Heinrich Kanzelmeier aus Neuenkirchen kandidiert, aber...

Ratsherr ja, aber nicht mehr Bürgermeister

Heinrich Kanzelmeier kandidiert um ein Mandat, stünde als Bürgermeister aber nicht erneut zur Verfügung.
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Heinrich Kanzelmeier kandidiert um ein Mandat, stünde als Bürgermeister aber nicht erneut zur Verfügung.

Neuenkirchen – Heinrich Kanzelmeier aus Neuenkirchen hat in Bezug auf die anstehende Kommunalwahl am 12. September eine Entscheidung mit Nachhall getroffen. Er kandidiert zwar wieder - jedoch würde er als Bürgermeister der Gemeinde Neuenkirchen nicht erneut zur Verfügung stehen. Warum nicht? Auf zum Interview.

Die Tür zur Diele ist zweiteilig: Erst oben öffnen, dann den unteren Teil und schon steht man in der Deele. Die wiederum bietet eine Zeitreise. Zurück in die beruflichen Anfänge, als Heinrich Kanzelmeier sich eher als Revolutionsführer gesehen hat. Aber keinesfalls als typischer Bürgermeister. Leere Verkaufsregale entlang der Deele erinnern an die Anfänge von Sabine und Heinrich Kanzelmeier, die bereits einen Hofladen hatten für ihr Bio-Gemüse, bevor das hip wurde.

Und zack, ist der eigentliche Grund des Besuchs vergessen, das Thema stattdessen Hofverkaufsoptionen, deren Vergangenheit und Zukunft, Einkaufsverhalten von Verbraucher und Einzelhandel. Was aber letztlich wiederum doch mit dem Grund des Gesprächs zu tun hat.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl lässt Einkäufer für besonders sensible Nahrungsprodukte, genauer: Babynahrung, auf die Karte gucken, wo am wenigsten Niederschläge mit belastenden radioaktiven Stoffen, darunter Jod, Cäsium, Strontium und Plutonium, verzeichnet werden.

„Unsere Gegend hier war sauber“, erinnert sich Kanzelmeier, der damals Landwirtschaft an der Fachhochschule Osnabrück studiert. Die Überlegung: Als Nebenerwerbslandwirt den Hof bewirtschaften und das Geld woanders verdienen. Der Plan geht schief.

Das Paar ist gleich vorne mit dabei, als es um den Anbau mit Bio-Qualität geht. Und das geht nicht ganz so nebenbei wie geplant. Es wird ein Vollerwerbsjob. „Bauer und Freizeit, das schließt sich aus“, sagt Kanzelmeier. Auch, als die Familie die Produkte nicht mehr nur passgenau an Kunden abgibt, die mit dem Rad auf den Hof rollen, sondern Lkw-weise den Verkauf regelt. Für den Hofverkauf hatte die Familie einst die 400 Jahre alte Deele erneuert, die heute wieder ein Dornröschenschlaf fristet. Regionalität ist aber doch wieder gefragt? „Ja, aber Neuenkirchen hat nur 1 250 Einwohner. 20. 000 wären besser“, sagt Kanzelmeier.

Wie meint er das jetzt genau? Wenn die Familie Getreide, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Spinat, Schwarzwurzeln und andere Gemüsesorten mit viel Einsatz anbaut, pflegt und erntet – dann sind am Ende (finanziell) mehr Kunden notwendig als nur eine Handvoll Stammkunden, die heute noch vorbeischauen. Lippenbekenntnisse von Verbrauchern stehen im Gegensatz zu dem, was all jene, die auf Bio, Tierwohl und ähnliche Gütesiegel setzen, tatsächlich einnehmen.

Kanzelmeier wird 1996 erstmals in den Samtgemeinderat Schwaförden gewählt und das kommt in Neuenkirchen bei manchen gar nicht gut an: Es geht ja gar nicht, dass er sich nicht auch um ein Mandat im Ortsrat bewirbt. Macht er dann 2001. Und wird auch da gewählt. 2011 erhält er die meisten Stimmen in der Gemeinderatswahl und nennt es „preußisches Pflichtbewusstsein“ als Ratsmitglied mit den meisten Stimmen sich als Bürgermeister wählen zu lassen. „Ich habe die letzten zehn Jahre nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet. Dass die Zeit so schnell läuft...“, sinniert Kanzelmeier. Und bedauert die Zeit, die er nicht mit der Familie verbracht hat. Während er auf dem Feld ackert, notiert Ehefrau Sabine die telefonischen Anfragen an den Bürgermeister. Und nicht nur die Ehefrau, sondern auch die drei Kinder stecken zurück.

Nun ist Kanzelmeier seit einem Jahr Opa. Sohn Falk, 24, will in die Fußstapfen als Landwirt treten. Und Heinrich Kanzelmeier mehr Zeit für die Familie haben. Am Ende des Wahlmonats September wird er 60. „Es hat Spaß gemacht. Man wächst, wenn man sich engagiert, auch menschlich“, lautet seine Bilanz.

Kanzelmeier findet, dass sich jeder mal einbringen müsse für das Gemeinwesen – und stehe als Bürgermeister nicht erneut zur Verfügung.

Er findet, und damit sind wir beim Grund des Gespräches, dass es nur ehrlich ist, wenn er vor der Wahl sagt: „Ja, ich kandidiere erneut um ein Mandat für den Gemeinderat – aber ich würde nicht erneut als Bürgermeister zur Verfügung stehen.“ Mit seinen Stellvertretern Kai Wilker und Lars Christian Oetker habe die Zusammenarbeit stets perfekt funktioniert. Der Rat habe immer als Team gearbeitet, deshalb wolle er keine einzelne Sache herausstellen.

Vertrauensvoll und verbindlich sei die Zusammenarbeit gewesen mit der Verwaltung in Schwaförden. Das „schöne Dorf“ Neuenkirchen habe so viele nette Leute, er sei überrascht gewesen, immer wieder, dass man ihm immer wieder so gut und freundlich begegnet sei.

Nun aber an der Spitze der Gemeinde ohne ihn: Die neue Generation könne sich mit den neuen Anforderungen befassen, zu denen er unter anderem die Online-Kommunikation zählt. Dieses sekundenschnelle Reagieren müssen, ohne Zeit zu haben, Probleme zu analysieren und nach Lösungen suchen zu können – das lehnt Kanzelmeier für sich ab. „Ich muss schon beruflich immer aufpassen wie ein Luchs, damit der Betrieb läuft.“

Und: „Man muss ja nicht immer erst 30 Jahre im Amt sein, bevor man es abgibt. Vielleicht führt das jetzt dazu, dass ich weniger Stimmen bekomme. Aber das macht nichts.“  

Von Sylvia Wendt

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