Nach Corona-Ausbruch in Kirchdorf

Spargelhof Thiermann: Gewerkschaft erhebt schwere Vorwürfe

Der Ärger um den Corona-Ausbruch unter ausländischen Erntehelfern auf dem Spargelhof Thiermann im Landkreis Diepholz zieht weitere Kreise. Jetzt wurden neue Regeln erlassen.

Kirchdorf/Dortmund/Hamburg – Es ist der Donnerstag vor Pfingsten, als sich Anna Szot und ihre Kollegen im westfälischen Dortmund ins Auto schwingen. Ziel: Kirchdorf in Niedersachsen, Spargelhof Thiermann. Die Beschäftigten des DGB-Gewerkschaftsprojekts „Faire Mobilität“ wollen sich heute selber ein Bild vor Ort machen, wie es um die Zustände auf dem Hof Thiermann steht, der seit Wochen wegen mieser Arbeits- und Quarantänebedingungen während der Corona-Pandemie bundesweit in den Schlagzeilen ist. Seitdem die ersten Corona-Fälle Mitte April bekannt wurden, ist die Anzahl inzwischen auf 144 Infektionen gestiegen. Das wirkt sich bereits auf den Nachbarlandkreis Nienburg aus.

Samtgemeinde in Niedersachsen:Kirchdorf
Fläche:47,76 Quadratkilometer
Einwohner:2.238 (Stand: 31. Dezember 2019)
Vorwahl:04273
Bürgermeister:Holger Könemann (parteilos)

„Die Stimmung vor Ort war ziemlich negativ“, berichtet Anna Szot im Gespräch mit kreiszeitung.de und beschreibt ein düsteres Szenario, das sich der Gewerkschafterin und ihren Kollegen vor Ort in Kirchdorf gezeigt hat. „Es war sehr schwer, jemanden zu erreichen vor Ort. Als wir da waren, standen vor allen Unterkünften schwarz gekleidete Securitys, die Häuser bewacht haben.“

Spargelhof Thiermann in Kirchdorf: Gewerkschafterin versucht erfolglos, mit Erntehelfern zu sprechen

Szot versucht trotzdem mit den polnischen Erntehelfern zu sprechen, ihnen Informationen zukommen zu lassen, wie sie sich jetzt verhalten können. Doch sie hat keinen Erfolg, der Kontakt wird unterbunden: „Es war gar kein Gespräch möglich. Die Leute wurden von den Securitys in die Häuser geschickt.“

Schließlich habe man noch versucht, Erntehelfer auf den Feldern anzutreffen. Doch auch hier habe sich ein ähnliches Bild gezeigt. „Wir haben dort niemanden angetroffen“, berichtet Szot. Schließlich mussten die Gewerkschafter wieder unverrichteter Dinge abziehen. „Wir werden uns jetzt beraten, wie wir in der Sache weiterverfahren. Es wird auf jeden Fall für uns weitergehen“, unterstreicht Szot.

Spargelhof Thiermann in Kirchdorf: Polnischer Generalkonsul unterstützt Erntehelfer

Inzwischen hat sich in die ganze Angelegenheit auch der polnische Staat eingemischt. Nach dem in der vergangenen Woche bereits ein Kamerateam des ZDF-Magazins „Frontal 21“ vor Ort war, haben die Erntehelfer Unterstützung im polnischen Generalkonsulat in Hamburg von Generalkonsul Pawel Jaworski erbeten.

Auf dem Spargelhof Thiermann wurden bis jetzt rund 130 ausländische Erntehelfer positiv auf das Coronavirus getestet.

Jaworski sieht in der ganzen Angelegenheit vor allen Dingen ein Verständigungsproblem. Schließlich hätten die polnischen Erntehelfer alle Informationen nur auf Deutsch vorgelegt bekommen. „Die Grundlage für die Arbeitsquarantäne war nicht ganz klar“, erklärt Jaworski gegenüber kreiszeitung.de. Inzwischen habe er sich aber sowohl mit Heinrich Thiermann – der einen großen Teil der Vorwürfe im Interview mit kreiszeitung.de von sich gewiesen hatte – als auch mit den zuständigen Gesundheitsämtern ausgetauscht.

„Wir versuchen jetzt zu helfen, wo wir können“, unterstreicht Generalkonsul Jaworski, der mit Blick auf den Vorwurf des ‚Arbeitslagers‘ „höchste Sensibilität“ verspricht. Es sei nicht die leichteste Situation für seine Landsleute, auch wenn etwa kein Geld gezahlt würde. „Aber wir arbeiten mit den Institutionen zusammen und wollen eine bestmögliche Lösung finden.“

Neue Corona-Regeln für landwirtschaftliche Betriebe: Erntehelfer müssen nun zweimal die Woche getestet werden

Damit das Virus sich auf dem Spargelhof Thiermann, im Landkreis und im gesamten Bundesland nicht weiterverbreitet, hat das Land Niedersachsen neue Corona-Regeln für landwirtschaftliche Betriebe erarbeitet und die Kommunen dazu aufgefordert, diese in ihre Allgemeinverfügungen aufzunehmen. Dies haben die meisten Kommunen inzwischen getan. Und so gilt jetzt bei temporär eingesetzten Erntehelfern in der Landwirtschaft eine verschärfte Testpflicht.

Zweimal in der Woche müssen mittels eines PCR-Tests oder eines zugelassenen Antigen-Tests nun Testungen erfolgen. In Kraft getreten ist diese Regelung am Pfingstmontag. Außerdem dürfen im Landkreis Diepholz ab sofort nur noch Erntehelfer eingesetzt werden, die bei Ankunft negativ auf eine Covid-Infektion getestet wurden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Silas Stein/dpa

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