Henning Schmidtke erklärt das Konzept der „Fachleute für Totalamputation“

Sichtschneisen für die Sicherheit

Rodungsarbeiten in Ehrenburg gewähren Einblicke in die Seitenräume.
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Rodungsarbeiten in Ehrenburg gewähren Einblicke in die Seitenräume.

Schwaförden – Huch, wollen die einen Radweg bauen oder warum wird hier abgeholzt? Nein, der Radweg ist schon da. Auch eine Verbreiterung der Landesstraße 341 zwischen Anstedt und Ehrenburg auf vier Fahrspuren ist nicht zwingend notwendig. Was also ist hier passiert? „Von den insgesamt etwa 11 000 Hektar Flächen der Landesforsten summiert sich der Bereich in unmittelbarer Nähe zu öffentlichen Straßen und Wegen auf 500 Kilometer. Für diese 500 Kilometer haben wir ein Konzept zur Optimierung von Arbeits- und Verkehrssicherheit erstellt“, erklärt Henning Schmidtke, Leiter des Forstamtes Nienburg. Soll heißen: Es gibt eine Prioritätenliste, nach der diese 500 Kilometer nun systematisch bearbeitet werden. Nicht mit der Holzhammermethode, sondern mit dem Harvester.

In den letzten Jahren seien die Arbeiten zur Verkehrssicherung (darunter das Beseitigen toter Bäume, die in den Verkehrsraum zu stürzen drohen sowie von Ästen, die in den Straßenraum ragen) sehr zurückhaltend durchgeführt worden. Mit dem jetzt erarbeiteten Konzept solle die Sicherheit sowohl für Verkehrsteilnehmer wie auch für Forstamtsmitarbeiter in den Revieren erhöht werden.

„Schneiden allein reicht nicht“

Allerdings: Die Situation stelle sich aktuell so dar, dass schneiden allein nicht reiche. „Da kommen wir nicht gegen an. Und außerdem ist es zu teuer, Einzelbäume zu beschneiden“, erklärt Schmidtke und ergänzt mit einem Schmunzeln: „Wir sind eher Fachleute für Totalamputation.“

Markiert werden vor den Arbeiten jene Bäume, die stehen bleiben dürfen. „Das können Uraltbäume werden, wir behalten sie im Blick, prüfen sie regelmäßig.“ Stehen sie frei, können sie sich besser entwickeln. Die bearbeiteten Bereiche seien zudem leichter zu beurteilen bei den regelmäßigen Verkehrssicherheitskontrollen.

Die 500 Kilometer langen Areale neben öffentlichen Straßen werden systematisch durchgearbeitet mit schwerem Gerät, für das als Partner die Fachfirma Rowin aus Wehrbleck beauftragt wurde. Straßensperren möchte man vermeiden, heißt es.

Das Team schaffe pro Jahr wohl etwa 30 bis maximal 50 Kilometer und angesichts der Gesamtlänge dauere es sicher um die 25 Jahre, bis das Team einmal durch sei, rechnet Henning Schmidtke vor.

Waldbewirtschaftung geht auch weiter

Die Einsatzstelle zwischen Anstedt und Ehrenburg ist nur einer der Auftaktbereiche in der Abarbeitung der Prioritätenliste. Zeitgleich mit allen Arbeiten zum Erfüllen der Verkehrssicherungspflicht werde der dahinter liegende Bereich im Rahmen der ganz regulären Waldbewirtschaftung bearbeitet. Dazu zähle, Totholz zu entnehmen. Die Verkehrssicherung erklärt Schmidtke nicht allein mit der Aufsicht über Baumbestand, der bei ungünstiger Wetter- und Windkonstellation auf die öffentliche Straße stürzen kann, sondern auch mit der Vermeidung von Nässestau durch Laub auf Straßen und Wegen (und damit verbundener Rutschgefahr) sowie Wildwechsel.

Henning Schmidtke markiert einen Baum, der bleibt.

Zwischen Schwaförden und Scholen fahren Verkehrsteilnehmer durch ein Waldstück, das wie ein Tunnel wirkt, mit Bäumen links und rechts bis fast an die Fahrbahn. Der Radweg ist mit Laub bedeckt und kaum sichtbar. So sehe ein Bereich aus, in dem das Forstamt noch nicht tätig war. Beim Fahren entlang der Kreisstraße 11 wird auch deutlich, wie schwer man es als Autofahrer hat, Tiere, die die Fahrbahn kreuzen wollen, im Dickicht neben der Straße zu erkennen.

Ist der Korridor erweitert, wie entlang der L 341, habe der Autofahrer die Chance, Tiere rechtzeitig wahrzunehmen. „Wir sind fest davon überzeugt, dass wir mit dieser Maßnahme die Anzahl der Wildunfälle in den Bereichen senken können und werden das aufmerksam verfolgen.“

„Einmal kurz und knackig“ durcharbeiten und „dabei verdienen wir keinen Cent“, stellt Schmidtke klar. Zumeist falle sogenanntes Hackholz an, das die Wehrblecker Firma Rowin zu Holzhackschnitzeln weiterverarbeite. Nutzholz werde gestapelt. Die Niedersächsischen Landesforsten haben die sonst sehr beliebten Auktionen coronabedingt abgesagt. Wer jedoch Holz erwerben möchte, möge sich an die jeweiligen Revierleiter wenden.

Auf den Flächen, die derzeit bearbeitet werden, sieht es zwar jetzt schlimm aus, Henning Schmidtke versichert jedoch, dass dort bereits in einem Jahr wieder mannshoher Jungbaumbewuchs sprieße. „Der Wald holt sich das wieder und die nächste Waldgeneration kann rauskommen.“

Vier von acht Baumarten stark betroffen

Das ist dringend notwendig, denn: vier von acht Baumarten seien bereits stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Die Fichte leide am meisten. Die Hitze bringe die Bäume an die Grenze der Belastbarkeit. Der Borkenkäfer beschädigt die Fichte, die Birken seien vertrocknet, Eschen litten unter Eschentriebsterben und der Bergahorn unter der Rußrindenkrankheit. Grundsätzlich seien aber alle Baumarten betroffen.

Nutzholz ist hier für den Verkauf gestapelt.

Nach dem Einsatz in Anstedt geht es weiter im Sudwalder Gehege für den kleinen Harvester, der große wird in der Lüneburger Heide eingesetzt, der Bagger werde Verkehrssicherungsmaßnahmen in Freidorf und Liebenau durchführen.

Etwa 200 bis 300 dicke Buchen sollen aus dem Bestand entnommen werden, erklärt Schmidtke. Dazu werde das Team der Firma Schmitting aus Schwaförden die Bäume einzeln fällen. Allerdings stehen diese Bäume nicht in der Nähe von Straßen – die müssten sonst für die Baumfällarbeiten gesperrt werden.

Das Konzept samt Prioritätenliste sei an die zuständigen Straßenmeistereien und die Polizeistation Nienburg kommuniziert.

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