Kevin Kyburz findet Militärmarke aus dem Zweiten Weltkrieg / Wer erinnert sich?

Der rätselhafte Nauwelaerts: Suche nach Zwangsarbeiter

Dieses alte Dokument gibt Auskunft über Jean Henri Nauwelaerts.

Mellinghausen - Von Anke Seidel. Eine vergessene, fast verwitterte Metallmarke ist Schuld: Kevin Kyburz, 28 Jahre alt und Geschichtsstudent an der Universität Bremen, lebt seit fast einem Jahr mit einem Mann, den er nie persönlich kennenlernen wird. Aber sein Schicksal beschäftigt ihn fast Tag für Tag – Jan Hendrik oder Jean Henri Nauwelaerts, belgischer Soldat und Zwangsarbeiter. Ihm gehörte einst diese Metallmarke, die mehr als sieben Jahrzehnte in einem Acker in Mellinghausen verschollen war.

Es ist ein Tag im Frühherbst 2016, als Kevin Kyburz den besagten Acker mit einem Metalldetektor kontrolliert – mit ausdrücklicher Genehmigung des Landkreises und auf der Suche nach mittelalterlichen Fundstücken. Eine Silberfibel und Münzen hat er schon entdeckt und dem Kreismuseum in Syke übergeben. Doch diesmal kommt eine verwitterte, ovale Metallplatte ans Tageslicht – offensichtlich eine militärische Erkennungsmarke.

Der Namensschriftzug ist noch gut zu lesen: Nauwelaerts. Kyburz ist freiwilliger Denkmalpfleger, steht in engem Kontakt zum ehrenamtlichen Kreisarchäologen Dieter Bishop (hauptamtlich Archäologe des Landes Bremen) und will das Rätsel um die Plakette lösen.

Fest steht, dass diese Militärmarke keinem Getöteten gehört. Kevin Kyburz: „Es waren ja noch beide Teile vorhanden. Bei einem toten Soldaten wäre ein Teil am Körper geblieben.“

Kevin Kyburz.

Weil eine erste Internet-Recherche keine Klärung bringt, wendet sich der Student (Masterstudiengang Geschichte) an die Bremer Landesarchäologin, Professor Uta Halle. Sie stellt den Kontakt zu einem niederländischen Historiker her, einem Fachmann für das Thema Zwangsarbeit. Doch Holländer ist Nauwelaerts nicht. Deshalb verweist der Historiker Kyburz an das Institut „Ceges-soma“ (Centre d’études et de documentation guerre et société) der Universität im belgischen Anderlecht. Überraschend bekommt der Bremer Student elektronische Post aus dem Archiv der belgischen Streitkräfte: „Sie haben mir die Akte von Jan Hendrik Nauwelaerts zugeschickt“, freut er sich.

Schleier beginnt sich zu lüften

Allmählich lüftet sich der Schleier um diesen unbekannten Soldaten und den rätselhaften Fund auf dem Acker. Denn aus den vergilbten Akten mit den Einträgen in Sütterlin-Schrift erfährt der junge Historiker, dass Nauwelaerts am 28. Mai 1890 in Niel geboren und mit 22 Jahren Soldat geworden ist. 1922 wird er als Brigadier geführt. Die historischen Dokumente belegen: Zwei Weltkriege muss der Belgier erleben. Am 1. Juni 1940 beschreiben ihn die Aufzeichnungen als „Krygsgevangen in Deutschland“, der offenbar am 13. Februar 1941 entlassen wird.

Wo hat er in den acht Monaten gearbeitet? Wo war er untergebracht? Im Stalag XB, dem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Sandbostel? Oder im Stalag XC in Nienburg? Von dort wurden Gefangene im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit auch in den Landkreis Diepholz gebracht. Deshalb geht Kyburz davon aus, dass Nauwelaerts dort untergebracht war. Doch beweisen kann er das nicht.

Mellinghausen liegt in der Samtgemeinde Siedenburg, die direkt an den Landkreis Nienburg grenzt. Weder im Landes- noch im Kreisarchiv, weder bei der Gemeinde noch in anderen Quellen hat der 28-Jährige bisher Fakten gefunden – und geht davon aus, dass Aufzeichnungen und Dokumente über die Zwangsarbeit in den Kriegswirren vernichtet wurden.

Die erste Seite der Militärmarke

Hat Nauwelaerts – wie ungezählte Kriegsgefangene – auf einem Hof gearbeitet? Mit Familienanschluss womöglich, wie es damals für viele Bauern selbstverständlich war? Kevin Kyburz hofft, dass es in der Region um Mellinghausen Zeitzeugen oder deren Nachfahren gibt, die sich an einen Jan Hendrik oder Jean Henri aus Belgien erinnern können, der im 14. Artillerieregiment Antwerpen diente – und freut sich sehr über Hinweise per E-Mail.

Die zweitr Seite der Militärmarke

Denn der junge Historiker möchte auch die deutsche Seite des Lebens von Nauwelaerts beleuchten, nachdem er ein wenig Licht in die belgische bringen konnte. Die Zeitung Gazet van Antwerpen mit ihrem historisch interessierten Journalisten Paul Verbraeken hat einen großen Artikel über den Fund der Marke gebracht, auf den sich zwei Leser meldeten – darunter eine weitläufige Verwandte des gesuchten Soldaten, die Kontakt zum mittlerweile 83-jährigen Enkel von Nauwelaerts ermöglichte: zum Sohn seiner einzigen Tochter.

Aus diesen Quellen weiß Kyburz jetzt, dass der einstige Zwangsarbeiter Berufssoldat war, mit 56 Jahren pensioniert wurde und unter seinen Erlebnissen in zwei Weltkriegen schmerzlich gelitten hat. Im Alter von etwa 80 Jahren ist er gestorben. Das genaue Datum ist unklar.

In Absprache mit seinem Dozenten Jens Ruppenthal will Kyburz eine Hausarbeit zum Thema „Erinnerungskultur“ schreiben und alle Seiten dieser schicksalhaften Geschichte zwischen Krieg und Zwangsarbeit beleuchten. Doch noch ist seine Spurensuche nicht zu Ende.

kevin.kyburz@googlemail.com

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