Ein Jahr ohne Events

Veranstaltungstechniker Andreas und Jörg Stenzel aus Neuenkirchen: „Brauchen Aussichten“

Firmengründer Andreas Stenzel und Sohn Jörg mit einem der Wagen vor der Firmenzentrale in Neuenkirchen.
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Firmengründer Andreas Stenzel und Sohn Jörg mit einem der Wagen vor der Firmenzentrale in Neuenkirchen.

Neuenkirchen – Andreas Stenzel hat seinen Humor nicht verloren. Seine Antwort auf die Frage, wie lange die Firma in Neuenkirchen noch so durchhalten könnte, lautet: „Wir halten so lange durch, wie wir Lust haben und wenn uns die vergeht, wenn wir nicht mal mehr lachen können, dann ist es zappenduster.“ Ja, das klinge besser, stimmt Sohn Jörg zu. Er hatte ernstere Worte gewählt.

Fast ein Jahr ohne Events – da steht man als Eventfirma irgendwie ziemlich ohne Aufträge da, oder? Andreas Stenzel bestätigt das. Der 64-Jährige hat die Firma „Hanse-Event“ im Jahr 1998 gegründet und beständig als Familienbetrieb am Markt etabliert. Der Terminkalender sei ab März 2020 „ratzfatz leer“ gewesen.

Binnen 48 Stunden ist der Terminkalender leer

Die Pandemieauswirkungen erreichen Vater und Sohn bei einem Kongress, den sie in Frankfurt am Main für einen Kunden ausgestattet haben. Nach zunächst nur einzelnen Absagen ist binnen 48 Stunden alles weg an Aufträgen. Und das in den sonst stärksten Monaten.

Die Firma mit Sitz in Neuenkirchen habe ihre Nische gefunden, kümmere sich um „kleine, feine, saubere Sachen, Mitarbeiterveranstaltungen, Aktionärsversammlungen“. Andreas Stenzel nennt es „Businessveranstaltungen“ mit, in der Regel, bis zu 500 Teilnehmern. In Ausnahmefällen seien es auch mal 2 000. Zu 75 Prozent sind Vater, Sohn und ihr Team in Bremen und Umgebung gebucht, die anderen 25 Prozent führen sie bundesweit an Veranstaltungsorte oder ins Ausland. „Wenn der Kunde das wünscht, dann realisieren wir seine Veranstaltung auch in Nizza.“ Das Team wird immer passgenau für den Auftrag zusammengestellt.

Freelancer ein Jahr ohne Einkommen

Die meisten Kräfte sind Freelancer, die ihr spezielles technisches Fachwissen zur Verfügung stellen. Und die jetzt fast ein Jahr ohne Einnahmen sind. „Da hören die Rücklagen irgendwann auf“, sagt Andreas Stenzel. Wie ist die generelle Stimmung? „Schlecht“, sagt Jörg Stenzel. „Du hast keine Perspektive. Alle warten, alle wollen weiterarbeiten.“ Nicht jeder Freelancer habe einen anderen Job landen können. Manche hatte es zwischenzeitlich in die Gastronomie verschlagen, aber die ist seit Monaten auch geschlossen.

Wiederum andere hätten sich als Kurierfahrer, Lkw-Fahrer oder Ähnliches eine vorübergehende Einnahmequelle gesucht –  die Kosten für Miete und Co. bleiben monatlich fällig. Ob sie alle wieder zurückkehren in die Veranstaltungsbranche, das sei ungewiss, sagen die Stenzels aus Neuenkirchen. Viele hätten Hilfen beantragt, aber nicht bekommen. Auch die Neuenkirchener haben Anträge gestellt – auch sie haben (noch) nichts erhalten.

Für Jörg und Andreas Stenzel ist Technik wichtig, das ist es, was sie liefern. Das heißt: Sie wollen und müssen ihre Ausrüstung immer überprüfen, immer auf dem neuesten Stand halten. An jedem Gerät hängt ganz wörtlich noch die Kabellage, die ebenfalls erneuert werden muss. „Ob Display, Fernseher, Beamer, Computer: Du kannst das ja fast jährlich austauschen, aufgrund der Weiterentwicklungen“, sagt Jörg Stenzel.

Technik muss ständig erneuert werden

Auch jetzt haben sie ihre Technik angepasst, fürs Streamen geeignete Kameras angeschafft, die den Redner automatisch verfolgen. Können die Firmen das nicht selber? Verlagern die das in eigene Abteilungen? Oder glauben Vater und Sohn Stenzel, dass ihre Expertise künftig wieder gebucht wird? Wer es professionell haben möchte, buche die Firma. Wem ein kleines Teammeeting reiche, der könne die hauseigene IT beauftragen, die Technik einzurichten. „Das war aber schon immer so“, stellt Jörg Stenzel fest.

Das Team der Eventfirma sei gewohnt, im Hintergrund zu stehen, all ihre Technik diene nur dazu, den Kunden in seiner Präsentation zu unterstützen.

Der 42-jährige Familienvater sollte im August 2000 eigentlich nur einen Monat mal aushelfen in der Firma des Vaters. Aus dem Monat sind jetzt 20 Jahre geworden. Der ausgebildete Tischler hat obendrein Bürokaufmann gelernt und ist Veranstaltungsmeister. Er hat die Zeit ohne Aufträge für die Familie genutzt, Möbel gebaut – und generell „alles, was so liegen geblieben ist“ erledigt, etwa Software-Updates, Kabelreparatur, Gerätereinigung. Hat er zwischendurch überlegt, in den alten Job zurückzukehren? „Ja, schon“, sagt Jörg Stenzel. Vater Andreas, gelernter Radio- und Fernsehtechniker, ergänzt: „Man weiß ja nie, was kommt.“

Gespräche mit Kollegen gebe es, gucken, was der andere an Ideen hat. Und der Kontakt mit Kunden? Der sonst so lockere Umgang miteinander fehle: Hat der Neuenkirchener Familienbetrieb über Jahre als bewährter Partner fungiert, der auf kurzen Zuruf allein alles organisieren konnte, so seien Kunden derzeit eher nicht zu sprechen. Manche seien im Homeoffice, andere nicht, die Hotels zumeist geschlossen, in denen Veranstaltungen gebucht waren. Es sei für alle derzeit nicht einfach. „Der richtige Austausch fehlt“, sagt Andreas Stenzel. Die Präsenzveranstaltung, bei „der bei einer Tasse Kaffee die richtigen, die wichtigen Gespräche geführt wurden. Das fehlt. Bei der Tasse Kaffee sind viele Dinge mitentwickelt worden.“

Und jetzt? „Da sind wir so flexibel, dass man nicht weiß, wo es hingeht. Es wird einiges verloren gehen“, mutmaßt Jörg Stenzel. „Es werden einige Firmen das nicht überleben“, sagt Andreas Stenzel. Normalität werde es erst geben, wenn man sich wieder die Hand reichen kann.

Was aufreibe, sei, dass keinerlei unternehmerisches Planen möglich sei. „Was soll ich mir denn jetzt Gedanken machen, wenn in 14 Tagen die Ministerpräsidentenkonferenz wieder was anderes beschließt. Wir brauchen Aussichten“, fordert Andreas Stenzel.

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