Rasante Ausbreitung

60.000 Krebse auf sechs Kilometern: Schlecht für die Natur, gut für Köche

Türkisfarbene Flecken an den Scherenoberseiten sind ein kennzeichnendes Merkmal des Signalkrebses.
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Türkisfarbene Flecken an den Scherenoberseiten sind ein kennzeichnendes Merkmal des Signalkrebses.

Zehntausende Krebse bedrohen zwei Gewässer bei Siedenburg, davon sind die Mitglieder des örtlichen Fischereivereins überzeugt. Ein Gutes habe das Ganze höchstens für die heimische Küche.

Siedenburg – „Wenn man vom Insektensterben spricht, weiß jeder, worum es geht. Aber dass auch Flusskrebse ein Problem für die Umwelt sind, ist weitgehend unbekannt“, sagt Gerd Rohlfing. Der Vorsitzende des Fischereivereins „Früh Auf Siedenburg“ geht davon aus, dass sich in den vom Verein gepachteten Fließgewässern – rund sechs Kilometer lange Teilbereiche der Siede und des Speckenbachs – zwischen 40.000 und 60.000 Signalkrebse tummeln, Tendenz: steigend.

„Im Jahr 2018 haben wir erstmals fünf Krebse am damals noch vorhandenen Staubecken am Tennisplatz ausgemacht.“ Bei Testfängen mit Krebsfallen, ausgeliehen vom Unterhaltungs- und Landschaftspflegeverband Große Aue, gingen 200 Tiere ins Netz. Im Folgejahr waren es 1 000, im Jahr 2020 dann 4 000. In diesem Sommer und Herbst holte Rohlfing mit zwei Fallen allein in einer Nacht bis zu 83 Signalkrebse aus der Siede.

Signalkrebs breitet sich bei Siedenburg aus – natürliche Feinde fehlen

„Wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt“, sagt sein Stellvertreter Steffen Gerdes: „Wir sind verantwortlich für den Schutz und Erhalt der Gewässer und machen uns ernsthaft Sorgen um die Zukunft.“ Die Fachwelt gehe davon aus, dass der Signalkrebs resistent gegen die Krebspest ist, aber die Pilzkrankheit überträgt. Gefährdet sei damit die Restpopulation des Europäischen Flusskrebses, der in Deutschland in der nationalen Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt wird. Außerdem sei der Flusskrebs „kein Vegetarier“ und daher eine Bedrohung für den in Siede und Speckenbach vorhandenen Fischbestand.

„Auf Krebszug“: Gerd Rohlfing (links) und Curt Ruröde.

Gerd Rohlfing geht davon aus, dass die Tiere seinerzeit aus Teichanlagen in Brake und Siedenburg entwichen sind und sich rasant vermehren. Gute Deckungs- und Entwicklungsmöglichkeiten finden sie in den nicht gemähten Uferbereichen – eine Gefahr für Bachforellen, Aale, Weißfischarten und Barsche. Natürliche Feinde habe der Signalkrebs in den hiesigen Gewässern nicht: „Größere Welse, Hechte oder Zander haben ihn auf ihrem ‚Speisezettel‘, aber für sie sind die Bäche nicht tief genug.“

Aus der Siede holte Gerd Rohlfing im Sommer und Herbst dieses Jahres mit zwei Fallen allein in einer Nacht bis zu 83 Signalkrebse.

Inzwischen hat der Verein Kontakt zu Dr. Hans-Hermann Arzbach vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Dezernat Binnenfischerei – Fischereikundlicher Dienst) aufgenommen. „Er hat angekündigt, uns zu besuchen“, sagt Gerd Rohlfing. Man erhoffe sich Tipps, wie die Weiterverbreitung einzudämmen ist. Dr. Arzbach werde auch untersuchen, ob der hier angesiedelte Krebsbestand von der Aphanomyces-Krankheit befallen ist.

Barsche sollen gegen Signalkrebse helfen – sind aktuell aber nicht verfügbar

Parallel planen die rund zehn in der Sache engagierten Vereinsmitglieder, 15 Zentimeter große Barsche auszusetzen, allein: Die sind momentan nicht verfügbar. Neben dieser biologischen Schädlingsbekämpfung wollen sie im kommenden Jahr verstärkt Fallen ausbringen. Einen Antrag auf Bezuschussung beider Maßnahmen haben sie bei der Volksbank-Stiftung gestellt.

Der Geschmack ähnelt laut Curt Ruröde dem von Garnelen.

Für die im kommenden Jahr geplante Aktion hoffen sie auf Unterstützung aus den Reihen des 65 Mitglieder zählenden Vereins und darüber hinaus. Der Ertrag künftiger „Krebszüge“ könnte auch eine Option für die vermehrte Verwendung in heimischen Küchen sein.

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Der Freundeskreis um Gerd Rohlfing und Curt Ruröde hat bereits Gefallen an den ungeliebten Einwanderern gefunden. Nach ersten kulinarischen Experimenten im vergangenen Jahr wird alle sechs Wochen „getafelt“. Essbar sei das Schwanz- und Scherenfleisch, sagt Ruröde, der Geschmack ähnele dem von Garnelen. Allerdings müsse man Geduld mitbringen: An den hummerartigen Krustentieren ist nicht viel „dran“.

Signalkrebse sind buchstäblich in die Falle gegangen.

Der Signalkrebs im Steckbrief

Der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) wird bis zu 16 Zentimeter groß und bis zu 200 Gramm schwer. Seine Körpergrundfarbe ist braun-oliv, kennzeichnend sind der türkis-weiße Fleck an der Scherenoberseite und auffällig rote Scherenunterseiten. Er lebt bevorzugt in kühlen Fließgewässern, verträgt aber auch höhere Temperaturen in Stillgewässern. Er kann bis zu zwei Kilometer über Land laufen, um ein anderes Gewässer zu erreichen. Der Allesfresser ernährt sich etwa von Insektenlarven, Pflanzenmaterial, Kleinfischen. Er stammt er aus Nordamerika: Nachdem der Europäische Edelkrebs Ende des 19. Jahrhunderts durch die Krebspest massiv dezimiert worden war, führte man den Signalkrebs in Europa ein, um die Krebsfischerei wiederzubeleben. Heute gilt er als große Bedrohung für die Restbestände der heimischen Arten.

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