in weiten Teilen Deutschlands sei sich e.on seiner Verantwortung bewusst: „Während sich einige Discountanbieter in dieser schwierigen Marktsituation ihrer Verantwortung entziehen und sogar ihren Kunden kündigen, springen wir in vielen Regionen ein.“

Historisch einzigartige Lage auf den Energie-Märkten

Arne Schleef spricht von einer aktuell „historisch einzigartigen Lage“ auf den Energie-Märkten. Anders als e.on sieht sich der Energieversorger EWE gezwungen, die Preise für Strom und Gas in der Grundversorgung anzuheben (siehe Titelseite von gestern). Solche Pläne hat e.on nicht, wie Arne Schleef betont: „Unterschiedliche Tarife für Alt- und Neukunden in der Grund- und Ersatzversorgung sind bei uns aktuell nicht geplant.“

Für die Grundversorgung in der Stadt Diepholz, den Samtgemeinden Rehden und Barnstorf sowie einem großen Teil der Gemeinde Wagenfeld sind die Stadtwerke Huntetal zuständig. „Seit Jahresbeginn haben wir circa 330 Kunden für Strom und Gas in die Grund- und Ersatzversorgung aufgenommen“, berichtet Pressesprecherin Bianca Lekon auf Anfrage. Auch der Traditionsversorger im südlichen Landkreis hat vor solchen Herausforderungen bisher nicht gestanden: „Eine Situation am Markt mit diesen erheblichen Preisverwerfungen hat es bisher nicht gegeben“, sagt Bianca Lekon.

Vor der Liberalisierung des Strommarktes 1998 wäre diese Lage undenkbar gewesen. Damals versorgte die Hastra mit Sitz in Syke zahlreiche Haushalte im Landkreis Diepholz mit Strom. Nur ein Jahr nach der Liberalisierung des Strommarktes wurde sie aufgelöst, ging in das Unternehmen Avacon über. Das wiederum war lange Partner der e.on, ist nun aber ein reiner Netzbetreiber. „An der Börse spielen die Preise verrückt“, bestätigt Hermann Karnebogen, Kommunalreferent bei Avacon. „Aber wir betreiben das Netzgeschäft. Die Netzentgelte bleiben gleich.“

Mehr Fotovoltaik-Anlagen

Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern: Eine Erhöhung der Netzentgelte sei nur auf Antrag möglich, erläutert Hermann Karnebogen. Der Netzbetreiber müsse stichhaltige Argumente für die Notwendigkeit haben, damit eine Erhöhung genehmigt werde.

Auf den Strom-Autobahnen und -straßen transportiert das Unternehmen Avacon den Strom bis zum Verbraucher. Aber der Netzbetreiber muss ihn auch aufnehmen, wenn er zum Beispiel in privaten Fotovoltaik-Anlagen erzeugt wird. „Die Tendenz ist steigend“, sagt der Kommunalreferent, „wir erwarten 2022 noch viel mehr Anlagen“.

Wer seinen Strom selbst erzeugt, kann den Verwerfungen auf dem Strommarkt gelassen entgegensehen. Dagegen sind Verbraucher, deren Verträge von den Versorgern gekündigt werden, oft ratlos. Der VBD-Verbraucherdienst mit Sitz in Syke nimmt Betroffene in die Betreuung auf – und hat, so geht aus einer Mail hervor, bereits Sammelbeschwerden erarbeitet. So habe man einen Stromversorger aus Hamburg dazu bewegen können, Schadenersatzleistungen für 31 betroffene Kunden zuzusagen, nachdem diesen gekündigt worden sei. Der VBD verweist außerdem auf die Möglichkeit einer Verbraucherbeschwerde.

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