Als zu Kriegsbeginn Bomben auf einen Hof in Hustedt fielen

„In Sekunden alles verloren“

Hustedt (kra) - Eine der Bomben ist in den Schweinestall gekracht, wir konnten vom Wohnhaus durchsehen bis nach Schwarme.“ Der Hustedter Helmut Wigger (79) hat diesen Blick der etwas anderen Art noch vor Augen. In allen Einzelheiten.

"Die Schuttberge, die sich von einer Sekunde auf die nächste auftaten, die völlig demolierten landwirtschaftlichen Maschinen, die Tierkadaver. Exakt 70 Jahre liegen diese Begebenheiten zurück. Sie datieren aus den Jahren 1941 und 1942. Helmut Wigger war acht, als das Unglaubliche geschah, aber vergessen hat er nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit aus jenen Augenblicken, die für ihn und seine Mutter und die Großeltern alles auf den Kopf stellten.

Die Bombenangriffe in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 1941, sie bilden eigentlich nur eine Randnotiz in der Bremer Kriegsgeschichte. Selbst in Universalwerken, in denen sämtliche Angriffe auf die Hansestadt haarklein und auf hunderten Seiten geschildert sind, nimmt diese Nacht nur anderthalb Zeilen ein. „Englischer Luftangriff auf den Hafen, einige Schäden“, heißt es dort in dürren Worten. Dass dieser Angriff einer der ersten war, der im Landkreis Grafschaft Hoya Schäden anrichtete, womöglich sogar der allererste, das ist in keinem Geschichtsbuch vermerkt.

Die Familie Wigger verlor in dieser Nacht alles. Haus, Hof, Stallungen, alles wurde zerstört. Übrig geblieben ist eigentlich nur eine Kastanie vorn auf der Grundstückseinfahrt. Der Urgroßvater hatte sie dereinst gepflanzt, damals, als er die Hofstelle erworben hatte. „Er hat sie per Hand hergetragen und hier eingeplanzt.“ Helmut Wigger blättert einen dicken Aktenordner durch, dann hält er die inzwischen längst vergilbte Familiengeschichte in Händen, den Stammbaum der Familie Wigger. Derzufolge ist Urgroßvater Johann Heinrich 1850 geboren, als Berufsbezeichnung ist Maurer angegeben. Gemeinsam mit seiner fünf Jahre jüngeren Ehefrau Lena erwarb er 1895 rund einen Hektar Land in Hustedt. Und schon machte er sich ans Werk, an einen Neubau. Ein erstes Bauernhaus entstand in den Jahren beiden folgenden Jahren.

Das bemerkenswerte jedoch: Johann Heinrich Wigger war damals schon 45 Jahre, ehe er sich an den Hausbau machte. Und noch ungewöhnlicher: Die Familie wohnte seinerzeit eigentlich an der Weser im Thedinghauser Ortsteil Reer. Die acht Kilometer zwischen Heimatort und Baustelle legte er jeden Tag zu Fuß zurück. „Das hat mein Opa oft erzählt. Ein Fahrrad hatte mein Urgroßvater damals noch nicht.“

Eine kleine Landwirtschaft entwickelte die Familie in den darauffolgenden Jahren. Ein einziges Foto zeugt noch von diesen Anfängen. Es wurde kurz vor oder nach dem ersten Weltkrieg aufgenommen, zu sehen ist darauf nicht nur das Haupthaus, sondern inzwischen ein erster Anbau und eine Scheune.

An jenem Tag, der alles veränderte, hatte sich der Betrieb schon ein wenig gemausert. „Acht Hektar Land haben wir in den 40er Jahren bewirtschaftet, eine Tierhaltung mit Kühen, Schweinen und zwei Pferden gehörte dazu,“ berichtet Helmut Wigger. Vater Hermann war längst von der Wehrmacht eingezogen worden, vier Personen lebten in der Zeit auf dem Hof. Mutter Sophie Wigger sowie die Großeltern Hermann und Rebecka Wigger, beide Jahrgang 1876 und damit auch schon 65 Jahre alt, sie komplettierten den Haushalt, sie hielten den bäuerlichen Betrieb nach Kräften aufrecht.

Es war nicht das erste Mal, dass britische Kampfflugzeuge über Haus und Hof flogen. Die damals eigenständige Gemeinde Hustedt liegt schließlich genau auf der Einflugschneise in Richtung Bremen. Und auch an diesem Abend deutete zunächst nichts auf übermäßig große Gefahren hin. Die Motorengeräusche begannen schon in der Ferne zu verhallen.

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