HAUSGESCHICHTE(N) 80 Jahre Wirtschaft, dann Wohnraum und Archiv

Turnübungen auf der Diele und legendäre halbe Hähnchen

Dieter Lüdeke und sein Sohn Dominic (von links), seit 2009 Besitzer des Hauses.
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Dieter Lüdeke und sein Sohn Dominic (von links), seit 2009 Besitzer des Hauses.

Wesenstedt – Von 1911 bis 1973 hieß das Haus Wesenstedt Nr. 59 „Kunst´s Gasthaus“, von 1973 bis 1991 „Zum Dorfkrug“. 80 Jahre war die Wirtschaft beliebt bei „Kneipengängern“ aller Generationen und weit über den Ort hinaus bekannt. Seit 1994 ist das Gebäude, dessen Geschichte vor 110 Jahren begann, ein Mehrfamilienwohnhaus.

Gründer von Abbauerstelle und Gastwirtschaft war Heinrich Dietrich Friedrich Kunst (1862 bis 1918), Pächterssohn aus Wesenstedt, der bis dato die Wirtschaft auf der gegenüberliegenden Straßenseite (Hof Brinkmann) betrieben und deren Konzession auf seine neue Stelle übertragen hatte. Sein Sohn Ludwig Kunst (1891 bis 1962) ließ sie am 18. Januar 1921 in die Höferolle eintragen. Dritte Besitzerin (1962 bis 1973) war dessen Tochter Anne Stahmann. Margret Bliefernicht, Vorsitzende des Heimatvereins Kirchspiel Schmalförden, hatte sie im Rahmen des Gaststättenprojektes des Kreisheimatbunds als Zeitzeugin befragt.

Anne Stahmann erinnerte sich daran, dass die Gastwirtschaft in früheren Zeiten rund um die Uhr geöffnet hatte. Die Familie betrieb Gast- und Landwirtschaft mit Unterstützung von Aushilfen und Landarbeitern. Unter den Gästen, die aus der näheren und weiteren Umgebung kamen, waren auch Viehkäufer: Das Haus verfügte über eine öffentliche Viehwaage. Bis 1938 fand bei Kunst die Maifeier statt, und die Feuerwehr Wesenstedt richtete in ihrem Vereinslokal das Erntefest aus.

Der Turnbetrieb des 1929 in Wesenstedt gegründeten Turnvereins fand bei Kunst auf der Diele statt. Nachdem mehrere Mitglieder zum Militär eingezogen wurden, löste sich der Verein auf, die Geräte wurden der Schule übergeben.

Von 1911 bis 1973 hieß das Haus Wesenstedt Nummer 59 „Kunst´s Gasthaus“, von 1973 bis 1991 „Zum Dorfkrug“. 80 Jahre war die Wirtschaft beliebt bei „Kneipengängern“ aller Generationen.

Während des Krieges hatten die Militärs im Erkerzimmer eine Schreibstube eingerichtet. In der Diele feierte man „Manöverball“, für die Teilnahme war ein Ausweis arischer Abstammung erforderlich. Die Gastwirtschaft verfügte über ein öffentliches Telefon, das nach Voranmeldung genutzt werden durfte. Auch Telegramme konnte man hier aufgeben.

In den Nebengebäuden hielt Familie Kunst Pferde, Kühe und Schweine. Nach dem Krieg wurde die Diele, die später zum Festsaal ausgebaut wurde, auf Wunsch der polnischen Kriegsgefangenen für Tanzveranstaltungen genutzt. Die Gästezimmer dienten zeitweise als Lehrerwohnung und als Flüchtlingsunterkünfte.

Das Haus verfügt über zwei Single-Wohnungen und drei größere Wohneinheiten.

Vielen Kneipenbesuchern ist die Zeit zwischen 1973 und 1987, in der Okko und Addi Brahms die Gaststätte führten, noch nachhaltig in Erinnerung. Bis tief in die Nacht waren Gäste willkommen, und auch die Küche war nachts um halb 3 Uhr noch nicht kalt. „Die halben Hähnchen waren legendär“, erinnern sich damalige Stammgäste. Nach dem Tod von Okko Brahms im Jahr 1985 übernahmen Frau und Tochter die Geschäfte. Sie veräußerten das Anwesen 1987 an den Koch Georg May. Sechs Jahre später erwarb Tischler Dieter Lüdeke Haus und Hof im Rahmen einer Zwangsversteigerung.

„Die halben Hähnchen waren legendär“

„Ich wollte das Haus für die Ortschaft erhalten“, erklärt er seine Motivation. Als Vorbild für die Neugestaltung dienten historische Fotos, Lüdeke investierte selbst viele Stunden Eigenleistung in das Projekt „Dorfkrug“. Im Zuge der unter seiner Regie mit Verantwortungsgefühl und Augenmaß erfolgten Sanierung erhielt die Fassade wieder ihr ursprüngliches Aussehen: Unter anderem wurden die in den 1970er Jahren im Stil der Zeit vergrößerten Fensteröffnungen durch Flügelfenster mit Oberlicht ersetzt.

Kneipe und Clubzimmer wurden zu Wohnungen umgebaut: Die Tür zur früheren Gastwirtschaft führt in den Eingangsbereich. Das Haus verfügt über zwei Single-Wohnungen und drei größere Wohneinheiten. Einen Teil des ehemaligen Saales nutzt der Heimatverein Kirchspiel Schmalförden heute als Veranstaltungsraum und Archiv. Dieter Lüdeke und sein Sohn Dominic, seit 2009 Besitzer des Hauses, planen, mittelfristig in diesem Bereich vier weitere Wohnungen auszubauen.

Serie HAUSGESCHICHTEN:
Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

Von Martina Kurth-Schumacher

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