Milchkühe mutmaßlich von Wolf verletzt

Angriff am helllichten Tag in Staffhorst

Eine verletzte Kuh steht inmitten ihrer Herde
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Stafforst: eine Kuh wurde am helllichten Tag von einem Wolf angefallen.

Staffhorst – Nicht in der Nacht, nicht einsam in der Natur, sondern am helllichten Tag und in direkter Nachbarschaft eines Hofes erfolgte der Angriff, und das Ziel waren keine kleinen Tiere, sondern ausgewachsene Milchkühe: Mutmaßlich ein Wolf sorgte kürzlich auf einem Milchviehbetrieb in Staffhorst für Aufruhr.

Morgens kurz vor 11 Uhr habe der Hofhund angeschlagen, berichtet die Bäuerin, die aus Furcht vor Anfeindungen von Wolfsbefürwortern nicht namentlich genannt werden möchte. Beim Blick aus dem Fenster habe sie gesehen, wie mehrere Milchkühe panisch über den Hof geflüchtet seien in Richtung Straße. Sie kamen von einer Weide, kaum hundert Meter von ihrem Stall entfernt. Eine Gruppe von zwölf bis 14 Tieren sei durch den halben Ort gelaufen und habe, dank tatkräftiger Unterstützung von Nachbarn, zum Stillstand gebracht werden können. Manche seien direkt in ihren Stall gelaufen, einzelne Tiere hätten sich in Gärten in der Nachbarschaft in Büschen versteckt – und schließlich seien, nach längerer Suche, die beiden letzten noch fehlenden Kühe mittels einer Drohne in einem angrenzenden Maisfeld gefunden worden.

An drei Stellen seien die Kühe durch den Weidezaun gebrochen, schildert die Bäuerin, und ihr typisches Herdenverhalten hätten sie völlig abgelegt. Manche hätten sich in einer Halle zwischen den Traktoren versteckt – „da gehen sie sonst im Leben nicht hinein“ – andere hätten gar nicht mehr auf die normale Ansprache reagiert, weil sie so verängstigt gewesen seien.

Deutlich zu erkennen sind die Verletzungen an der Flanke des Tieres.

Eines der Tiere habe deutliche Kratz- und Bissspuren an der Flanke davongetragen und drei, vier andere Kühe hätten leichtere Verletzungen am Hals erlitten. „Der Tierarzt hat alles versorgt.“ Mehr sei an Schäden glücklicherweise nicht entstanden, auch wenn die Tiere in den folgenden Tagen deutlich weniger Milch gegeben hätten.

Die Tiere gehören zu einer etwa 50 Milchkühe umfassenden Herde, die jeden Tag etwa sechs Stunden auf einer weiträumigen Weide neben ihrem Stall verbringt. Schon im Juli seien die Tiere einmal panisch gewesen, da habe man sonst nichts beobachtet, sagt die Bäuerin – aber im Zusammenhang mit diesem erneuten Vorfall ergebe das Sinn. In der Umgebung seien bereits mehrfach Wölfe gesehen worden.

Angreifer möglicherweise aus Wolfsterritorium Sulingen

Ob für den Vorfall tatsächlich ein Wolf verantwortlich war, kann Lars Pump nicht mit Bestimmtheit sagen. Er ist als Wolfsberater zuständig für das nördliche Kreisgebiet (inklusive der Samtgemeinde Siedenburg) und machte sich mit dem Ereignis vertraut. Es lasse sich nur vermuten, dass es sich um einen Wolf gehandelt habe. Zwar seien in der Gegend auch verwilderte Hunde bekannt, aber die Rinder seien Hunde gewohnt: „Die Heftigkeit der Reaktion war außergewöhnlich und würde auf einen Wolf hindeuten.“ Nur wenige Tage nach diesem Vorfall seien in Döhrel, einem Ortsteil der Sulinger Ortschaft Lindern, mehrere Schafe gerissen worden. „Das war relativ eindeutig ein Wolf.“ Der Kehlbiss bei den Schafen spreche dafür, und das Geschehen habe sich nur wenige Kilometer Luftlinie von Staffhorst entfernt ereignet. Bei den Kadavern habe er auch DNA-Proben genommen, die aktuell noch untersucht würden. Bei der Rinderherde sei es jedoch unspezifisch, weil auch keine DNA-Proben genommen werden konnten, aber „dass da ein oder zwei, drei Wölfe waren, ist gut möglich.“

Als Angreifer infrage kämen Tiere aus dem Wolfsterritorium Sulingen. Das Wolfsmonitoring der Landesjägerschaft Niedersachsen nennt hier für 2020 ein Wolfspaar, das in diesem Jahr zu einem Rudel angewachsen ist. Wie Matthias Eichler, stellvertretender Pressesprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilt, gebe es bestätigte Sichtungsmeldungen für vier Welpen. Die Herkunft dieses Rudels sei bislang unbekannt, ein intensiviertes Monitoring solle sie aber klären. Zum Aktionsradius der Tiere „möchten wir keine weiteren Angaben machen – und zwar zum Schutz aller Wildtiere vor Störung durch Wolfsfreunde.“ Weitere Hinweise auf territoriales Wolfsvorkommen gebe es für die Region um Sulingen jedoch nicht.

Zukunft der Weidehaltung ist unsicher

Wie es mit der Milchviehhaltung in Staffhorst weitergeht, ist für die betroffene Familie noch nicht klar. Man habe noch eine Gruppe Rinder draußen, die keine Milch mehr gäben, und dort fahre man nun häufiger hin, um sie zu kontrollieren. Für die Milchkühe sei die Weidesaison dagegen beendet: „Da gehen wir das Risiko nicht mehr ein“, bekräftigt die Landwirtin. „Wir haben diverse Weiden, die wir nur extensiv durch die Kühe bewirtschaften können, da kommen wir mit dem Traktor nicht drauf.“ Sie alle mittels sogenannter Herdenschutzzäune zu sichern, sei nicht machbar – zum einen wegen der Größe der Weiden, aber auch, weil die stromführenden Leitungen ständig von Bewuchs freigehalten werden müssten. „Mehr Kuh-Komfort“ als in der Weidehaltung gehe eigentlich nicht, aber nun müsse man das erst einmal sacken lassen und zum Frühjahr neu überlegen, ob der Hof komplett auf die Stallhaltung umgestellt wird. Von vielen Pferdehaltern aus der Umgebung wisse man, dass sie sich ebenfalls große Sorgen machen. „Wir sind machtlos und müssen abwägen, inwiefern wir das Risiko noch eingehen.“

Häufigkeit von Wolfsangriffen in Deutschland

In der im August veröffentlichten Zusammenstellung der wolfsverursachten Schäden, Präventions- und Ausgleichszahlungen in Deutschland weist die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) für das Monitoringjahr 2019 / 2020 im Bundesgebiet insgesamt 128 Wolfsrudel, 39 Paare und neun territoriale Einzeltiere aus. Sie waren nachweislich verantwortlich für 942 Übergriffe, davon die meisten in Brandenburg mit 277 Vorfällen vor Niedersachsen mit 263.

Dabei wurden laut des Berichtes bundesweit 3 959 Verluste gezählt, darunter fallen neben getöteten Tieren auch verletzte und vermisste. Den größten Anteil daran hatten Schafe mit 3 444 Verlusten, alleine in Niedersachsen waren es 1 393. Rinder machen, nach Gehegewild (248), mit 153 Verlusten die drittgrößte Gruppe aus. Es folgen Ziegen (92), Pferde (13), Alpakas (sieben) und zwei Hunde.

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