Verzicht auf Pestizide

Konventioneller und Bio-Landwirt arbeiten gemeinsam an einer besseren Zukunft

Wilfried Denker (l.) und Malte Benger nehmen ein Bio-Dinkelfeld unter die Lupe.
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Wilfried Denker (l.) und Malte Benger nehmen ein Bio-Dinkelfeld unter die Lupe.

Wilfried Denker sitzt auf einer Bank vor seinem Haus in Sudwalde und kratzt vornübergebeugt Moos mit einem Taschenmesser aus den Rillen der Pflastersteine. Währenddessen erzählt Malte Benger auf der Bank gegenüber, warum er, der konventionelle Landwirt, mit Denker, dem Bio-Landwirt, seit knapp eineinhalb Jahren gemeinsame Sache macht.

Sudwalde/Süstedt – Im Bundesprojekt Finka („Förderung von Insekten im Ackerbau“) sollen biologisch wirtschaftende Landwirte ihren konventionellen Berufskollegen Möglichkeiten aufzeigen, wie sie ihre Felder umweltfreundlicher bestellen können.

Denker und Benger sind überzeugt: eine andere Landwirtschaft ist möglich

Denker ist anfangs eher still und lässt Benger, den er schon viele Jahre persönlich kennt, die Kooperation erklären. Doch dann geht es darum, dass viele konventionelle Landwirte behaupten, sie würden im Einklang mit der Natur arbeiten – und da platzt dem 64-jährigen Bioland-Bauern der Kragen. „Das fängt hier im Kopf an“, sagt Denker und tippt sich energisch an die Stirn. „Insgesamt würde ich nicht sagen, dass die Landwirte da bereit sind, was zu tun.“ Benger ist erst zurückhaltend. Dann sagt aber auch der Süstedter Landwirt: „Es gibt schon viele, da hat er recht.“ Beide vermitteln den Eindruck: Eine andere konventionelle Landwirtschaft als der Status quo ist möglich.

Finka-Projekt: Erstes Fazit im Herbst

Das Verbundprojekt „Förderung von Insekten im Ackerbau“ (Finka) im Bundesprogramm Biologische Vielfalt will Lösungsstrategien zur Förderung von Insekten in der Agrarlandschaft erarbeiten. Mit Bundes- und Landesfördermitteln sowie unter Beteiligung des Kompetenzzentrums Ökolandbau, des Netzwerks Ackerbau und des Landvolks in Niedersachsen, sowie des ZFMK in Bonn und der Georg-August-Universität in Göttingen sollen insgesamt 60 konventionelle und Bio-Landwirte in Niedersachsen bei ihren Feldversuchen fachlich und finanziell unterstützt werden. Das Projekt ist Anfang 2020 gestartet und läuft bis 2025.

Auf einem Feldtag wurden am Mittwoch erste Ergebnisse auf Malte Bengers Hof in Süstedt unter die Lupe genommen. Leen Vellenga vom Kompetenzzentrum Ökolandbau hält fest: „In diesem Jahr hat das bei Malte Benger auf dem Betrieb sehr gut funktioniert.“ Er gibt allerdings auch zu bedenken: „Eigentlich kann man das Zwischenfazit erst nach der Ernte ziehen.“ Das wäre etwa im September/Oktober.

Statt des Ernteertrags stehe zudem etwas anderes im Mittelpunkt, so Vellenga: die Steigerung der Insektenvielfalt auf dem Feld und der Austausch der Landwirte untereinander. Letzteres laufe bereits sehr erfolgreich.

Ein bis drei Hektar Land bewirtschaften die 30 niedersächsischen Landwirte-Tandems im Finka-Projekt versuchsweise ohne Pflanzenschutzmittel. Denker pflanzt Dinkel, Benger Weizen. Auf das umstrittene Glyphosat verzichtet der 31-Jährige schon länger. Jetzt will er es einmal komplett ohne Insektizide und Herbizide versuchen. Denker hilft ihm dabei mit speziellen Hack- und Striegeltechniken, um das Unkraut loszuwerden. Ein Exot sei er damit unter seinen konventionell wirtschaftenden Kollegen aber nicht, so Benger. „Hacken und Striegeln ist als Thema auf dem Vormarsch.“

Wandel zum Bio-Hof ist nicht so einfach

Doch warum wird Malte Benger nicht gleich Bio-Landwirt, wenn er seinen Gifteinsatz reduzieren will? „So ein Umstieg ist nicht mal eben so gemacht“, erklärt er. Sein Hof in Süstedt, auf dem er neben Ackerbau auch eine Rinder- und Putenzucht betreibt, arbeite seit 60 Jahren konventionell. Wichtig sei ihm am Ende, dass er auch in den kommenden 15 Jahren sichere Erträge erzielt.

Ist das Finka-Projekt also mehr ein Herantasten ans Bio-Business? Benger verneint – und führt eine unerwartete Argumentation ins Feld: Der Pflanzenschutzmittel-Verzicht sei eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Rund 50 Prozent der in Europa zugelassenen Mittel dürften in einigen Jahren aufgrund der strengen Gesetzgebung nicht mehr erlaubt sein, vermutet er. „Dem möchte ich vorgreifen.“ Doch das bedeutet neue Herausforderungen. „Ich kann wenig Fehler reparieren“, beschreibt Bio-Bauer Denker seine Lage. Sprich: Was an Pflanzen kaputt ist, ist kaputt.

Methoden der Feldbearbeitung in der Ausbildung zu selten Thema

Wurde in den vergangenen Jahren an den Landwirtschaftsschulen zu wenig Fokus auf Alternativen zum Gift gelegt? Benger sagt: „Ganz klar.“ Während seiner Ausbildung in Österreich sei es immer nur darum gegangen: Wie kann ich die eigentlich viel zu teure Spritze finanzieren? Grundlegende Methoden der Feldbearbeitung seien kaum vorgekommen.

Das Thema Spritzen bringt Denker derweil regelmäßig auf die Barrikaden. Ein Grund: Wenn konventionelle Landwirte ihre Giftspritzen falsch justieren, geht ein Großteil in die Natur – und auf Denkers Bio-Felder nebenan. Abstand halten, nachjustieren? Fehlanzeige. Viele wollten auch am Rand 100 Prozent Abdeckung haben, erklärt Benger. „Das Böse kommt vom Rand, aus der Natur“ sei eine verbreitete Einstellung, ärgert sich Denker. „Es gibt einfach das Problembewusstsein nicht. Es gibt nicht den Willen, was zu verändern“, sagt er. „Wenn die da was machen wollen, haben die noch einen ganz weiten Weg vor sich.“

Warum es mehr gibt, als Bio und konventionell ‒ Kommentar von Luka Spahr

Schwarz und weiß. Jung und alt. Arm und reich. Wenn der Besuch auf dem Biohof Denker eines gezeigt hat, dann, dass es immer auch Zwischentöne und Graustufen gibt. Bio-Landwirtschaft ist nachhaltig, die konventionelle eine reine Giftschleuder? Malte Benger zeigt, dass es auch klassische Landwirte gibt, die umweltfreundlich arbeiten wollen. Stigmata und Vorurteile tun niemandem gut. Stattdessen sollten alle Parteien einander zuhören und genauer hinschauen: Wer ist die Person eigentlich, die mir gegenübersteht, und was hat sie zu sagen?

Diese Vielfalt ist in den vergangenen Jahren auch verstärkt an der steigenden Anzahl landwirtschaftlicher Verbände und Initiativen zu erkennen. Den einen beherrschenden Verband, dem alle angehören: Den gibt es nicht mehr. Heute setzen Bündnisse wie „Land schafft Verbindung“ und viele andere wichtige Impulse. Genau so, wie es in Deutschland nicht eine politische Partei gibt, in deren Programm sich alle wiederfinden, gibt es auch unter Landwirten eine große Meinungspluralität. Das ist etwas Gutes. Nur durch Vielfalt, Zwischentöne und Graustufen, nur durch Diskussion und Argumentation ist ein demokratisches Miteinander möglich. Das bringt am Ende alle nach vorne.

Die beiden Landwirte wissen, dass sie mit diesen Aussagen eine streitbare Position vertreten. Sie unterstreichen am Ende mehrfach, dass dies ihre ganz persönliche Meinung sei und die meisten Landwirte trotz allem freundlich und entgegenkommend seien.

Bei aller Kritik untereinander: Landwirte müssen im Gespräch bleiben

Neben dem Ärger über einige Berufspraktiken im konventionellen Bereich vertreten die beiden vor allem eine Einstellung: offen auf andere zugehen. Benger sagt über seine Teilnahme am Finka-Projekt: „Ich möchte was sehen und was lernen.“ Und auch Denker nimmt etwas mit: Er will die Beweggründe seines Kollegen verstehen und „wie er die Welt sieht“.

Vorsichtig sagt der 31-Jährige schließlich, dass er etwa von den Insektenzählungen, die Teil des Finka-Projektes sind, ja eigentlich gar nichts habe. Aber neben dem wissenschaftlichen Mehrwert rege das Projekt auch zum Nachdenken an: „Ist die Form, wie wir es machen, die richtige?“ Malte Benger ist überzeugt: „Das Projekt ist an und für sich super.“ Er hofft, in Zukunft ohne große monetäre Verluste weitestgehend auf Spritzmittel verzichten zu können. Und Wilfried Denker? Will er Benger nicht insgeheim auch ein wenig zur Bio-Landwirtschaft bekehren? Da muss er laut lachen. „Wenn alles richtig läuft, dann fange ich an zu missionieren.“

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