„Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde!“ / Dr. Eckhard Schiffer beeindruckte mit Vortrag im Rathaus

Spielerisch stressfrei lernen fürs Leben

Bassum - TWISTRINGEN (tw) · Eltern gab der Mediziner im Twistringer Rathaus einen wertvollen Tipp: „Abends 30 Minuten für die Gute-Nacht-Geschichte.“ Dadurch könne man schon einigen Aufmerksamkeitsentzug vom Tage bei Kindern auffangen. Als beeindruckend, lebendig und nachhaltig erwies sich jüngst der Vortrag „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde!“ mit Dr. med. Eckhard Schiffer aus Quakenbrück.

Vorlesen und Zuhören habe sehr viel mit Suchtvorbeugung zu tun, erzählte Schiffer auf Einladung des Twistringer Präventionskreises vor gut 70 Zuhörern. Gutes Zuhören bedeute, wenn man zuhöre und dabei innerlich eigene Bilder entwickele. Die Situation entspanne sich, und dann brauche man auch keinen Schnaps oder Zigaretten. „Wenn ich innerlich viel erlebe, brauche ich beim Gespräch keine Dröhnung“, wusste der 65-jährige Referent. Aber heutzutage seien Eltern immer weniger in der Lage, ihren Kindern gut zuzuhören, von Angesicht zu Angesicht.

Fröhliches Buddeln, Matschen und Toben sei immens wichtig. „Kinder, die unter Stress spielen, lernen nicht, später ihr Leben selbst zu meistern.“ Als krasses Beispiel nannte der Experte das Schicksal des Nationaltorhüters Robert Enke. Der habe keine Chance gehabt, weil er zu früh und zu schnell in die nächst höhere Leistungsklasse aufgestiegen sei. Und: „Die Neurobiologie hat uns gelehrt, dass man nur im freien Spiel richtig lernt, ohne den Wettbewerb, immer Erster und Sieger sein zu wollen.“

Dr. Schiffers Anliegen an diesem Abend nicht nur an Eltern, Lehrkräfte und Erzieherinnen: „Anstiftung gegen Sucht und Gewalt im Kindes- und Jugendalter“. Der Autor mehrerer erfolgreicher Bücher zu Sucht und Gewaltprävention, arbeitet seit 1978 am Christlichen Krankenhaus in Quakenbrück, zunächst als leitender Arzt, dann als Chefarzt für den Aufbau der Abteilung psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Gemeinsam mit Ehefrau und Grundschullehrerin Heidrun brachte Schiffer auch „Nachdenken über Zappelphillip“ heraus.

In Twistringen erklärte der Mediziner, wie über eine lebendige Fantasie und ein spielerisch erworbenes Selbstbewusstsein sowie über Wahrnehmungsfähigkeit im Dialog, Fairplay und eine sozial angemessene Konfliktfähigkeit Kinder eine „gute Immunität“ gegen Suchtgefahren und Gewaltimpulse erlangen können. Und dies würden die Kinder nicht am Fernseher lernen. Durch Spielen würden übrigens auch Erwachsene ihre geistige Lebendigkeit im hohen Alter noch fördern.

Selbst Huckleberry Finn, erfuhr das immer wieder erstaunte Publikum, habe sich trotz seines erbärmlichen familiären Hintergrundes durch gute Gruppenerfahrung stark machen können. Die Gruppe biete eine „Haltefunktion“ wie eine Mutter. Auch Huck Finn sei „gehalten und getragen“ worden, betonte Eckhard Schiffer. Ursächlich dafür sei das Hormon Oxytocin. Kinder würden es massenhaft ausschütten. „Sie brauchen keine Rauschmittel“, stellte der Facharzt fest.

Beispielhaft: zwei Kinder in der Badewanne, die sich anstrahlen. „Wenn zwei sich in ihrer Antlitzhaftigkeit so wahrnehmen, wird ein wahrhaft kostbarer Schatz freigelegt und die Fähigkeit zur Aggressionshemmung gefördert“, erläuterte Schiffer weiter. Dies setze voraus, dass Menschen liebend und genügend wahrgenommen werden. Und, um auf Huckleberry Finn zurück zu kommen, sind auch bei Kindern nicht Siege entscheidend, sondern das gemeinsame nach Hause gehen.

Der Twistringer Präventionskreis plant weitere Vorträge zur Sucht im kommenden Winter und Frühjahr. Am 25. Februar 2010 geht es speziell um Handys und Computerspiele.

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