Aktion des Dehoga-Landesverbandes

Auch Scholener Gastwirt Erhard Brand zeigt „weiße Flagge“

Auf die Perspektivlosigkeit aufmerksam machen, mit der er und seine Berufskollegen seit Monaten zu kämpfen haben, will Gastwirt Erhard Brand.
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Auf die Perspektivlosigkeit aufmerksam machen, mit der er und seine Berufskollegen seit Monaten zu kämpfen haben, will Gastwirt Erhard Brand.

Scholen – Hotel- und Gaststättenbetriebe lassen an diesem Donnerstag weiße Tischtücher aus den Fenstern ihrer Häuser flattern. Sie kommen damit dem Aufruf ihres Landesverbandes nach, „Flagge“ zu zeigen und auf ihre schwierige Situation aufmerksam zu machen. Auch der Scholener Gastwirt Erhard Brand, Vorstandsmitglied des Dehoga-Kreisverbandes Diepholz-Sulingen, macht mit: „Es geht schließlich um die Zukunft meines Betriebs.“

Während Vertreter des Landesverbandes vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover das Gespräch mit Politikern suchen und ihren Forderungen nach verbindlichen Öffnungsperspektiven und mehr Gerechtigkeit bei den Finanzhilfen Nachdruck verleihen, ist die Aktion vor Ort gewissermaßen ein Weckruf an die Bevölkerung. Brand: „Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie es um uns steht.“ Neben dem wirtschaftlichen Desaster – nach der November- und Dezemberhilfe gab es keine staatliche Unterstützung für die Branche, im ländlichen Raum seien ohnehin nur wenige Betriebe berücksichtigt worden – hätten seine Kollegen und er vor allem mit der Perspektivlosigkeit zu kämpfen. „Wir hatten sechs Monate Stillstand: Das geht auf die Psyche.“ Besonders belastet seien Kollegen, die neben laufenden Kosten wie für Strom, Wasser und Gas auch noch Pachtzahlungen zu schultern haben. „Ihnen steht das Wasser bis zum Hals.“ Er selbst sei optimistisch, was die Zukunft seines Betriebes angeht. Zurzeit bietet er Außerhaus-Verkauf an – nicht, um Geld zu verdienen, sondern um im Gespräch zu bleiben und „etwas zu tun zu haben“. Dass ihn viele seiner Stammkunden in dieser Sache unterstützen, freue ihn, betont der 47-Jährige, allerdings sei die Nachfrage rückläufig.

Das große Problem sei, dass niemand wisse, wie es weitergeht. Öffnungskonzepte und Machbarkeitsanalysen des Verbandes laufen ins Leere. Thema Außengastronomie: Es gibt Fördermittel für die Modernisierung des Außenbereichs, aber niemand wisse, ob das langfristig Zukunft hat. Laufkundschaft habe man auf dem Dorf ohnehin so gut wie gar nicht. Werden nach der Öffnung von Gästen negative Corona-Tests gefordert? „Wenn wir hier vor Ort testen dürften, wäre das machbar, ist vor dem Gaststättenbesuch ein Schnelltest in der Apotheke gefordert, bleiben die Leute wahrscheinlich zu Hause“, sagt Brand. Die Anschaffung von Lüftungsgeräten ist ein weiteres Thema. Sind sie künftig Voraussetzung für eine Betriebsgenehmigung? Lohnt es sich, Geld zu investieren, das man in der aktuellen Situation nicht hat? Unklar sei auch, ob eine App zur Kontaktpersonennachverfolgung Sinn macht: „Wir haben viele ältere Stammkunden, die kein Smartphone haben. Da muss es also noch eine andere Lösung geben.“

Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie es um uns steht.

Erhard Brand

Jetzt, wo der Inzidenzwert zurückgehe, wäre es Zeit für einen Lichtblick, unterstreicht Brand. An einen Regelbetrieb mit großen Feiern sei aktuell zwar noch nicht zu denken, vielleicht aber an eine vorsichtige Öffnung mit kleinen „Sitzveranstaltungen“. Dass sich ein Teil des Personals inzwischen beruflich umorientiert hat, ist ein weiteres Kapitel des Gastro-Dramas.

Wilhelm Nordloh, Vorsitzender des rund 70 Mitglieder zählenden Dehoga-Kreisverbandes Diepholz-Sulingen (Wirteverein), spricht von einem Totalversagen der Politik. Die Gastronomen hätten Hygienekonzepte diskutiert und zum Teil umgesetzt, aber im Grunde genommen ohne verlässliche Aussagen der Entscheidungsträger. Aufgrund von Rückmeldungen aus dem Verein geht er davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der Betriebe dauerhaft schließen werden.

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