Dirk Nienhaus - Bocholter Landschwein

Agrarblogger will Tierhaltung zeigen, wie sie wirklich ist

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Landvolk-Vorsitzender Theo Runge (links) mit dem Landwirt und Agrarblogger Dirk Nienhaus (rechts), der seinen Berufskollegen den virtuellen Dialog mit den Verbrauchern ans Herz legt. 

So provozierend wie die Bilder, die Agrarblogger Dirk Nienhaus zeigt, ist der Titel seines Vortrags: „Ein Massentierhalter packt aus.“ Denn dem unrealistischen Bild von der Zuckerguss-Landwirtschaft, garniert mit der lila Kuh, kann und will der 41-jährige Landwirt aus Bocholt nicht entsprechen.

Groß Lessen - Er wirbt bei Facebook, Instagram und Youtube als Bocholter Landschwein für die moderne Landwirtschaft – und bei seinen Berufskollegen im Landvolk Grafschaft Diepholz dafür, mutig im Stall das Handy zu zücken und Verbraucher aufzuklären.

Rund 170 Landwirte, Politiker und Wirtschaftsvertreter entführt er während der Kreisverbandsversammlung im Gasthaus Husmann in Groß Lessen in die virtuelle Welt der Werbung – mit Bildern, die gegensätzlicher nicht sein können. Da sind die unberührte Alm und die romantischen Berge einerseits – und die blutgetränkten, leidtriefenden Bilder von Tierschützern andererseits.

„Es gibt Skandale, es gibt schwarze Schafe“, gesteht der Landwirt. Dass Organisationen aber Ausnahmen immer wieder anprangern, hat laut Nienhaus einen anderen Grund: „Die machen mit den Bildern richtig Knete.“ Skandalwerbung nennt er das. Höhepunkt der Entwicklung ist für ihn die Katjes-Werbung für vegane Schokolade, die eine graue Armee ausgelaugter Kühe mit Melkmaschinen an den Eutern zeigt – weil sie auch den allerletzten Tropfen Milch hergeben müssen.

Nienhaus postet direkt aus seinem Stall

Und der Verbraucher? Davon gibt es drei Sorten, meint der Agrarblogger: „Den einen ist alles scheißegal. Sie kaufen alles und hinterfragen nichts.“ Die zweite Kategorie: „Hoffnungslos. Spinnerte und Veganer. Die haben ganz andere Vorstellungen von Ernährung.“ Aber die dritte: „Kritische Verbraucher, die genau hinterfragen – um die müssen wir uns kümmern!“ Andere, wie Peta und ähnliche Tierschutzorganisationen, hätten das schon getan.

„Ich denke, wir können genauso Einfluss nehmen“, ermutigt er seine Berufskollegen. Deshalb postet Nienhaus Videos und Fotos aus seinem Stall. 230 Sauen hält der Ferkelerzeuger in Bocholt, außerdem ein paar Bullen, und er betreibt Ackerbau, berichtet er in Groß Lessen.

Sein Anspruch: „Tierhaltung zeigen, wie sie wirklich ist. Zusammen mit unseren Gesichtern. Wir haben den Menschen unsere Gefühle dargelegt“, berichtet er über die Resonanz auf seine Internet-Beiträge, „und die Leute haben es verstanden“.

Shitstorm? „Einfach ignorieren“

In einem Video erklärt er, wie bei einem Ferkel das Kupieren des Schwanzes funktioniert. Und berichtet von vielen sachlich-verständnisvollen Rückmeldungen, aber auch von einem Shitstorm. Wie reagiert er darauf? „Einfach ignorieren“, rät der Agrarblogger. Er beschreibt ganz genau, wie die Jagd nach Klicks im Internet funktioniert und für wie viel Geld man dort 30.000 Follower kaufen kann: „350 Euro in asiatischer Währung.“ Im praktischem Feldversuch erklärt er, wie Klickzahlen die Suchergebnisse bei Google verändern – und so ein völlig unrealistisches Bild vom Glyphosateinsatz entsteht.

„Seht zu, dass ihr gut vertippt seid, damit ihr gut gefunden werdet“, lautet sein Rat für den Internet-Auftritt. „Zeigt was ihr macht. Seid stolz auf euren Beruf.“

„Die Landwirtschaft als Sündenbock der Nation“

Doch viele Landwirte empfinden, stellt Theo Runge als Landvolk-Vorsitzender gleich zu Beginn der Kreisverbandsversammlung fest, momentan etwas völlig anderes: „Die Landwirtschaft als Sündenbock der Nation.“ Runge erinnert an die bundesweiten Demonstrationen mit 18.000 Traktoren: „Sie haben die Landwirtschaft wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit katapultiert – und zwar positiv.“ Derweil werden zwischen Kaffee und Kuchen Karten von den sogenannten roten Gebieten gezeigt, die Landwirte nicht mehr bewirtschaften sollen. 

Runge erinnert an weitere Pläne, die den Landwirten das Leben schwer machen. Er stellt klar, dass Proteste wichtig sind – und nicht, ob das Landvolk sie organisiert: „Das Landvolk ist nach wie vor in der Lage, an wichtigen Schaltstellen und mit Entscheidungsträgern Gespräche zu führen und Einfluss zu nehmen.“ Mittlerweile, so betont der Landvolk-Chef, „geht es um bäuerliche Existenzen“. Er wirft den zuständigen Ministerien vor, einem „angeblichen politischen Mainstream“ hinterher zu laufen: „Die daraus resultierenden Verbraucherwünsche können wir nur erfüllen, wenn sie ausgeglichen werden. Ansonsten ist dies das Ende von mindestens 30 Prozent der deutschen landwirtschaftlichen Betriebe.“

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