Güterschuppen wird jetzt ausgebaut

Ehepaar Hastrup-Kiil führt eine glückliche Fügung nach Harbergen: Bahnhofsgaststätte wird Yoga-Zentrum

Die Flügelfenster mit Hamburger Fensterruderstange und geschwungenen, glasteilenden Holzsprossen im bunt gestalteten Oberlicht ließ das Ehepaar Hastrup-Kiil nachbauen – mit Doppelverglasung.
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Die Flügelfenster mit Hamburger Fensterruderstange und geschwungenen, glasteilenden Holzsprossen im bunt gestalteten Oberlicht ließ das Ehepaar Hastrup-Kiil nachbauen – mit Doppelverglasung.

Harbergen – „Wie wir an die ehemalige Bahnhofsgaststätte gekommen sind? Das war eine glückliche Fügung“, erklären Elisabeth und Jörgen Hastrup-Kiil. Die gebürtigen Dänen hatten einige Jahre in Hannover eine Yogaschule betrieben – in gemieteten Seminarräumen. Nach jahrelanger Suche im 100-Kilometer-Radius der Landeshauptstadt landeten sie bei der Besichtigung eines Objekts, das letztlich nicht infrage kam, den Zufallstreffer: „Die Maklerin hatte das Exposé des Hauses in Harbergen auf dem Tisch.“ Das war im August 2007.

„Wir haben uns sofort in das Gebäude verliebt“, sagt Elisabeth Hastrup-Kiil. „Die Größe, die Lage: Alles stimmte.“ Jörgen Hastrup-Kiil ergänzt: „Das Haus hatte eine gute Grundsubstanz, maßgebend waren auch die Alleinlage und das große Grundstück.“ In den vergangenen Jahren haben die Eheleute das Haus modernisiert und energetisch saniert. Behutsam. Richtmaß war, Stil und Charakter des Gebäudes zu erhalten.

Umsicht bewiesen sie etwa beim Austausch der Fenster. Die Flügelfenster mit Hamburger Fensterruderstange und geschwungenen, glasteilenden Holzsprossen im bunt gestalteten Oberlicht ließen sie nachbauen – mit Doppelverglasung. Zwei der Originale sind inzwischen Teil der Sammlung „VILLUM Window Collection“ in Søborg bei Kopenhagen. Das Museum dokumentiert anhand von 300 Ausstellungsstücken aus allen Ländern und Epochen die Geschichte des Fensters vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Den ehemaligen Güterschuppen des Bahnhofs bauen Elisabeth und Jörgen Hastrup-Kiil derzeit für die Erweiterung ihres Kursbetriebes aus.

Die Eheleute Hastrup-Kiil betreiben in ihrem Anwesen das Kurszentrum „Harbergen Yoga Retreat“, in dem sie unter anderem Wochenendseminare anbieten; die Teilnehmer kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. „Das Haus hat ein eigenes Leben, man spürt seine Geschichte“, sagt Elisabeth Hastrup-Kiil.

Diese ist in der Tat spannend. Die Historie beginnt mit dem Ausbau der Bahnlinie Nienburg-Diepholz (1914 bis 1923). Das Teilstück Siedenburg-Harbergen wurde 1921 eingeweiht.

Auf der Ansichtskarte des Harbergener Bahnhofs aus dem Jahr 1920 sieht man rechts neben dem Gebäude den Güterschuppen, den es heute noch gibt.

In diesem Zuge wurde 1920 in Harbergen ein Bahnhofsgebäude gebaut, Friedrich Holle errichtete in unmittelbarer Nähe Hotel und Gaststätte. Erster Gastwirt war laut Chronik Dietrich Holle; nach seinem Tod ging das Geschäft auf seine Schwester Anna Bockhop über. Ihr Sohn Günter Bockhop erbte das Anwesen, verstarb jedoch im jungen Alter, und so übernahmen Helga Lühring, Enkelin des Bauherrn, und ihr Ehemann Willy ab 1961 Verantwortung.

Eine Gruppe von Reitern posiert in den 1920-er Jahren vor dem Bahnhof.

„Auch meine Eltern haben noch Fremdenzimmer vermietet“, erinnert sich ihr Sohn Joachim Lühring, der in dem Haus geboren und aufgewachsen ist. Die Gastwirtschaft war eine gefragte Adresse für Familienfeiern und Versammlungen, im Wechsel mit den anderen Gaststätten in der Gemeinde Staffhorst fanden hier auch Schützenfeste statt. „Meine Mutter hat die Gastwirtschaft im Jahr 1974 sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus persönlichen Gründen geschlossen“, sagt Joachim Lühring.

Im September 1969 war der Personenschienenverkehr auf der Kursbuchstrecke 219 a eingestellt worden. Der Güterverkehr wurde bis 1991 weitergeführt, 1997 legte man die Bahnlinie still. Die Genossenschaft nutzte den Güterschuppen noch einige Jahre als Lagerraum, das eigentliche Bahnhofsgebäude wurde Anfang der 1970er Jahre abgerissen; einen Großteil des Bahngeländes erwarb Familie Lühring 1984.

Das Bahnhofshotel von Friedrich Holle auf einer Postkarte aus dem Jahr 1920.

Der Güterschuppen war seinerzeit vom Abbruch verschont geblieben. Er hat seit Dezember 2020 eine eigene Hausnummer. Und eine neue Bestimmung. Elisabeth und Jörgen Hastrup-Kiil planen seinen Ausbau zur Küche mit Aufenthaltsraum und Sauna-Bereich zur Erweiterung ihres Kursbetriebs: „Wie die Renovierungsarbeiten, die zurzeit im Wohnhaus erfolgen, ist das ein passendes Projekt für den Lockdown.“ Joachim Lühring und seine Brüder, Erben der letzten Gastwirte, sind froh, dass ihr Elternhaus bei den heutigen Besitzern in so guten Händen ist.

Unsere Serie „Hausgeschichte(n)“

Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

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