Zahnärztin aus Staffhorst setzt sich für Operation auf Hospitalschiff ein

Ein neues Gesicht für Kevin

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Chirurg Dr. Parker mit Kevin (links) nach der Operation und seinem Schutzengel Martin.

Staffhorst - Von Anke Seidel. Zufall, Schicksal – oder göttliche Fügung? Als die Zahnärztin Jutta Wilkens-Schaper aus Staffhorst (Samtgemeinde Siedenburg) 2004 ihren ersten Hilfseinsatz bei Mercyships leistet, beginnt für den 17-jährigen Kevin – weit entfernt und unbemerkt – eine unendliche Leidensgeschichte: Im Gesicht des Kenianers wächst ein Tumor, der den Jungen im Laufe der Jahre völlig entstellt.

Erst vor wenigen Wochen hat Kevin ein neues Leben geschenkt bekommen – durch eine Operation auf dem Mercyship vor Madagaskar, die Jutta Wilkens-Schaper organisiert hat.

„Der Tumor hatte das komplette Mittelgesicht verdrängt“, berichtet die 62-Jährige. „Kevin sah so monsterhaft aus, dass ihn die Kinder verspotteten und er sich anhören musste, wie Eltern ihre Kinder warnten: ,Wenn du nicht artig bist, kommt dieser Mann und frisst dich.‘“ Seinen Job als Motorradmechaniker hatte Kevin aufgegeben, verließ nur noch selten das Haus.

Kevin vor der Operation, die ihm ein neues Leben schenkte.

Aber 2011 kommt es zu schicksalhaften Fügungen: Martin Ochieng hat seinen Dienst als Fahrer im Mission Hospital Nyabondo angetreten – genau in dem Jahr, in dem Jutta Wilkens-Schaper mit ihrer Schwägerin, der Krankenschwester Karin Wilkens, erneut einen Hilfseinsatz für Mercyships plant. Weil zum Wunschtermin alle Plätze besetzt sind, wenden sich die Frauen an den Verein „Dentist for Africa“. Er betreibt im Mission Hospital Nyabondo eine Zahnstation – an Martins Arbeitsplatz! Freiwillig und unentgeltlich behandeln Zahnärzte aus Deutschland dort Menschen, die sich eine Zahnbehandlung nicht leisten können. Außerdem kümmert sich der Verein um 650 Waisen, sorgt für ihre Schul- und möglichst auch Berufsausbildung.

„Man gibt, aber man bekommt viel mehr zurück“, sagt die Zahnärztin aus Staffhorst über die Hilfseinsätze, die ihr Leben bereichern. Martin muss sie genau beobachtet haben: Nach ihrem zweiten Einsatz in Nyabondo bekommt sie 2013 Post von ihm. Er schickt ihr die Bilder des entstellten Jungen.

Jutta Wilkens-Schaper aus Staffhorst ist glücklich.

Der Verein „Dentist for Africa“ reagiert sofort. Ein Zahnarzt aus Thüringen ist gerade vor Ort, kümmert sich um Kevin und versucht, eine Operation zu organisieren. Die niedersächsische Zahnärztekammer spendet 1500 Euro. „Eine Operation des großen Tumors war aber unter den schwierigen afrikanischen Bedingungen nicht möglich“, sagt Jutta Wilkens-Schaper. Der Versuch, Kevin an die Uni-Klinik in Wien zu bringen, scheitert wegen Überlastung des Hauses. Jetzt setzt Jutta Wilkens-Schaper auf Mercyships – und wendet sich an Dr. Lür Köper aus Bremerhaven, der regelmäßig auf einem Hospitalschiff operiert und einen Kontakt herstellt: Kann Dr. Parker, Chefchirurg auf der MS Africa Mercy, dem entstellten Jungen helfen? Nicht sofort, weil das Schiff nur noch kurze Zeit vor Ort ist. Fieberhaft fragen die Helfer nun bei mehreren afrikanischen Kliniken an. Aber: „Keines der Krankenhäuser war in der Lage, einen so weit fortgeschrittenen Tumor zu behandeln.“ Bleibt ein Mercyships-Einsatz in Guinea – doch der muss wegen eines Ebola-Ausbruchs abgesagt werden. Die OP wird auf November 2014 in Benin verschoben: Doch wegen Ebola-Fällen im Nachbarland Nigeria fällt der Einsatz aus.

Ein Mercyship im Einsatz: Helfer aus mehr als 40 verschiedenen Ländern behandeln Menschen in Not – wie Kevin, dessen Gesicht ein Tumor verunstaltet hatte.

Immer wieder Hoffnung, immer wieder Enttäuschung: Die Röntgenaufnahmen von Kevins Tumor sind nun ein Jahr alt. Neue werden angefertigt, die Jutta Wilkens-Schaper – nun wieder in Nyabondo im Einsatz – nach ihrer Rückkehr sofort nach Bremerhaven bringt. Dr. Köper nimmt umgehend Kontakt zu Dr. Parker auf dem Mercyship auf, das nun vor Madagaskar kreuzt. „Dann ging alles ganz schnell“, blickt die 62-Jährige lächelnd zurück. Nach einer abenteuerlichen Reise und weiteren Hürden kann Kevin endlich operiert werden. Jutta Wilkens-Schaper erlebt das vor Ort mit, sie arbeitet wieder auf der Zahnstation des Hospitalschiffes. „Martin hat sich rührend um Kevin gekümmert und geduldig ertragen, dass sein Schlafplatz eine Matratze unter Kevins Bett war“, berichtet die Zahnärztin – ebenso glücklich wie beeindruckt davon, dass Menschen für andere Schutzengel sein können.

„Dass die Rettungsaktion letzten Endes erfolgreich war, ist der Zusammenarbeit vieler Menschen zu danken. Sehr viele haben unabhängig voneinander dazu beigetragen“, sagt die Zahnärztin aus Staffhorst.

Zur Info:

Mercy Ships ist eine internationale, christlich motivierte Hilfsorganisation, die seit 1978 Hospitalschiffe in Entwicklungsländern betreibt. Mitarbeiter aus mehr als 40 verschiedenen Ländern setzen sich auf den Krankenhausschiffen ehrenamtlich ein und kommen selbst für Unterkunft und Verpflegung auf.

„Dentist for Africa“ kümmert sich um die zahnmedizinische Versorgung der mittellosen Bevölkerung Afrikas. Spendenkonto: IBAN: DE86 8205 1000 0140 0467 98 BIC: HELADEF1WEM; unter dem Stichwort „Kevin“ für dessen Unterstützung – ohne geht das Geld an Waisenkinder.

www.meryships.de

www.dentist-for-africa.de

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