Besondere „Therapeuten“ in Bethel-Wohngruppe

Tiere hören, was kein Erwachsener jemals erfährt

Zusammen Kuscheln: Entspannung pur für Mensch und Tier.

Ehrenburg - Von Julia Kreykenbohm. Geschickt öffnet Finn (Name von der Redaktion geändert) die Tür zum Stall. „Wir füttern die Hühner mit Körnern und Mais“, erzählt der Siebenjährige eifrig, während es vor ihm am Boden leise gackert. „Auch abends, sonst haben sie ja die ganze Nacht über Hunger.“ Man merkt schnell: Der aufgeweckte Blondschopf hat sein Herz den Tieren weit geöffnet. Er ist gern bei ihnen und kümmert sich liebevoll. Einen Hahn, der im Alter erblindete, pflegte er bis zum Schluss, und als das Tier starb, war er schrecklich traurig.

Eine normale Reaktion – doch nicht unbedingt für Finn. Der Junge hat eine Bindungsstörung. In seinem jungen Leben ist er bereits oft enttäuscht worden, sodass er gelernt hat, dass er sich auf Erwachsene nicht verlassen kann. Finn sorgt nur für sich selbst. Aber bei den Tieren ist alles anders. Sie sind verlässlich, und deswegen vertraut er sich ihnen an.

Ein Phänomen, das Maike Rudloff und Andrea Hohmann bei vielen ihrer Schützlinge beobachten. Die beiden Pädagoginnen leiten eine kleine Wohngruppe von Bethel im Norden. Am Ende eines Feldwegs in Ehrenburg, inmitten von Feldern und Wiesen, steht ein lang gezogenes Gebäude, das von grünen Hecken und Bäumen umgeben ist. Dort leben die Frauen mit „ihren“ vier Kindern. Finn ist der Jüngste. Michael ist acht, Sarah elf und Lena zwölf Jahre alt.

„Die Sehnsucht nach einer Familie bleibt“

Die Kinder kommen aus Familien, in denen es einen geregelten Tagesablauf nicht gab. „Die Eltern konnten sich nicht kümmern, und das Ergebnis war Verwahrlosung“, erklärt Rudloff. Die permanenten Enttäuschungen haben die Kinder traumatisiert. Nun kümmern sich Rudloff und Hohmann um sie, geben Geborgenheit und Struktur. „Wir sind eine Mischung aus Oma und Tante“, versuchen sie, ihre Rollen zu beschreiben. Die Sehnsucht nach einer Familie bleibe immer, aber man versuche, diese ein bisschen aufzufangen.

Die Frauen erhalten bei ihrer Arbeit Unterstützung von „Kleiner Donner“, „Henry“, „Mareike-Antje“ „Vier Euro“, „Candyman“ und vielen anderen. Diese „Therapeuten“ arbeiten ohne Ausbildung und ehrenamtlich – für Kost und Logis. Von ihnen gibt es Gemecker, Gequake, Gebelle und Gewieher statt Fachwörter. Dennoch leisten sie hervorragende Arbeit. „Was die Kinder ihnen anvertrauen, erzählen sie keinem Erwachsenen“, sagt Rudloff über ihre „Kollegen“. Es handelt sich um Hunde, Esel, Schildkröten, Hasen, Ziegen, Hühner, Enten, Lamas, Ponys und Pferde. Sie sind Teil der tiergestützten pädagogischen Arbeit, die die Wohngruppe, eine Außenstelle der Wohngruppe „Wildfang“ in Scharrel, anbietet.

Neben den vier Kindern, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr dort bleiben und mit den Tieren aufwachsen, kommen auch häufig Kinder aus Scharrel zu Besuch. Ein festes Programm gibt es dabei nicht. Alles basiert auf Freiwilligkeit. „Es ist ein Angebot, keine verordnete Krankengymnastik“, sagt Rudloff.

Kinder suchen sich ihre liebsten Tiere aus

Kommt ein Kind zum ersten Mal, soll es Zeit haben, sich alle Tiere anzuschauen. Je nach Neigung sucht es sich dann eines aus, mit dem es Zeit verbringt, es füttert, streichelt – oder auch einfach nur in seiner Nähe ist. „Wir haben Kinder, denen reicht es, bei den Enten zu sitzen und sie anzusehen oder neben den Schildkröten im Gras zu liegen. Die Paare finden sich meist von allein“, berichtet Hohmann. Die Pädagoginnen beobachten alles, schlagen dem Kind Aktivitäten rund um das Tier vor oder unterstützen es, wenn es vielleicht ein größeres Gehege bauen oder reiten will. Die Tiere haben auf die meisten Kinder eine erstaunlich positive Wirkung, weil sie nicht tadeln, nicht hänseln, nicht werten. „Sie haben die Kinder einfach lieb, egal wer sie sind was sie getan haben. Das tut den verletzten Seelen gut.“

Außerdem lernen die Kleinen, die Körpersprache der Tiere zu respektieren, und werden achtsamer. „Wenn ein Kind in das Kaninchengehege stürmt, verstecken sich die Vierbeiner. Das macht mehr Eindruck, als wenn wir sagen, dass es ruhig sein muss.“ Es sei verblüffend, wie die Tiere durch ihr Verhalten das der Kleinen beeinflussen. „Wir haben hyperaktiven Kindern ein Küken gegeben, und diese haben dann später mich ermahnt, still zu sein, weil das Kleine schläft“, erinnert sich Rudloff und lacht.

Kein Ersatz für eine Therapie

Die tiergestützte Pädagogik ersetze niemals eine Therapie, so Hohmann. Und sie sei auch nicht für jedes Kind das Richtige. Sie sei eine Ergänzung, weil die Kleinen durch die Tiere zur Ruhe kommen können, Erfolgserlebnisse haben und auch Selbstbewusstsein entwickeln.

„Wenn sie zum Beispiel in der Schule mit ihrem Wissen über die Tiere glänzen können, gibt das den Kindern, denen die Klassenkameraden sonst immer etwas voraushaben, sehr viel.“ Das seien kostbare Erinnerungen, die sie nie vergessen. „Viele von unseren ehemaligen Schützlingen kommen uns noch heute besuchen“, sagt Rudloff und lächelt. „Das zeigt uns, dass sie mit diesem Ort etwas Positives verbinden.“

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