Nur gelüftet wird noch

Der Zapfhahn ist zu: „Stührings Gasthof“ steht zum Verkauf

Johann „Strulli“ Grübmeyer an seinem angestammten Platz hinter der Theke von Stührings Gasthof in Sudwalde.
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Johann „Strulli“ Grübmeyer an seinem angestammten Platz hinter der Theke von Stührings Gasthof in Sudwalde.

Sudwalde – Wenn man nicht mehr täglich Gäste zu bewirten hat, dann schenkt man halt den Freunden ein. Johann Grübmeyer, von vielen schlicht nur „Strulli“ genannt, hat die traditionsreiche Gastwirtschaft „Stührings Gasthof“ in Sudwalde endgültig geschlossen. Geöffnet sind die Türen heute nur, um hin und wieder durchzulüften.

Für das Foto nimmt „Strulli“ noch einmal Platz auf seinem angestammten Stuhl hinter der Theke. Warum die Familie den Schlüssel umgedreht hat, verraten der Gastro-Senior und seine Tochter Bettina: „Papa ist im 85. Lebensjahr. Für uns war immer klar, dass wenn einem der Eltern etwas passiert, dass wir dann eine Entscheidung treffen müssen.“

Und im vergangenen Jahr passierte es dann: Die Seele des Gasthauses Stühring, Marga Grübmeyer geborene Stühring, verstarb. Die Konzession, die auf ihren Namen lief, erlosch. Zunächst aber nicht der Wille, es noch weiter zu versuchen, wenn die Pandemie es wieder erlauben würde. Doch die Pandemie war nicht in wenigen Wochen beendet, dauert weiterhin an: Lockdown, Einschränkungen, Beschränkungen, wenig Gäste, kein Saalbetrieb. Bettina Grübmeyer-Müller ist selbst gelernte Gastronomin, wollte aber mit 60 Jahren nicht den elterlichen Betrieb übernehmen: „Gastronomie mit Herzblut ja, aber an sieben Tagen die Woche – nein. Die Gastronomie wie sie war, war gut.“

Eine alte Postkarte lud ein, in „Stührings Gasthof“ einzukehren oder feste zu feiern.

Grübmeyers Sohn Matthias und seine Enkel sind in anderen Berufen unterwegs. Deshalb auch entschied sich Gastro-Expertin Bettina Grübmeyer-Müller gegen eine Übernahme des elterlichen Betriebes: „Vielleicht wäre es anders, wenn man jemanden hätte, der es in zehn Jahren übernimmt.“ Aber wer will das schon: Einsätze abends, an Wochenenden und an Feiertagen. Die Branche klagt derzeit über zahlreiche fehlende Arbeitskräfte, in allen Bereichen. Ein Verkauf sei nicht eilig, „uns treibt ja nichts“. Was noch im Kalender steht: Treue Mitarbeiter einladen, zu einem Abschiedsessen.

Die Gastronomie hat sich verändert. Die Einkehr in die Kneipe im Ort kommt nur noch wenigen in den Sinn. Ein Beispiel sei der Familienwandertag, der einst das Dorf mobilisierte mit Ziel Gasthaus Stühring zur gemeinsamen Stärkung. Wenn aber die Wanderer unterwegs zwei Mal Rast einlegen und ein Umtrunk im Clubhaus den Abschluss bildet, „dann ist das Gasthaus raus. Und junge Leute suchen eine andere Gastronomie“, weiß Bettina Grübmeyer-Müller. Die wollten das gerne ein bisschen schnuckeliger, feierten mit weniger Leuten, dafür exklusiver. Der Saal im Gasthaus fasst gut 150 Personen, auch mehr, aber dann werde es eng. Wer weiß, dass es noch eine alte Turnhalle gibt, die heute zweckentfremdet als Lager dient? Das Gasthaus als Vereinstreffpunkt habe ausgedient, wenn Vereinsheime und Dorfgemeinschaftshäuser für Versammlungen genutzt werden. Irgendwann kommt die Frage auf: Ist das alles noch wirtschaftlich?

Die historische Konzessionsurkunde hing immer, für jeden sichtbar, neben der Theke.

Die stellt sich möglichen künftigen Nutzern. Eine Gastronomie mitten im Ort: Interessenten gebe es, aber kaum einer wolle das Areal als Kneipe betreiben. Die Familie sondiere Optionen.

Priorität habe, dass Johann Grübmeyer umziehen kann in ein neues Zuhause, eines mit deutlich weniger Grundfläche, als das jetzige Gasthaus. Eine kleine Wohnung zu finden auf dem Land, zumal in Sudwalde, sei derzeit schwierig. Zeit solle Johann Grübmeyer bleiben für die fast täglichen Radtouren, Treffen und Plaudereinheiten mit Freunden, Nachbarn und Familie.

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„Tina, wenn ich bei euch reinkomme, dann fühle ich mich zu Hause“: Viele Gäste hätten den Entschluss der Familie bedauert, sagt Bettina Grübmeyer-Müller. Aber die Zeiten, in denen morgens ab 10 Uhr die ersten Gäste am Tresen saßen, die letzten nachts um 2 oder 3 Uhr erst gingen und am Wochenende drei Feiern gestemmt wurden. „Diese Zeiten sind vorbei, das machen heute nur noch wenige.“

Ein Blick in die Geschichte des Gasthauses

1895 erhält Fritz Stühring aus Süstedt, Margas Großvater, die Konzession für das Gasthaus in Sudwalde. Sie basiert auf einem Gasthaus-Tausch mit Hermann Nolte, der das Haus in Sudwalde betrieb. Nolte geht dafür nach Süstedt, Stührings siedeln um nach Sudwalde. Marga Stühring wird 1939 geboren. Sie verliert innerhalb kurzer Zeit erst den Vater, dann die Mutter und ist mit 16 Jahren Vollwaise. Onkel und Tante fungieren als Vormund. Marga wirbelt seit ihrem 14. Lebensjahr im Gasthof und kümmert sich Zeit ihrs Lebens um jeden Gast. Mitglieder aller Vereine kehren hier ein und Marga ist gerne auf dem Sportplatz. Bei einem Spiel des TuS Sudwalde lernte sie Johann Grübmeyer kennen. „1958 war das dann eine dicke Sache“, erinnert sich Johann Grübmeyer. Die Heirat folgt 1959. Grübmeyer zeigt ein Hochzeitsfoto: „Bildhübsch, mit langen schwarzen Haaren“, sagt der Witwer, streicht über das Foto. Marga Grübmeyer sei immer sehr offen mit ihren Gästen umgegangen, habe jeden akzeptiert, wie er war.

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