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Neues Dorfarchiv in Neuenkirchen wächst um alte Schulunterlagen

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Von: Sylvia Wendt

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Karl Weise freut sich auf Gäste im neuen Dorfarchiv.
Karl Weise freut sich auf Gäste im neuen Dorfarchiv. © S. Wendt

Neuenkirchen – Zwei oder drei Schläge für Faulheit, Unanständigkeit, Lüge und Trotz oder Ungehorsam. Satte sechs Schläge sind da eher die Ausnahme. Aber die Schüler Ernst und Heinrich hatten ja auch eine kleine Schülerin mit einem Stein beworfen. Also gab Lehrer Weimar jedem von ihnen sechs Schläge mit dem Rohrstock als Strafe. Lehrer Weimars Züchtigungen in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg sind notiert im Strafenbuch, das jetzt wieder am Ort der Bestrafung eingetroffen ist: Das neue Dorfarchiv des Heimatvereins Neuenkirchen füllt bereits ein Zimmer in der alten Schule des Ortes.

Und will wachsen. Zwei Kisten voller Unterlagen mit Angaben über Schüler und Seelenzahlen ebenso wie Viehbestandauflistungen und „Theilungsgeschäfte“ sind noch mithilfe einer Excel-Tabelle in ein sogenanntes Findbuch zu übertragen. Karl Weise vom Heimatverein kümmert sich darum. Und weil er kein Sütterlin gelernt hat, muss er sich die in Sütterlin handschriftlich verfassten Beschriftungen, Notizen, Einträge mühsam erarbeiten. Schließlich gilt es, die Unterlagen und Dokumente so zu erfassen, dass sie auch wiederzufinden sind. Das Findbuch trägt seinen Namen ja nicht umsonst.

Und wie es in vielen kleinen Vereinen der Fall ist: Die Zahl der Aktiven ist überschaubar. Bei der Erfassung der Dokumente und Sicherung für die Nachwelt seien sowieso nicht so viele Helfer notwendig, wiegelt Karl Weise ab: „Es ist sehr zeitaufwendig, aber es macht auch Spaß.“ Weise diszipliniert sich selbst: Ja, natürlich muss man die Unterlagen durchblättern. Aber: Weise reißt sich los aus mitunter spannender Lektüre, wenn er die Zuordnung einwandfrei bestimmen kann und die notwendigen Stichworte für das Findbuch festlegen.

In Pergamentpapier eingeschlagen wird jedes Exponat.
In Pergamentpapier eingeschlagen wird jedes Exponat. © S. Wendt

Aber auch im Heimatverein Neuenkirchen ist es, wie mit anderen Geschichtsvereinen: Gerade ist eine Frage beantwortet, tauchen drei neue auf. Die Kisten, die Weise gerade neu ins Dorfarchiv Neuenkirchen aufnimmt, hat 2018 bereits Jürgen Sandkuhl aus Leeste, auch er ein versierter Heimatpfleger, in Augenschein genommen. Er hat grob notiert, was in den Kisten zu finden war. Weise hat diese Kisten jetzt erhalten – und es fehlen einige Unterlagen. Unter anderem nicht mehr dabei ist ein Entschuldigungsbuch, das Sandkuhl noch aufgelistet hatte. Hier wurde eingetragen, warum ein Kind nicht in der Schule war, mit welcher Entschuldigung die Eltern oder andere Erziehungsberechtigte das Fernbleiben begründet hatten. Unbeantwortet bleibt zunächst auch die Frage, ob tatsächlich nur Jungs den Zorn des Lehrers auf sich gezogen haben – es fehlen Einträge von Schülerinnen, für jegliche Bestrafungen. Eine Karte von 1771 aus dem Kurfürstentum Hannover soll zu den Unterlagen gehört haben, Karl Weise ist noch nicht auf diese Karte gestoßen.

Eine andere Karte wiederum hat Weise zur Restaurierung bei einem befreundeten Fachmann in Arbeit. Kosten für Kleinigkeiten, die kann der Verein stemmen – aber größere? Etwa die Übersetzung der historischen Dokumente – buchen und gegen Bezahlung in Auftrag zu geben, das ist kein Problem. „Das können wir uns aber nicht leisten“, erklärt Weise.

In der Ecke des Fenstersimses steht ein mattsilberner Pokal – woher stammt der? Nicht der Heimatverein hat ihn gewonnen – nein, es ist der Wanderpokal, der einst im Reitklub Hubertus Neuenkirchen weitergereicht wurde an siegreiche Reitersleut. Ihre Fotos hängen im Eingang zum neuen Dorfarchiv. Unterlagen vom Bau der Eisenbahn um 1900 in Neuenkirchen hat ein Bürger (noch) zu Hause. Die Familie hätte die Schienen gerne parallel zur Straße gehabt, das Hochbauamt hatte aber die Trasse unumstößlich festgelegt. Heute wächst nicht nur Gras über die Schienenstränge.

Alte Schulbücher geben Einblicke im Dorfarchiv in Neuenkirchen, das an diesem Freitag, 10. März, wieder geöffnet ist.
Alte Schulbücher geben Einblicke im Dorfarchiv in Neuenkirchen, das an diesem Freitag, 10. März, wieder geöffnet ist. © S. Wendt

1992 haben Hans Ehlich und Werner Cordes eine erste Chronik zur Gemeinde verfasst. Auch sie ist im neuen Dorfarchiv bereits eingetroffen, noch nicht inventarisiert und damit ohne Pergamentpapierhülle – aber zu sehen ist sie. Karl Weise hat die Findbuchsystematik akribisch für jedes Ausstellungsstück angewendet – und hofft, dass sich neben zwei Kisten, die die Samtgemeindeverwaltung dem Verein jüngst für das Dorfarchiv überlassen hat, weitere Unterlagen und Ausstellungsstücke finden.

Wer sich von der Arbeit selbst ein Bild machen möchte, der hat auch in diesem Jahr an jedem zweiten Freitag im Monat Gelegenheit. Das nächste Mal am Freitag, 10. März: Von 16 bis 18 Uhr ist Karl Weise vor Ort, lädt ein, in die Geschichte der Gemeinde Neuenkirchen einzutauchen und in alte Dokumente zu schauen – und, nein, es muss niemand Lebendes Angst haben, dass schlechte Noten oder ungebührliches Verhalten, notiert in den Schulunterlagen, für jedermann einsehbar ist. Der Datenschutz greift auch hier: Karl Weise hat einen Ordner voll mit Unterlagen, die erst 2055 an die Öffentlichkeit gehen dürfen.

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