Spaziergang im Nechtelser Holz: Neue Ansätze und altbekannte Regeln

Treffpunkt: Buche mit Herz

Eine Buche mit Herz wächst seit, geschätzt, gut 80 Jahren im Nechtelser Holz.
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Eine Buche mit Herz wächst seit, geschätzt, gut 80 Jahren im Nechtelser Holz.

Schwaförden – Es wird nicht geraucht, nicht getrunken, und wer Süßes nascht, packt das Papier gefälligst wieder ein und nimmt es mit nach Hause. So ein Waldspaziergang hat Regeln. Und dann: Wenn sich Sonnenstrahlen durch das Blätterwerk und das Geäst stibitzen und auf den moosreichen Waldboden federn, ist das immer ein wunderbares Bild. Welche Bäume da stehen? Hmmm. Am Freitag, 18. September, um 17 Uhr, erhält Nachhilfe in Sachen Baumkunde, wer am Waldspaziergang teilnimmt. Wälder, ihre Entstehung, ihre Pflege und ihre Bedeutung im Hinblick auf den Klimawandel sind weitere Themen, wenn das Team des Forstamtes Nienburg unterwegs mit Gästen ist.

Im Rahmen der Deutschen Waldtage geht es in einen „außergewöhnlichen Wald“: Naturnaher Mischwald, den Oberförster Erdmann vor gut 100 Jahren begann, aufzubauen. Revierförster Marco Becker und Forstamtsleiter Henning Schmidtke werden auf einem etwa zweistündigen Rundgang durch das Nechtelser Holz (Treffpunkt: Nechtelser Holz, am Wasserwerk südlich von Schwaförden, Navigation: Nechtelsen 11, 27232 Sulingen) vor allem die Besonderheiten dieser Waldbewirtschaftungsform vorstellen. Nachgefragt bei Rainer Städing, Regionaler Pressesprecher für die Forstämter Ankum, Ahlhorn, Neuenburg und Nienburg.

Was ist naturnaher Mischwald?

Ganz einfach – das Gegenteil von einer Plantage. Mischwald deswegen, weil sich auf gleicher Fläche verschiedene Baumarten möglichst noch verschiedenen Alters ein Stelldichein geben. Wir sprechen von horizontaler und vertikaler Struktur. So wie sich die verschiedenen Bäume oberirdisch mischen, ergänzen sich die verschiedenen Wurzeltypen und Nährstoffansprüche der verschiedenen Baumarten im Boden, erschließen unterschiedliche Bodentiefen und -schichten. Alles deutlich stabiler gegen Sturm, Wetterextreme und Kalamitäten durch Schädlinge oder Krankheiten.

Die Naturnähe ergibt sich aus der Wahl von überwiegend standortheimischen Baumarten und der Anpassung der Baumartenwahl an das Klima und die Wasser- und Nährstoffausstattung des jeweiligen Waldbodens. Also Erle und Esche in einen nassen Bruchwald, Buche als Grundgerüst in normale Waldstandorte, Kiefer und andere in sehr trockene Bereiche.

Und was macht ihn so außergewöhnlich?

Die Landesforsten streben solche Waldformen seit Anfang der 1990er mit ihrem Langfristigen Ökologischen Waldentwicklungsprogramm (LÖWE) an. Das braucht aber mehr als die bisherigen drei Jahrzehnte. Ältere Mischwälder dieser Art gibt es bundesweit nur in recht wenigen Forstbetrieben. Daher die relative Seltenheit und aktuell ihre Vorbildfunktion, denn in vielen dieser naturnahen Mischwälder sind die Waldschäden, wie in Erdmannshausen, deutlich geringer.

Der Trick ist die höhere Standsicherheit der Bäume, die Verteilung des Schadrisikos auf viele Baumarten und nicht auf eine oder zwei. Die Altersmischung: Man kann oben ernten, während es von unten nachwächst.

Wenn dann noch natürliche Ansamung (Naturverjüngung) funktioniert, dann kann man den Wald in einem perfekten Bewirtschaftungskreislauf halten, ohne ihn groß zu beeinträchtigen.

Könnten Sie Tipps geben für den Privatmann, der sein großes Familien-Grundstück mit Bäumen zieren möchte, um seinen kleinen Beitrag für den Klimawandel leisten?

Heimische Baum- und Straucharten, die zur Artenvielfalt beitragen. Naturnahe Hecken, fruchttragende Wildbäume. Bäume und Sträucher mit einem sehr frühen oder einem sommerlich späten Blühzeitpunkt sind ratsam – und eine gute Beratung in einer Baumschule.

Und was wäre ein Rat an Kommunen, etwa für Ausgleichsflächen: Wie sollten die bepflanzt werden?

Ausgleichpflanzungen erfolgen in der Regel sehr stark unter Naturschutzgesichtspunkten. Waldvermehrung ist immer gut. Mein Kollege in Harpstedt nimmt bei seinen Trinkwasserwaldaufforstungen (von ehemaligen Ackerflächen) eine Mischung in 20-Meter-Streifen von Eiche, Bergahorn, Esskastanie, Winterlinde, Flatterulme und dann einen schön breiten Strauchsaum drumherum.

Eine Alternative zum Streuobst wäre, Nussbaumbestände anzulegen.

Oder Agroforstsysteme, wie etwa Pflanzreihen von Bäumen und Sträuchern und dazwischen extensive Blühstreifen. Nach meinem Eindruck ist die Zeit reif, neue Ansätze zu probieren, die manchmal altbekannt, aber aus dem Blickfeld geraten sind.

Stichwort Klimawandel: Welche Auswirkungen hatten die trockenen Jahre seit 2017 auf die Wälder der Region?

Die Kollegen in den Revieren haben zum Teil deutliche Probleme mit der Fichte, die aber nur einen Anteil von drei Prozent in den Erdmannwäldern und in den anderen Landesforstflächen von 6,3 Prozent innehat.

Die Buchen leiden unter der Trockenheit insbesondere an besonnten Waldrändern. Man kann die dürren Kronen manchmal gut von der Straße aus erkennen.

Die Kiefer leidet in manchen Revieren unter einem Diploida-Pilz, der Zweige oder ganze Kronen zum Absterben bringt. Früher war dieser Pilz eher im Mittelmeerraum virulent. Allgemein nimmt die Zahl der Schadorganismen zu – einmal durch die Dürre und zum Teil durch eingeschleppte Schaderreger wie Eschen-Triebsterben, ein Pilz aus Ostasien.

Ist das Nechtelser Holz, durch das es am 18. September geht, sonst auch öffentlich zugänglich?

Alle Wälder in Niedersachsen sind öffentlich zugänglich, auch das Nechtelser Holz. Die Erschließung durch gute wandergeeignete Wege und Parkplätze an den Waldeingängen ist unterschiedlich entwickelt.

Was sollten die Spaziergänger beachten?

Wir freuen uns über das seit Corona gestiegene und seitdem anhaltende Interesse, unsere Wälder aufzusuchen.

Da kommen allerdings auch Bürger, die die Basics nicht befolgen, wie Nichtrauchen, kein Feuer machen, Wegegebot in Naturschutzgebieten, keinen Müll hinterlassen, keine Pflanzen entnehmen, Radfahrer nehmen Rücksicht auf Spaziergänger und: Waldeingänge und Wegeschranken nicht zuparken, die benötigen wir für Holzabfuhr und Rettungsfahrzeuge.

Bei einem Waldbesuch sollte man außer auf Zecken auch den Blick nach oben richten und nicht gerade unter einem Baum mit abgestorbener Krone oder ähnlichem seine Pause machen.

Welche Bereiche im Forstamt Nienburg sind auch ohne größeren Orientierungssinn für einen Waldspaziergang geeignet? Gibt es Bereiche, die sich etwa besonders für Familien eignen?

Die Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollzähligkeit und ist begrenzt auf den Landkreis Diepholz: Der große Wald bei Schwaförden, wir nennen es Hauptrevier, mit Ausgangspunkt am Waldpädagogikzentrum; der Wald bei Neubruchhausen: Hau und Bark und Papenhuser Sunder verbunden durch das Hachetal; Heiligenberg und Sellingsloh bei Bruchhausen-Vilsen; bei Syke die Westermark und das Friedeholz; der Dicke Braken bei Bassum; die Markonah bei Barnstorf; der Kellenberg bei Rehden.

Neuer Radweg geplant: der Erdmann-Trail:

Einen ungewöhnlichen Radweg plant das Forstamt Nienburg zwischen Sulingen und Bassum-Neubruchhausen. „Ein gut 60 Kilometer langer Radrundweg soll auf bislang neun Stationen das Leben und Wirken von Oberförster Erdmann darstellen, der vor fast 130 Jahren begann, Mischwälder anzulegen“, erklärt Forstamtsleiter Henning Schmidtke eine Idee, die seit zwei Jahren „immer, wenn Zeit ist“ aufgegriffen wird.

Wälder, die niedersachsenweit eine Besonderheit seien, werden durch eine Route verknüpft, erfahrbar, erlebbar, mit Infotafeln und mehr.

Fertig sein soll der „Erdmann-Trail“ im Jahr 2021, passend zur Radlersaison im Frühjahr.

Neben der langen Route sind auch zwei kürzere Rundwege möglich, die Südroute ab Sulingen beträgt 45 Kilometer und ab Neubruchhausen wäre die Nordroute 30 Kilometer lang.

Zu den Informationspunkten gehören auch die mit 180 bis 200 Jahren ältesten Kiefern des Waldes. Der Erdmann-Rundweg soll an die bestehenden Fernradwege angebunden werden.

In Nienburg oder Hoya ist der Weser-Radweg erreichbar und in Bassum oder Sulingen kreuzt der neue Rundweg die Weser-Lippe-Bahnroute und die Strecke Bremen – Bad Oeynhausen.

Von Sylvia Wendt

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