HAUSGESCHICHTE(N) Schweringhäuser Schule bleibt erhalten

Lehrer ackern – Archiv verschwindet

Erhalten bleiben soll die Fassade des alten Schulgebäudes in Schweringhausen.
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Erhalten bleiben soll die Fassade des alten Schulgebäudes in Schweringhausen.

Was passiert mit der alten Schule in Schweringhausen? Die Gemeinde Ehrenburg hat einen Käufer gefunden, der ihre Vorgaben erfüllen und die Fassade des markanten Gebäudes erhalten möchte. Ein Blick in die Geschichte bietet einen bunten Strauß Leben - und einen Todesfall.

Wie es hieß, gab es aber auch nichts Üppiges, denn die Menschen hätten nicht mehr gehabt als Buchweizengrütze. Burhop, Sohn des Stocksdorfer Lehrers, unterrichtete von 1828 bis 1832 in Schweringhausen, wanderte aufgrund der schlechten Versorgung in die USA aus.

Nachzulesen ist dies in der Chronik der Gemeinde Ehrenburg, die Dr. Hans Gerke 1972 verfasst hat. Die Schweringhauser Schule, als „Nebengebäude“ zur Schmalfördener Schule, habe es seit 1734 gegeben, ausschließlich für Grundschulklassen – für Schülerinnen und Schüler bis zum zehnten Lebensjahr. Ältere wechselten nach Schmalförden. Neubauten wurden 1788 und 1828 errichtet – der Schulbau von 1788 sei so „eilfertig und ohne die gehörige Aufsicht“ erfolgt, dass er schnell baufällig war und 1828 durch ein neues Gebäude ersetzt werden musste. Das Gebäude, das bis 1912 als Schule genutzt worden sei, sei dann an eine Familie Pleuß verkauft worden, die dort eine Schmiede eingerichtet habe.

Stillleben in der alten Schule Schweringhausen.

Unterrichtet wurde in dem 1912 für 21 242,65 Mark errichteten Neubau „nebenan“ bis zum Jahr 1974. Dann sei das Haus „zu Wohnzwecken“ vermietet worden. Von 1978 bis 1982 allerdings erlebte die alte Schule eine Renaissance: So viele Schüler gab es damals in Ehrenburg, dass eine Klasse „ausgelagert“ werden musste. Diese Klasse absolvierte alle vier Grundschuljahrgänge mit Lehrer Heinz Sassenhagen aus Neuenkirchen in der „Schweringhäuser Idylle“.

Gerke listet in seiner Chronik die verschiedenen Schulleiter seit 1912 auf, manche waren über Jahrzehnte hier tätig, wie etwa Lehrer Georg Wrede, der von 1910 bis zu seinem Tode 1943 in Schweringhausen unterrichtet habe.

„Landwirte im Nebenerwerb“

Andere werden hierher nur zur Stippvisite abgeordnet, der letzte Schulleiter war Alfred Wabbels, der von 1965 bis 1974 hier unterrichtete. Die Hofstelle sei als sogenannte Neubauerei eingestuft worden. Das karge Lehrergehalt zwang die Lehrer sozusagen, im Nebenerwerb auch als Landwirt zu arbeiten. Eine kleine Stallung, Grünland, ein Ackerstück und eine kleine Wiese hätten laut Chronik zur Verfügung gestanden, damit sich die Lehrerfamilie versorgen konnte. Über die Jahre habe die Schule einiges an Land erhalten und dieses verpachtet, die Einnahmen seien sowohl an die Schule wie auch an die Gemeinde gegangen. Ratsherr Jürgen Döpke kann sich an etliche Einsätze im Schulgarten erinnern: „Kartoffeln pflanzen und gießen, etwa.“

Die Zahl der Schüler schwankte: War sie bis 1900 angestiegen auf 71, so sank sie – bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Flüchtlingsströme sie auf 115 im Jahr 1949 hochschnellen ließen. 1955 folgte der Tiefstand mit 39 Mädchen und Jungen, die in der Schweringhäuser Schule lernten, aufgeteilt auf die Klassen eins bis vier.

In der Schulchronik bedeutsam war der 17. November 1921: In der Lehrerwohnung (sowie in neun Bauernhäusern der Ortschaft) brannte erstmals elektrisches Licht. „Der Kreis hatte für 4,5 Millionen Mark eine Fernleitung bauen lassen, an die sich die Gemeinde anschloss“, heißt es in der Chronik.

Britische Truppen ziehen im April 1945 ein

Im Jahr 1945 seien am 7. April erste englische Panzerspähwagen gesichtet worden, drei Tage später sei die Schule durch Militär belegt worden. Ein Unterrichten sei nicht mehr möglich gewesen, die Kinder seien zum Sammeln von Heilkräutern geschickt worden. Mitte Juli seien die Engländer wieder abgerückt. Aus alten Wagenrädern mussten neue Schulbänke hergestellt werden – die Engländer hatten die alten verbrannt. Einen Stuhl habe sich jedes Kind selbst mitbringen müssen. Im Jahr 1961 sei neben der Schule in Gemeinschaftsarbeit der Sportplatz errichtet worden, 1964 folgte das „Feuerwehrhaus“.

Heute ist das markante Gebäude in der Mitte Schweringhausens verkauft. Ein letzter Gang durch die Räume mit Ratsherr Jürgen Döpke, der hier zur Schule gegangen ist; nicht als einziger aus seiner Familie. Alte Zeugnishefte belegen das: 1910 Opa Georg, 1922 war es Oma Döpke, es folgte Vater Hermann, zu dessen Zeit acht Klassen hier unterrichtet wurden und eben Jürgen, zu dessen Zeit Mitte der 1960er Jahre die Schülerzahl vier Klassen hergab. An der Wand im Flur, der zum Schulungsraum der Ortsfeuerwehr führt, geben Bilder Einblick in das Dorfleben von einst.

Wohin ist nur das Archiv der Ortschaft verschwunden? Es war in diesem Raum im Dachgeschoss des Gebäudes untergebracht.

Im Dachgeschoss sind noch die Leinen gespannt, Wäscheklammern dran. Ein abgeteilter, leerer Raum, über den Döpke sagt: „Da war früher das Archiv drin.“ Und wo ist das Archiv heute? „Das weiß keiner.“ Wie? „Ja, irgendwann war es einfach weg, alle Dokumente, alle Unterlagen aus der Geschichte Schweringhausens“, sagt Döpke. Das Dach sei vor einiger Zeit erneuert worden, an manchen Stellen regne es durch. In einem Zimmer sind die Wände verfärbt, ist ein Teil des Holzbodens entfernt. Erinnerungen an einen unschönen Einsatz für die Mitglieder der Ortsfeuerwehr, als über einen längeren Zeitraum der Bewohner hier tot in seinem Bett gelegen hat.

Andere gemeindeeigene Wohnungen seien renoviert worden, aber hier, in der alten Schule, das würde teurer. Fachleute hätten von einem „Fass ohne Boden“ gesprochen. Der Schulungsraum der Ortsfeuerwehr befindet sich im Haus, das Einsatzfahrzeug ebenso. Verkaufen, lautete der Ratsbeschluss. Mit Auflagen: Die Fassade soll erhalten bleiben und die Feuerwehr die Unterkunft nicht verlieren. Kaufinteressenten wollten nach den Ortsterminen in der Regel den Abrissbagger bestellen, aber nicht in den Erhalt investieren.

Eine Renovierung ist dringend notwendig. Wie das Haus in Zukunft genutzt wird, ob als Wohnraum oder für eine betreuende Einrichtung, ist noch unklar.

Nun ist das Haus verkauft. Der neue Besitzer hatte verschiedene Nutzungsoptionen geprüft. Letztlich hat sich die realistische Lösung durchgesetzt: Es sollen vier Wohnungen entstehen. Erste Arbeiten im Inneren seien bereits erfolgt, das Dach werde als Nächstes repariert. „Im Grunde führen wir eine Kernsanierung durch“, kündigt der neue Eigentümer an.

Eine Leserzuschrift erreicht uns nach der Veröffentlichung. Als Leiterin des Heimatvereins Kirchspiel Schmalförden teilt Margret Bliefernicht mit, das sich im Archiv des Heimatvereins Kirchspiel Schmalförden in Wesenstedt einige Akten der Schweringhäuser Schule befinden. „Sie wurden dem Heimatverein kürzlich zur Aufbewahrung übermittelt. Es sind Schülerverzeichnisse von 1913 bis 1942, sowie Zeugnisbücher von 1898 bis 1973. Vermutlich wurden sie bei der Schulschließung 1982 an die Schule in Ehrenburg übergeben. Ich bedaure es sehr, dass die eigentliche Schulchronik nicht auffindbar ist, weil die Aufzeichnungen der Lehrer häufig wichtige Hinweise über das Leben und den Alltag in den Dörfern geben. Vielleicht kann dies eine Anregung sein, einmal zu gucken, ob die Chronik nicht doch noch irgendwo aufzufinden ist. Möglicherweise wäre das Archiv des Heimatvereins ein geeigneter Ort zur Aufbewahrung. Richtigstellen möchte ich, dass der erste Lehrer in Schweringhausen 1734 Johann Schütte war, der dort 50 Jahre unterrichtete. Georg Christian Philipp Burhop war der erste und einzige Lehrer in Wietinghausen, der natürlich reihum von den dort angesiedelten Bauern beköstigt wurde. Nach seinem Weggang mussten die Wietinghäuser Kinder wieder die Schule in Schweringhausen besuchen.“

Unsere Serie „Hausgeschichte(n)“

Private Häuser im südlichen Landkreis Diepholz: Deren Geschichte und auch Geschichten von Bewohnern stellen wir in der Serie „Hausgeschichte(n)“ vor. Besitzen oder bewohnen Sie ein Gebäude, das etwa 100 Jahre alt ist und über das oder aus dem es Interessantes zu erzählen gibt? Dann lassen Sie es Teil der Serie werden. Schreiben Sie eine E-Mail mit dem Betreff Hausgeschichte(n) an redaktion.diepholz@kreiszeitung.de beziehungsweise redaktion.sulingen@kreiszeitung.de und beschreiben Sie darin kurz und stichwortartig die Besonderheiten des Gebäudes. Bitte Anschrift und Telefonnummer nicht vergessen. Nach Prüfung und Absprache verfassen wir dann einen Bericht mit Fotos. Kosten entstehen Ihnen dadurch selbstverständlich nicht.

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