Ländliche Idylle oder: Lücken im ÖPNV

Wer fährt mich?

Ländliche Idylle: Eine Bushaltestelle im Sudwalder Ortsteil Bensen. In den Fahrplänen klaffen Lücken.
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Ländliche Idylle: Eine Bushaltestelle im Sudwalder Ortsteil Bensen. In den Fahrplänen klaffen Lücken.

Sudwalde – „Ich komme mit, wenn ich ein Pony kriege“: Klare Forderung der damals neunjährigen Tochter, als die Familie Morische-Schockemöhle umzieht. Das Wort vom ländlichen Idyll trifft im Landkreis Diepholz auf kaum eine Ecke so passgenau zu, wie auf den Sudwalder Ortsteil Bensen (in den es gehen soll) mit Wald, Wiesen, kleinen Senken, Flussläufen, verstreuten Hofstellen.

Bundesbahnbeamtin Anke Schockemöhle, Mutter zweier heute erwachsener Kinder, schickt vor fünf Jahren die Idee in die Gremien, dass bei mehr Busverbindungen im ÖPNV weniger Eltern/Oma/Opa-Taxen benötigt würden. Der 50-Jährigen fallen zig Gründe ein, warum jemand auf den Bus angewiesen sein könnte – statt das eigene Auto zu nehmen: mobilitätseingeschränkte Personen, Personen ohne Führerschein, Schüler und Auszubildende. Und: „Es kann sich nicht jeder ein Zweitauto leisten.“

Familie Schockemöhle weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Senioren keinen eigenen Führerschein haben – aber Arztbesuche, Frisör, Einkaufen, Post und mehr anstehen. „Ihre Selbstständigkeit ist für diese Personen abhängig von anderen“, moniert Schockemöhle.

Mitunter sind es nur die wenigen Kilometer zwischen Sudwalde und Affinghausen, die überwunden werden müssen, weil in den beiden Ortschaften regionale Versorger zu finden sind (Supermarkt in Affinghausen, Hofladen in Sudwalde, dazu Zahnärzte, Friseur, Bäcker, Blumenladen, Banken).

Wie aber kriegt man einen zusätzlichen Bus auf die Straße – oder gar mehrere? Nach welchen Kriterien wird eine Streckenführung geplant? „Ein Fahrplan muss so gestaltet werden, dass man Anschlüsse zu abfahrenden und ankommenden Zügen etwa in Bassum aus Richtung Syke/Bremen hat und nur ein Bus respektive nur ein Fahrer für die Rundtour einzuplanen hat“, erklärt Schockemöhle. Die Taktung ist mitunter so eng, dass kaum Zeit bleibt an den Endstationen, für eine echte Pause – zum Austreten, Rauchen, Essen. Für die Fahrgäste bedeutet ein Zubringer zum Bahnhof Bassum einen passgenauen Anschluss an Verbindungen gen Bremen oder Osnabrück.

Eine regelmäßige Verbindung bedeutet auch in Sachen Schulstandort mehr Auswahl – denn über per Bahn ab Bassum seien auch das Fachgymnasium oder die Berufsschule Syke erreichbar, zusätzlich zum reinen Schulbus nach Bruchhausen-Vilsen und Sulingen.

Ist die Taktung ausgeweitet auf samstags sowie nachmittags und bis in den Abendstunden, „könnte der Rat Sudwalde einen seiner nächsten Ausflüge per Bus planen“ – das schlug Bürgermeister Rainer Klusmann in der jüngsten Sitzung vor. Darauf monierte ein Ratsmitglied: „Sonntags ist hier tote Hose.“ Was Klusmann so nicht gelten lassen wollte, aber Ratsfrau Anke Schockemöhle bestätigte: „Naja, gemeint ist, was den ÖPNV angeht....“.

Für den 8. Dezember ist die Bekanntgabe einer neuen Busverbindung angekündigt (die bereits im Internet nachzulesen ist). „Ich hoffe, dass sich auch die ältere Generation traut, den Bus zu nutzen und bin gerne bereit, bei Fragen bezüglich des Busfahrplans und passgenauen Tickets zu helfen“, kündigt Schockemöhle an. „Reiseverbindungen heraussuchen sowie die günstigsten Tarife hierzu, das hat mir eigentlich mit am meisten Spaß in den Jobs bei der DB AG gemacht“, bilanziert Schockemöhle ihren beruflichen Werdegang.

Dass bei der Planung geguckt wird, wo bereits Haltestellen eingerichtet sind, hat auch finanzielle Gründe Dann muss keine neue Haltestelle eingerichtet werden – und die Fahrtstrecken sind bekannt, ihre „Bustauglichkeit“ bereits gegeben.

Die bisherigen Haltestellen seien nicht willkürlich gewählt, befänden sich etwa in der Nähe von Wohngebieten. Und damit erreichbar zu Fuß oder per Rad für Jugendliche oder könnten per Anrufsammeltaxi (montags bis freitags) angesteuert werden. „Für Eltern ist das eine enorme Einsparungsmöglichkeit, nicht mehr immer Zeit und Auto für das Bringen oder Abholen der Kinder einplanen zu müssen“, sagt Schockemöhle. Und verrät: „Wenn man das Jugendfreizeitticket richtig nutzt, kommt noch eine hohe Kostenersparnis hinzu – gerade bei den derzeit steigenden Spritpreisen.“

Resonanz aus der Bevölkerung gab es in den Ratssitzungen in der Region, in denen auf die neue Busverbindung bereits hingewiesen wurde. Auch online: Schockemöhle berichtet von Kommentaren wie „Wie cool ist das denn?“ und „Wird ja auch mal Zeit“.

Das Pony übrigens ist inzwischen 24 und in „Rente“, die inzwischen 30-jährige Tochter hat ein jüngeres Reitpferd. Und den Führerschein.

Von Sylvia Wendt

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